Freitag, 31. Oktober 2008

Von Lachsbrötchen, Mathematik und Kreuzzügen

Fast hätte ich mich an meinem Lachsbrötchen verschluckt. Es war im vergangenen Herbst auf einer Pressekonferenz im piekfeinen Stuttgarter Hotel am Schlossgarten. Häppchenjournalismus der gehobenen Klasse. Ein Manager regte sich über die praxisferne Uni-Ausbildung auf. Ob er ein Beispiel nennen könne, fragte ein Presse-Kollege. Und was fiel dem Manager spontan ein? Das VWL-Studium in Tübingen. Da habe er neulich mal die Mathematik-Klausuren gesehen. So etwas Schwieriges. Wer das bloß können solle. Und wozu das überhaupt gut sein soll. So etwas brauche man später doch nie wieder zu wissen.

Von wegen. Jedenfalls, wenn „später“ das Graduiertenstudium in Yale ist. Beim Lernen für die Statistik-Klausur am Montag wird klar: Man muss das alles wissen. Und noch viel mehr. Tatsächlich wird VWL an den führenden Graduiertenschulen in Amerika als angewandte Mathematik gelehrt – was nicht nur für Begeisterung sorgt. Vor allem im Moment, da all die schönen, komplizierten Modelle so überhaupt nicht in der Lage zu sein scheinen, die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zu erklären. Eine Generalkritik von Arnold Kling:
Die Ökonomen haben sich in den vergangenen 30 Jahren darauf konzentriert, statistische Pornopgraphie zu produzieren, mit der junge Männer ihre Sucht nach mathematischer Selbstbefriedigung stillen können.

Meine Hauptkritik an den Ökonomen ist, dass ihre Standard-Modelle so schlecht erklären, was gerade passiert. Die Modelle aus den Lehrbüchern sind quasi nutzlos.

Makroökonomik, wie sie an den Graduiertenschulen gelehrt wird, ist noch schlimmer. Sind endlich die Kurse abgeschafft worden, in denen angenommen wird, dass rationale Agenten Euler-Gleichungen lösen können? Sind die Professoren gefeuert worden, die solche Kurse unterrichtet haben? Warum nicht?

Das ist zweifellos vollkommen überzogen. Auf der anderen Seite schrieb schon Fontane im Stechlin:

Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, dass Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei vernachlässigt, und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!

Mittwoch, 29. Oktober 2008

30 Minuten Obama

Gerade am Aufenthaltsraum in der Juristenbibliothek vorbeigekommen. Eine Menschentraube hat sich um den Fernseher geschart. Was ist denn da los? It’s Obama time. Zur besten Sendezeit läuft ein 30-minütiger Werbefilm des Demokraten im TV.

Ich bekomme nur noch die letzten Szenen mit: Eine kämpferische Wahlkampfrede aus dem Archiv, unterlegt mit Bildern lächelnder Durchschnittsamerikaner; staatstragende Schwarz-Weiß-Fotografien des Kandidaten beim Einsteigen in sein Flugzeug; Live-Aufnahmen aus Florida, wo Obama heute Abend zu Anhängern spricht, über ihm ein riesiges Sternenbanner an der Hallendecke. Die pathetischen Schlussworte sind im Jubel kaum noch zu verstehen.

Heute in den Yale Daily News: Laut einer Umfrage wollen 81 Prozent der Yalies für Obama stimmen. Merkwürdig. Warum so eine niedrige Zahl? Bislang habe ich jedenfalls erst einen einzigen Kommilitonen getroffen, der sich offen zu McCain bekennt. Zum Glück kommt der Kollege aus Dänemark. Wahlrecht in Amerika hat er also nicht.

Zeitungsdämmerung

Höchste Zeit für ein bisschen Lob im Blog. Wer soll es abbekommen? David Carr. Der schreibt in der New York Times eine lesenswerte Analyse der Zeitungsmisere.

Am Dienstag verkündete mit dem Christian Science Monitor die erste große amerikanische Zeitung, dass sie ihre Druckausgabe einstellt und nur noch im Internet erscheint. Der Verlag des Time-Magazins streicht 600 Stellen, während gleichzeitig Amerikas größter Zeitungsverlag Gannett bis zu 3000 Mitarbeiter vor die Tür setzt. 

Carrs Fazit: „Es ist eindeutig, dass den Zeitungen der Himmel auf den Kopf fällt. Die Frage lautet nur, wie viele Print-Journalisten noch übrig bleiben, um darüber zu berichten.“

Ein Gast aus Harvard

Der VWL-Promi am Dienstag: Robert Barro, Makroökonom und hoch gehandelter Nobelpreis-Kandidat. Ein Aushängeschild der VWL-Fakultät von Harvard, die an großen Namen nun wirklich keinen Mangel leidet.* (Das muss man sogar als Yalie neidlos zugeben.) 

Vortrag im edelsten Raum unserer VWL-Fakultät – holzgetäfelt, Yale-Wappen in die Stuhllehnen geschnitzt. Barro stellt seine neue Studie vor, die im kommenden Jahr in der American Economic Review erscheinen wird. Der Harvard-Ökonom fragt: Können auf lange Frist makroökonomische Krisen das equity premium puzzle erklären, also die viel höhere Rendite von Aktien im Vergleich zu Anleihen. 

Im Publikum fehlen die bekanntesten Yale-Ökonomen, vor allem das Trio Nordhaus/Shiller/Geanakoplos. Die anwesenden Professoren halten sich dafür nicht mit Kritik zurück. Leider. Denn vom Wehklagen bekommt man auch keine besseren Zahlen über das Bruttoinlandsprodukt von Irland im Jahr 1874. Heute war der Vortrag besser als die Fragen.

* Eine Fußnote für Volkswirte: In Harvard forschen Martin Feldstein, Lawrence Katz, Gregory Mankiw, Kenneth Rogoff, Amartya Sen, