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Montag, 15. Dezember 2008

Nichts ist spannender als die Wirtschaft

Drei lesenswerte Artikel aus der Wirtschaftsunterwelt.

Im 17. Stock verschwand das Geld. Die New York Times beschreibt, wie Bernard Madoff jahrelang in einem New Yorker Hochhaus mit weniger als zwei Dutzend Mitarbeitern ein milliardenschweres Schneeballsystem am Laufen hielt. Die Idee selbst ist wahrscheinlich der älteste Finanztrick der Menschheit: Sammle neues Geld ein, das du an deine alten Gläubiger ausschüttest, und schaffe die ursprünglichen Einlagen zur Seite. Das Spiel kann man immer weiter treiben – bis es irgendwann zusammenbricht. Zum Beispiel, weil eine Finanzkrise daherkommt und viele Anleger aus Furcht ihr Geld abziehen wollen. Und weil man gerade in Krisen nicht genug neues Geld einsammeln kann, um die alten Anleger auszuzahlen, fällt das Kartenhaus in sich zusammen. Eine schöne Beschreibung solcher Schneeballsysteme liefert Bob Shiller im vierten Kapitel seines Buchs über Finanzkrisen.

Jetzt, da die Krise in vollem Lauf ist, wollen es ganz viele schon immer gewusst haben. Wie aber kann man die angeblichen von den echten Propheten unterscheiden? Michael Lewis wählt im Portfolio-Magazin eine kluge Strategie: Er sucht nach Marktbeobachtern, die nicht nur geredet, sondern auch mit ihrem eigenen Geld auf einen Absturz des Immobilienmarkts und der Hypothekenbanken spekuliert haben. Diese Propheten müssen die echten sein. Fündig wird Lewis unter anderem bei Steve Eisman, der durch die Finanzkrise reich wurde. Schon in den neunziger Jahren bezeichnete Eisman als Analyst erstmals eine Hypothekenbank als Insolvenzfall. Daraufhin wehrten sich die Banker: Ihr Institut sei gegen alle Entwicklungen abgesichert. Im nächsten Gutachten schrieb Eisman, die Bank sei tatsächlich perfekt gegen Änderungen immunisiert: Sie werde in jedem vorstellbaren Marktumfeld Geld verlieren. Einige Monate später ging die Bank in die Insolvenz.
40 Milliarden Dollar Schulden – und trotzdem hat jahrelang niemand bemerkt, wie es um XYZ stand. Dabei machte die Firma alle Zahlen öffentlich. Nur hat sie niemand gelesen. Oder verstanden. Und wer ist daran schuld?
So fragte das Wirtschaftsmagazin brand eins schon im Sommer 2007 (in einem übersetzten Artikel aus dem New Yorker). Die These: Skandale werden heute nicht mehr durch Journalisten aufgedeckt, die geheime Dokumente in der Tiefgarage zugesteckt bekommen. Sondern durch Analysten, die all die tausend öffentlich verfügbaren Informationen zu einem großen Bild zusammenlegen, das außer den Betrügern noch niemand gesehen hat. Ironischerweise ist der brand-eins-Artikel selbst die beste Bestätigung dieser Thesen. Denn die Firma XYZ im Vorspann war nicht etwa ein windiger Immobilienfinanzierer des Jahres 2007, sondern der betrügerische Energiekonzern Enron, Insolvenzjahrgang 2001. Das neue große Bild, das Bild der Immobilienkrise, hatte auch brand eins im Sommer 2007 noch nicht zusammengesetzt.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Shiller in London

Über Thanksgiving war mein Makroökonomik-Professor Robert Shiller in London, um sein Buch zur Finanzkrise vorzustellen. Was er da so gemacht hat: Frühstück mit dem britischen Finanzminister, Treffen mit Gordon Brown in Downing Street No. 10, Diskussion mit dem Chef der britischen Zentralbank. Klingt nach einem interessanten Urlaub.

Dienstag, 18. November 2008

Kapitalismuskritik mal anders

Die Globalisierungskritiker von Attac gewinnen der Finanzkrise inzwischen Unterhaltungswert ab.


Ob auch Franz Gerlich über das Video lachen kann?

Donnerstag, 13. November 2008

Theorie und Praxis

Das Läster-Thema heute in der VWL-Fakultät: Myron Scholes hat seinen zweiten Hedgefonds an die Wand gefahren. Nun gut, das passiert gerade einigen Geldmanagern. Aber Scholes ist ein Sonderfall, hat er doch 1997 den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Finanzmarkt-Forschung gewonnen.

Scholes gehörte in den neunziger Jahren zu den Gründern des Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM), der jahrelang spektakuläre Erfolge feierte – bis das Geschäftsmodell in der Russlandkrise 1998 zusammenbrach. 4 Milliarden Dollar standen damals auf dem Spiel, es gab Krisensitzungen an der Wall Street und Angst vor einem weltweiten Zusammenbruch des Finanzsystems.

