Dienstag, 2. Dezember 2008

Abendessen beim Professor

Ist es schon vorauseilende Nostalgie in der letzten Vorlesungswoche? Aus irgendeinem Grund jedenfalls entwickelt sich der Blog in den letzten Tagen zur blinden Yale-Verehrung. Aber diese Geschichte ist zu schön, um sie nicht auch noch zu erzählen.

Heute zum letzten Mal in der Vorlesung über Political Competition bei John Roemer, einem Bilderbuch-Professor: eine Koryphäe auf seinem Gebiet, Veröffentlichungen in den angesehensten Fachzeitschriften, zerstreut, immer Kaffeeflecken auf dem Hemd und Kreide an der Hose.

In Roemers Kurs bin ich der einzige reguläre Student. Der einzige! Das ist schockierend, wenn man das Tübinger VWL-Grundstudium in Hörsälen mit meistens mehr als 400 Studenten verbracht hat. Zum Glück habe ich doch noch ein wenig Gesellschaft bei Roemer: Drei Doktoranden aus New York fahren jeden Dienstag mehr als 90 Minuten Zug, um als Gasthörer in die Political-Competition-Vorlesung zu kommen.

Der Kurs ist hart. Roemer hat ursprünglich Mathe in Harvard studiert – und das merkt man heute noch. Sein jüngstes Manuskript ist von einer Fachzeitschrift für Politikwissenschaft mit der Begründung abgelehnt worden, seine Rechnungen seien zu kompliziert. Entsprechend fallen die Übungsblätter aus .

Also komme ich fast jeden Mittwoch während der Sprechstunde mit meinem Lösungsversuch in Roemers Büro, setze mich neben ihn an den Schreibtisch und spreche die Probleme durch. Manchmal eine halbe Stunde, manchmal auch 90 Minuten. Da wartet man nur auf den Tag, an dem ein Kamerateam hereinkommt, um einen Imagefilm über die großartige Studentenbetreuung in Yale zu drehen.

Nach der letzten Vorlesung des Semesters lädt Roemer seine Studenten und einen chinesischen Gastprofessor zum Abendessen in seine Wohnung ein. (Zugegeben: Das wäre für einen deutschen Professor mit 400 Studenten schon aus Platzmangel schwierig.) Beste Wohngegend von New Haven, ein Appartement mit hohen Räumen, im Hintergrund läuft leise eine CD des Buena Vista Social Club, gutes Essen.

Roemer schafft es, im einen Moment seine Gäste auszufragen (den Gastprofessor über die Graswurzeldemokratie in chinesischen Dörfern, den Kolumbianer über das Freihandelsabkommen mit den USA, die beiden Deutschen über das Duell Merkel/Steinmeier) und im nächsten Augenblick den guten Weinjahrgang 2005 aus Frankreich zu preisen oder am Klavier Jazz zu spielen.

Als ich um halb sechs zum Abendessen bei Roemer aus der Bibliothek gegangen bin, hat mich die Aufsicht ganz überrascht gefragt: „Sie sind doch Student, Sie kommen doch bestimmt heute Abend noch mal wieder, oder?“ Ja, natürlich. Mal sehen, wie gut man nach zwei Gläsern Weißwein und einem Gewürztraminer zum Dessert noch Ökonemetrie lernen kann.

Nachtrag: Der vorletzte Absatz dieses Eintrags besteht aus einem Satz mit 52 Wörtern. Hiermit möchte ich mich bei den Blog-Lesern entschuldigen und alles zurücknehmen, was ich jemals gegen die Frankfurter Rundschau gesagt habe.

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