Nun hat es Scholes’ neuen Hedgefonds Platinum Grove Asset Management erwischt. In der ersten Oktoberhälfte verlor der Fonds fast ein Drittel seines Wertes; was an Mitteln noch übrig blieb, wurde inzwischen eingefroren. Diesmal stehen rund 5 Milliarden Dollar auf dem Spiel –und niemand nimmt davon Notiz.

Die Nachricht über das Aus für Platinum Grove stammt vom vergangenen Freitag, spricht sich aber erst langsam herum. Spiegel Online beispielsweise hat bislang mit keinem einzigen Wort berichtet. Es müssen wirklich harte Zeiten sein, wenn ein Hedgefonds-Crash von 5 Milliarden Dollar schon niemanden mehr schockiert.

Freitag, 31. Oktober 2008

Von Lachsbrötchen, Mathematik und Kreuzzügen

Fast hätte ich mich an meinem Lachsbrötchen verschluckt. Es war im vergangenen Herbst auf einer Pressekonferenz im piekfeinen Stuttgarter Hotel am Schlossgarten. Häppchenjournalismus der gehobenen Klasse. Ein Manager regte sich über die praxisferne Uni-Ausbildung auf. Ob er ein Beispiel nennen könne, fragte ein Presse-Kollege. Und was fiel dem Manager spontan ein? Das VWL-Studium in Tübingen. Da habe er neulich mal die Mathematik-Klausuren gesehen. So etwas Schwieriges. Wer das bloß können solle. Und wozu das überhaupt gut sein soll. So etwas brauche man später doch nie wieder zu wissen.

Von wegen. Jedenfalls, wenn „später“ das Graduiertenstudium in Yale ist. Beim Lernen für die Statistik-Klausur am Montag wird klar: Man muss das alles wissen. Und noch viel mehr. Tatsächlich wird VWL an den führenden Graduiertenschulen in Amerika als angewandte Mathematik gelehrt – was nicht nur für Begeisterung sorgt. Vor allem im Moment, da all die schönen, komplizierten Modelle so überhaupt nicht in der Lage zu sein scheinen, die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zu erklären. Eine Generalkritik von Arnold Kling:
Die Ökonomen haben sich in den vergangenen 30 Jahren darauf konzentriert, statistische Pornopgraphie zu produzieren, mit der junge Männer ihre Sucht nach mathematischer Selbstbefriedigung stillen können.

Meine Hauptkritik an den Ökonomen ist, dass ihre Standard-Modelle so schlecht erklären, was gerade passiert. Die Modelle aus den Lehrbüchern sind quasi nutzlos.

Makroökonomik, wie sie an den Graduiertenschulen gelehrt wird, ist noch schlimmer. Sind endlich die Kurse abgeschafft worden, in denen angenommen wird, dass rationale Agenten Euler-Gleichungen lösen können? Sind die Professoren gefeuert worden, die solche Kurse unterrichtet haben? Warum nicht?

Das ist zweifellos vollkommen überzogen. Auf der anderen Seite schrieb schon Fontane im Stechlin:

Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, dass Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei vernachlässigt, und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!

Montag, 27. Oktober 2008

Schau besser zweimal hin

Auf den ersten Blick: Der Dax endlich mal wieder im Plus.

Auf den zweiten Blick:
  • Allianz und Hypo Real Estate minus 14 Prozent
  • Deutsche Bank minus 15 Prozent
  • Commerzbank minus 17 Prozent
  • Postbank minus 24 Prozent
Ohne das irrwitzige Kursfeuerwerk bei VW (plus 147 Prozent) hätte es schon wieder düster ausgesehen. Noch kein Grund zur Entwarnung.

Freitag, 24. Oktober 2008

Ein kleinlauter Maestro

Der einstige Maestro kam zu Kreuze gekrochen. Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Chef der US-Zentralbank, trat am Donnerstag ziemlich kleinlaut vor den Kongress (Artikel der New York Times, Stenographischer Bericht). Schockiert und ungläubig sehe er die amerikanische Wirtschaft gegen die Wand fahren, sagte Greenspan. Gleichzeitig wies er alle Schuld von sich. Diese Krise sei nicht verherzusehen gewesen:
Es scheint mir, dass – wenn man zurückgeht und sich selbst fragt, wie vor einigen Jahren irgendjemand realistisch hätte abschätzen können, was schließlich mit den Subprime-Krediten passieren würde – ich denke, damit verlangt man mehr, als irgendjemand beurteilen kann. Und wir haben diese außergewöhnlich komplexe Weltwirtschaft, die – wie nun jeder erkennt – sehr schwierig in einiger Genauigkeit vorherzusagen ist. 
Wer also hätte die Immobilienkrise bloß ahnen können?

Bob Shiller zum Beispiel. 

Im Vorwort seines Buches über Finanzkrisen („Irrationaler Überschwang“, 2. Auflage) schrieb Shiller schon 2005:
Menschen in vielen Teilen der Welt sind übertrieben optimistisch, dass sich der Aktienmarkt und (vielerorts) der Immobilienmarkt extrem gut entwickeln. Diese überzogene Zuversicht kann zu Instabilität führen. Weitere signifikante Kursanstiege in diesen Bereichen können letztlich zu noch heftigeren Kursverlusten führen. Das schlimme Ergebnis kann sein, dass diese Verluste einen substantiellen Anstieg der Privatinsolvenzen auslösen, der wiederum eine zweite Insolvenzwelle, nämlich unter Finanzinstitutionen, nach sich zieht. 
Das hat kein obskurer Verschwörungstheoretiker in irgendeinem Pamphlet geschrieben, sondern ein Yale-Professor in einem Buch, das von Princeton University Press veröffentlicht und in 13 Sprachen übersetzt wurde.

Mit Unwissenheit kann sich Greenspan nicht aus der Verantwortung stehlen.

Rote Zahlen

Das sieht man auch nicht oft: dass alle, aber auch wirklich alle Börsenbarometer im Minus stehen.


Spiegel Online

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Geistige Goldstückchen

Am Mittwoch hat es über Yale geistige Goldstückchen geregnet. Einmal am Mittag, einmal am Abend. Innerhalb von zehn Stunden zwei Diskussionen, wie ich sie noch nicht erlebt habe.

Bislang hielt meinen Rekord im intellektuellen Nahkampf die mündliche Verhandlung im Cicero-Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht. Nach allen Regeln der Kunst nahm der Erste Senat im November 2006 den Generalstaatsanwalt von Brandenburg auseinander – gipfelnd sinngemäß in der Frage: Vom Rechtsstaatsprinzip haben Sie aber schon mal was gehört?

Auf die Ökonomie übertragen wurde der Diskussionsstil am Mittwochmittag in der VWL-Fakultät von Yale. Opfer der Debatte war Varadarajan Chari von der University of Minnesota. Chari stellte sein neues Modell zur Geldpolitik vor. Das Modell hatte keine nennenswerte neue Aussage, die Präsentation war bestenfalls wirr. Immerhin: Kompliziert war das Modell schon. Umso bemerkenswerter, mit welcher Leichtigkeit die Yale-Professoren in die Diskussion einstiegen und eine Schwachstelle nach der nächsten aufzeigten.

Am Abend dann eine Diskussion zur Finanzkrise – etwa die zwanzigste allein in Yale. Aber diese Diskussion war besonders. Auf dem Podium saßen nämlich drei der bekanntesten VWL-Professoren: William Nordhaus, Koautor eines VWL-Lehrbuchs, das jahrzehntelang der weltweite Standard war. John Geanakoplos, der in den angesehensten Fachzeitschriften veröffentlicht. Und selbstverständlich der übliche Verdächtige zur Finanzkrise, Bob Shiller. Die Law School durfte als Quotenjuristen noch den Unternehmensrechts-Experten Jonathan Macey auf das Podium setzen.

Vor mehr als 400 Zuhörern lieferten sich die vier Yale-Professoren einen Schlagabtausch ersten Ranges. Shiller kündigte seinen Nachredner Geanakoplos als „so eine Art Finanzingenieur“ an, wofür sich Geanakoplos mit einem Seitenhieb auf Shillers „ökonomisch-soziologisch-philosophisch-anthropologische“ Erklärung der Finanzkrise revanchierte. Anschließend ließ Nordhaus, der große alte Mann der Lehrbuch-VWL, seine beiden Vorredner als aufgeregte Jungspunde dastehen. Macey, ein begnadeter Redner, gab den Pragmatiker und setzte sich von drei Volkswirten ab. Interessant seien deren Vorschläge zwar schon, aber leider nicht umsetzbar.

Trotz heftiger Debatte auf höchstem Niveau – eine Patentlösung für die Finanzkrise hat auch dieser Abend nicht gebracht. Aber vielleicht gibt es Probleme, die so kompliziert sind, dass man ziemlich lange nachdenken muss, um wenigstens qualifiziert ratlos sein zu können.

Starbucks = Finanzkrise

Slate vom 20. Oktober

Welche Kennzahl misst das Ausmaß der Finanzkrise am besten? Der Vix? Der TED-Spread? Von wegen. Die Starbucks-Dichte! Je mehr Starbucks-Filialen es in einem Land gibt, desto schlimmer wütet dort die Finanzkrise. Das beobachtet zumindest das Online-Magazin Slate in einem ziemlich unterhaltsamen Artikel und liefert gleiche eine Erklärung mit: 
Eine hohe Starbucks-Präsenz ist ein ziemlich signifikanter Indikator für das Maß der Verbundenheit mit dem aufgedrehten, koffeingetriebenen Kapitalismus, der uns dieses Schlamassel eingebracht hat. 
Soweit die Mutmaßung. Was hingegen feststeht: Die Starbucks-Filiale gegenüber dem Konzernsitz von Bear Stearns ist schon geschlossen. (Für die jüngeren Leser: Bear Stearns war mal eine Investmentbank in den USA, ganz früher, als es in den USA noch echte Investmentbanken gab.)

Dienstag, 21. Oktober 2008

Erleichterung (ein bisschen zumindest)

Wenn über die Kreditkrise berichtet wird, fällt der Blick fast immer auf die Aktienkurse. Merkwürdig. Das ist so, als wolle man ein Fußballspiel beurteilen, würde aber nur die Reaktion der Zuschauer mitbekommen.

Denn im Kern dieser Krise geht es um den Kreditfluss, also die Bereitschaft der Banken, sich untereinander Geld auszuleihen und Kredite an ihre Kunden zu vergeben. Die Aktienkurse spiegeln nur die Reaktion der Investoren auf die Veränderungen im Kreditmarkt.

Und wie geht es dem Kreditmarkt? Noch nicht gut, aber es war schon mal schlechter. Eine zuverlässige Kennzahl für das Misstrauen der Banken untereinander ist der TED-Spread. Er gibt an, welchen Zinsaufschlag die Banken im Vergleich zur US-Regierung zahlen müssen, um an Kredite zu kommen (Hintergrund aus dem Blog-Archiv). Vor rund zwei Wochen lag der Spread noch über 4 Prozent; heute sind es nur noch 2,6 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im September.

Ein guter Zeitpunkt, um wieder Bankaktien zu kaufen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Im Englischen gibt es die Redewendung picking up nickels in front of a steamroller. Und diese Gefahr besteht weiterhin: dass man von einer Dampfwalze überrollt wird, während man ein paar Centstücke von der Straße aufheben will.

Montag, 20. Oktober 2008

Ein angeschossenes Raubtier

Bricht plötzlich die große Kapitalismus-Debatte aus?

In einer lesenswerten Kritik der Neoliberalen („Die Neunmalklugen“) zieht Susanne Gaschke in der Zeit vom Leder:
Von ihrer Unübersichtlichkeit her ist die gegenwärtige Situation, ist das großartige Scheitern aller neoliberalen Verheißung über die Weisheit der Märkte und die Überflüssigkeit des Staates, mit dem Untergang des Sozialismus verglichen worden. Im Gegensatz zu 1989 fällt allerdings ein Unterschied auf: Damals kam es schnell zu breiten Aufarbeitungsdebatten [...] Diese selbstkritische Betrachtung der eigenen Rolle, dieses kleine bisschen Scham ist in der aktuellen Krise aufseiten der ökonomischen Elite bisher nicht zu entdecken: wahrscheinlich, weil sich ihre Mitglieder tatsächlich nicht als Anhänger einer Weltanschauung unter mehreren, sondern als Inhaber einer unbestreitbaren Wahrheit betrachtet haben.

Noch am 18. August schrieb Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche: »Gerade in diesen Monaten zeigt sich, dass der Steuerstaat bis über die Perversionsgrenze geht: Brutalstmöglich werden jetzt auch kleine Einkommen ausgebeutet … Jeder Entlastung steht die Staatsgier entgegen. So will die SPD sogar die Absenkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung verhindern, um mit dem Geld der Beitragszahler Sozialklimbim zu finanzieren …«. Acht Wochen später setzte die Bundesregierung das den Steuerbürgern abgepresste Geld für den größten Sozialklimbim aller Zeiten ein: für die Rettung der Hypo Real Estate.

Sabine Christiansen ließ Woche um Woche aus ihrer Berliner Sendekugel den Untergang des Standorts verkünden: »Konjunktur-Angst – Aufschwung ade?«, »Sind wir ein Volk von Sozialschmarotzern?« oder »Macht dieses Steuersystem Deutschland kaputt?«. All diese Äußerungen, Sendungen, Veranstaltungen sind zurechenbar. Sie schufen einen Wahrnehmungsnebel, in dem das Land hochgefährdet, Parteien und Demokratie unfähig – und gefährlich – erschienen. Jetzt will es keiner gewesen sein, aber damals wussten alle genau, um was es ging: Effizienz. Rendite. Ökonomisierung aller Lebensbereiche. 
Selbst der kreuzliberale Economist titelt inzwischen „Kapitalismus im Rückzug“ und illustriert die Schlagzeile mit dem Bild eines von Pfeilen durchbohrten Raubtiers.



Der Leitartikel versucht mit dem Mut der Verzweiflung, einen optimistischeren Ton anzuschlagen:
Alle Zeichen zeigen in eine Richtung: eine stärkere Rolle für den Staat und eine schwächere für den Privatsektor. Wir hoffen, dass dies nicht passieren wird. In den vergangenen 150 Jahren hat sich der Kapitalismus für Milliarden Menschen ausgezahlt. Die Teile der Welt, in denen der Kapitalismus blühte, haben Wachstum erlebt; die Regionen, in denen er verwelkte, haben gelitten. Der Kapitalismus hat immer schon Krisen durchlebt und wird das auch in Zukunft tun. Die Welt sollte die jüngste Krise – so verheerend sie auch ist – als Lehrstück nutzen, wie man besser mit Krisen umgehen kann.  

Falls die Bail-outs gut umgesetzt werden, könnten die Steuerzahler am Ende sogar von der ungeliebten Hilfe für die Banken profitieren. Falls die Aufsichtsbehörden von der Krise lernen, können sie in Zukunft die Finanzmärkte besser regulieren. Der Kapitalismus ist auf dem Rückzug, aber alle, die an ihn glauben, müssen für ihn kämpfen. Bei allen Mängeln – der Kapitalismus ist das beste Wirtschaftssystem, das der Mensch bislang erfunden hat. 

Amen.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Paketfahndung

Amerika beginnt hinter der Church Street. Mit dem Ende des Yale-Campus endet auch ein Stück Europa. Man muss sich nur einmal die Autos auf dem Professoren-Parkplatz der Politikwissenschaftler anschauen: BMW, Renault, Volkswagen, Mercedes. Hier darf man sogar die New York Times lesen, ohne ausgebuht zu werden.


Weit hinter der Grenze, tief in Amerika, liegt die Hauptpost. Und in der Hauptpost liegt ein Paket für mich. Also auf den Weg. Es ist ein sonniger Herbsttag und mein Stadtplan vermerkt einen Fußweg mit dem schönen Namen „Visionenpfad“, der direkt an der Hauptpost vorbeiführen soll. Also laufe ich los. Ein Fehler.

Nach zwei Monaten in Yale habe ich offensichtlich vergessen, dass ich in Amerika bin. Hier läuft man nicht zu Fuß. Aus gutem Grund.

Die Gebäude entlang des „Visionenpfades“ werden immer schäbiger; es geht unter einer Eisenbahnbrücke entlang und dann an einem Schrottplatz vorbei. Mir kommt ein Schwarzer im Anzug mit seinem SUV entgegen. Ob ich zur Post wolle, fragt er. Und als nächstes, ob ich aus Europa komme. Offensichtlich bin ich kein Einzelfall.

Auch er muss ein Paket abholen – und nimmt mich einfach mit. So kann es auch gehen. Merke: Die Vorteile der Deutschen über die USA müssen nicht stimmen – und die Vorurteile der Amerikaner über ihre Mitbürger noch viel weniger.

Mein Fahrer ist nach einer halben Minute bei dem Thema: der Finanzkrise. Er habe ein Bauunternehmen, in dem es gerade nicht gut laufe. Aber wenn er Probleme habe, helfe ihm der Staat nicht mit Milliarden. Auch in der Warteschlange vor dem Postschalter ist die Finanzkrise das einzige Thema. Und der Zweckoptimismus, der noch vor wenigen Wochen herrschte, ist plötzlich verschwunden.


Die Hauptpost von New Haven (links im Bild) liegt verkehrsgünstig – wenn man ein Auto hat. Der graue Flachbau erstreckt sich im Industriegebiet zwischen zwischen zwei Autobahnen. Wer kein Auto besitzt, aber ein Paket zu tragen und genug Erfahrungen mit dem „Visionenpfad“ gesammelt hat, muss auf den Bus warten.

Die Bushaltestelle ist ein Grasstreifen (am rechten Bildrand zu erkennen). Das erfährt man nach bohrendem Fragen von den Postbeamten. Ein Hinweisschild oder gar ein Wartehäuschen gibt es nämlich nicht. Busfahren ist in Amerika die letzte Option – das Verkehrsmittel der Unterschicht.

PS. Der großartige Jonathan Franzen hat in seinem großartigen Essay-Band „How to be alone“ ein großartiges Stück über die Zustellprobleme der Post in Chicago veröffentlicht. Franzen beschreibt auf rund zwanzig Seiten die Ineffizienzen einer großen Bürokratie, die Probleme der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft und das Sterben der amerikanischen Innenstädte. Und außerdem schreibt er brilliant. Sogar in einen Text über Postzustellprobleme kann Franzen spannend einsteigen:
Der Absturz der Post von Chicago begann, ehe die Öffentlichkeit die Vorzeichen bemerkte: bevor sich die unzustellbaren Briefe in jeder Ecke der Stadt stapelten, um das schuldige Management heimzusuchen – hundert Säcke monatealter Briefe im Laderaum eines Postlasters im Norden der Stadt, hundert Kilo neuer Briefe verbrannt unter einer Brücke im Süden Chicagos, mehr als 1500 Poststücke verrottend in einer flachen Kuhle unter einer Veranda im Westen der Stadt und eine Lastwagenladung Briefe und Pakete in der Toilette eines Briefträgers in einer Vorstadt.
Wer will sich da noch über die Zustände in New Haven beschweren?

Dienstag, 14. Oktober 2008

Rezession – da war doch was

Viel Aufregung über eine mögliche Rezession in Deutschland. Allüberall wird für 2009 negatives Wirtschaftswachstum befürchtet. Was man selten liest: Schon im zweiten Quartal 2008 ist die deutsche Volkswirtschaft um annualisiert 2 Prozent geschrumpft. Das hat aber irgendwie niemand so richtig bemerkt. Dabei ist diese Zahl wahrlich kein Geheimnis.

Montag, 13. Oktober 2008

Gute Nachrichten

Endlich mal wieder ein Morgen mit guten Nachrichten: Der Dax steht um mehr als 5 Prozent im Plus und Paul Krugman (Autor eines großartigen Lehrbuchs und einer meinungsfreudigen Kolumne) erhält den Wirtschafts-Nobelpreis. Worüber soll man sich mehr freuen?

Nachtgedanken

Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes. Die Leute gehen täglich ihren Geschäften nach, aber das Fundament gerät ins Wanken. Mit jedem Tag der Finanzkrise wächst das Gefühl, dass etwas zu Ende geht.

Vorüber scheint die great moderation, die in den vergangenen 20 Jahren die Weltwirtschaft stabilisierte. Die wichtigsten Größen – Volkseinkommen, Arbeitslosigkeit und Inflation – schienen sich einzupendeln. Fast jeder Staat, der sich an Demokratie und Marktwirtschaft hielt, war erfolgreich. So einfach wird Wirtschaftspolitik auf absehbare Zeit nicht mehr sein.

Wuchert die Aggression gegen die Finanzmärkte aus zur Wut auf die Globalisierung? Bislang konnte es sich die Mehrheit in den Industrieländern einfach machen, „Globalisierung als Schimpfwort benutzen und gleichzeitig von ihren süßen Früchten naschen“ (Harvard-Ökonom Dani Rodrik). Nun wächst die Angst vor einem unkontrollierbaren Weltmarkt, dem selbst die Regierungen machtlos gegenüberstehen. Es wäre nicht der erste Bruch mit der Globalisierung. In seinem Buch „Die Konsequenzen des Krieges“ beschrieb John Maynard Keynes 1919 die wirtschaftliche Freiheit vor dem Ersten Weltkrieg:
Der Bewohner Londons konnte, während er im Bett seinen Morgentee trank, über das Telefon die verschiedensten Produkte aus der ganzen Welt in beliebiger Menge bestellen und ihre baldige Lieferung erwarten. Er konnte zur gleichen Zeit und auf gleichem Wege seinen Wohlstand mehren mit Investitionen in Rohstoffe und neue Unternehmen in jeder Gegend der Welt.
Bis das alles wieder möglich war, sollten noch Jahrzehnte vergehen.

Und heute stehen die USA im Auge des Sturms. Eine Nichtmehrsosupermacht, deren Infrastrukur ebenso verlottert wie ihr Ansehen in der Welt. Zerrissen zwischen progressiver Küste und konservativem Herzland, zwischen Superreichen und Bettelarmen, zwischen Weißen und Schwarzen. Ein Land, das sich in der Mitte teilt, wenn man seinen Bürgern die beiden Gretchenfragen stellt: Nun sag, wie hast du’s mit der Abtreibungsfrage? Nun sag, wie hast du es mit dem Waffenbesitz? Ein Land, das Generationen Freiheit und Wohlstand versprochen hat. Die Freiheit ist schon bedrängt, nun gerät auch noch der der Wohlstand in Gefahr.

Aber wahrscheinlich ist das alles viel zu pessimistisch. Hoffentlich.

Samstag, 11. Oktober 2008

Geiz ist geil

An Einschätzungen tatsächlicher und vermeintlicher Experten zur Finanzkrise besteht kein Mangel. Interessant, einmal die Sicht der normalen Anleger zu sehen – zum Beispiel den Leserbrief einer gewissen Lisa Lipshires aus Massachusetts in der New York Times:
Bitte, liebe Leser, hört auf, euch wie eine wild gewordene Rinderherde zu benehmen. Eure Furcht ist ansteckend und treibt die amerikanische Volkswirtschaft an den Rand des Abgrunds. Beruhigt euch einfach und hört auf, eure Aktien zu verkaufen. Sobald sich die Börse wieder beruhigt, werdet ihr merken, dass eigentlich alles in Ordnung ist.
Netter Versuch. Aber ob man mit wohlmeinenden Ratschlägen eine Vertrauenskrise stoppen kann? George W. Bush versucht das ja seit mehreren Wochen – mit durchwachsenem Erfolg. Freundlich gesagt.

Um nicht immer nur New York Times und Wall Street Journal zu zitieren: Die Bild bringt heute die aufschlussreiche Selbstgeißelung eines deutschen Durchschnittsbankers.
Ich bin 30 Jahre alt, Bank-Berater (Jahresverdienst: 55 000 Euro) und fühle mich seit der Pleite von Lehman als Schwerverbrecher.
Bei der XY-Bank habe ich 70 Kunden betreut, denen ich Pleite-Zertifikate im Wert von zwei Millionen Euro verkauft habe. Seit der Finanzkrise kann ich nicht mehr schlafen, Kollegen von mir haben sogar Morddrohungen bekommen ...
Es ist eine unendliche Qual, dazu beigetragen zu haben, Leute zu betrügen. Und ich weiß, dass viele darunter waren, die auf das Geld angewiesen sind.
Man war jeden Tag als Berater mit erdrückend hohen Zielvorgaben konfrontiert und sollte möglichst keine Festgelder anlegen, sondern viel in Fonds oder Zertifikate stecken, damit die Rendite richtig fett wird. Auch den Festgeldkunden wurden diese Papiere deshalb aktiv und aggressiv verkauft.
Allein: Dass Zertifikate bei einer Pleite des Emittenten nicht geschützt sind, steht in jeder Finanztest-Ausgabe, in jedem Anleger-Handbuch, auf tausend Internetseiten. Aber offensichtlich begegnet der deutsche Durchschnittsanleger seinem Bankberater noch immer mit tiefstem Vertrauen. Dabei sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass Banker keine Berater, sondern Verkäufer sind, die ihre eigene Rendite maximieren wollen. Daran ist auch gar nichts Schlimmes – wenn beide Seiten wissen, welches Spiel gespielt wird.

Die Alternative zur Pseudoberatung bei der Bank – unabhängige Anlageberatung gegen Stundenhonorar – hat bislang keinen Erfolg. Dabei wäre sie oft sinnvoller. Aber Geld ausgeben für etwas, das man andernorts vermeintlich kostenlos abgreifen kann? Das kommt den meisten Deutschen nicht in den Sinn. Dass der Bank-„Berater“ im eigenen Interesse handelt, leider auch nicht. Und am Ende rächt sich dann die „Geiz ist geil“-Mentalität.

Freitag, 10. Oktober 2008

Up and Down

Der Dow Jones heute: In den ersten zehn Handelsminuten um 700 Punkte nach unten. In der nächsten halben Stunde wieder um 700 Punkte nach oben. Dann in einer halben Stunde um 300 Punkte nach unten. Verrückte Welt.

Wie der Princeton-Ökonom Paul Krugman kürzlich schrieb:

Als Wirtschaftswissenschaftler bin ich fasziniert. Als Bürger bin ich zu Tode erschrocken.

Wie lassen sich diese Kurssprünge rational erklären? Wahrscheinlich überhaupt nicht. Eine Studie von Bob Shiller hat schon 1989 gezeigt: In Krisen wird einfach nur deswegen verkauft, weil die Preise fallen. Neue Informationen braucht es gar nicht.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Der Angstindex

Schon wieder ein Tag mit fast 700 Punkten Verlust für den Dow Jones. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, kommt der Aktienindex in 12 Tagen bei null Punkten an, wie die New York Times heute vorrechnet. 

Das war als Witz gemeint. Ob es auch jeder Leser so verstanden hat?

Minus 700 Punkte. Das ist heftig. Noch mehr Anlass zur Sorge gibt jedoch eine andere, auf den ersten Blick unscheinbare Zahl: 4,14 Prozent. Das ist der aktuelle TED-Spread. Noch nie gehört? Das liegt daran, dass Journalisten den TED-Spread nicht mögen. Man braucht nämlich mehr als einen Nebensatz, um ihn zu erklären.

Versuchen wir es mal mit einem Absatz: 
Banken leihen sich in normalen Zeiten untereinander riesige Geldmengen. Der durchschnittliche Zinssatz, den sich die Banken gegenseitig berechnen, heißt Libor. Auch die US-Regierung nimmt laufend Geld über kurzfristige Staatsanleihen auf. Diese Treasury Bills gelten also vollkommen risikofrei. Schließlich kann die Regierung der weltweit größten Volkswirtschaft einfach Steuern erheben, um ihre Schulden zu zahlen. Die Differenz zwischen Libor und Treasury-Bill-Zinssatz gibt an, welchen Aufschlag die Banken ihren Schuldnern anbieten müssen, um ihr höheres Risiko auszugleichen. Und genau diese Differenz heißt TED-Spread. 

Bis vor wenigen Monaten lag der TED-Spread noch unter einem Prozentpunkt. Die amerikanischen Banken galten als gesund; ihre kurzfristige Verschuldung war reines Routinegeschäft. Temps perdu. Am Donnerstag war der TED-Spread mit 4,14 Prozentpunkten so groß wie nie zuvor. Das Misstrauen der Banken untereinander wächst von Tag zu Tag – und der TED-Spread misst genau dieses Misstrauen. 

Was passiert im Moment? Das Ansehen der Banken sinkt immer weiter, also müssen sie immer höhere Zinsen anbieten, um sich am Markt die dringend nötige Liquidität zu beschaffen. Gleichzeitig flüchten die ängstlichen Anleger in sichere Papiere – und am sichersten sind nun einmal Staatsanleihen. Diese Massenflucht treibt die Zinsen der Treasury Bills nach unten. 

Am 17. September, dem psychologisch verheerendsten Tag der Finanzkrise, drehte die Rendite der kurzfristigen Staatsanleihen sogar ins Minus. Die Anleger bezahlten also 100 Dollar, um in drei Monaten 99 Dollar zurückzuerhalten. Das ist für Ökonomen so spannend zu beobachten wie eine Sonnenfinsternis für Astronomen. 

Mit dem Unterschied, dass negative Renditen eigentlich unmöglich sind. Schließlich wäre es klüger, Bargeld zu horten – dann behalten die 100 Dollar zumindest ihren Wert. Aber wenn ein reicher Anleger in Panik seine gesamten Aktien verkauft, kann er den Erlös eben nicht einfach in Dollarscheinen unter der Matratze verstecken. Also das Geld in den sichersten Hafen bringen, nämlich in Staatsanleihen investieren – koste es, was es wolle.

4,14 Prozent TED-Spread – was bedeutet das? Wahrscheinlich großen Ärger. Je schlechter sich die Banken mit Geld versorgen können, desto weniger Kredite werden vergeben. Die ersten Risse in der amerikanischen Volkswirtschaft sind schon zu sehen. 

Der Ratschlag meines Professors in Wirtschaftsgeschichte: Lebensmittel auf Vorrat kaufen und Bargeld horten. 

Aber das war bestimmt nur ein Witz.

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Ein stiller Revolutionär

Praktische Menschen, die sich selbst frei von allen intellektuellen Einflüssen wähnen, sind meistens Sklaven irgendeines Ökonomen.
John Maynard Keynes
Ein Rettungspaket für die amerikanischen Banken? Unmöglich, riefen Amerikas Politiker noch vor wenigen Wochen. Das wäre ja Sozialismus. Noch schlimmer: Das wäre unamerikanisch. Soll die Regierung in Schieflage geratene Hypotheken aufkaufen? Niemals, hieß es noch vor wenigen Tagen. Seit gestern Abend wollen sowohl McCain als auch Obama die notleidenden Kredite dem Staat aufbürden.

So wagemutig und entschlossen sich die Politiker in Washington derzeit darstellen wollen – ihre Ideen sind kein einzigartiger Ausfluss ihrer Tatkraft. Sowohl Bailout als auch Hypotheken-Aufkauf hat Bob Shiller bereits Ende August in seinem Buch „The Subprime Solution“ („Die Lösung der Immobilienkrise“) gefordert.

Der Yale-Professor ist dieser Tage ein Dauergast bei Fernsehsendern und Radiostationen. Der Spiegel hat Shiller für die aktuelle Ausgabe ausführlich interviewt. Morgen erscheint seine neueste Kolumne im Wall Street Journal. Als Student in Shillers Kurs über Behavioral Economics kann man dem Finanzexperten beim Denken zuschauen – jede Vorlesung beginnt mit seinen neuesten Überlegungen zur Wirtschaftskrise.

Am Mittwochabend hat Shiller sein Buch „The Subprime Solution“ nun endlich in Yale vorgestellt, fünf Häuser von der Graduiertenschule entfernt. In der Buchhandlung „Labyrinth“ saßen die Zuhörer noch auf den Treppenstufen. 


Mit weicher Stimme und zurückhaltender Gestik stellte Shiller seine Thesen vor – der stillste Revolutionär, den man sich vorstellen kann. Shiller will die Finankrise ausgerechnet mit einer Ausweitung der Finanzmärkte bekämpfen. Auf der Reformliste des Finanzexperten stehen unter anderem eine inflationsfreie Zweitwährung, eine staatlich geförderte Anlageberatung und eine Versicherung gegen fallende Häuserpreise.

Die anschließende Fragerunde zeigt, wie ängstlich die Amerikaner in den vergangenen Wochen geworden sind. Wann ist die Krise endlich vorbei? Wie kann ich mein Geld sicher anlegen? Was können die Politiker überhaupt noch tun? Tief unter der notorisch guten Laune sitzt inzwischen die Furcht vor der Großen Depression des 21. Jahrhunderts.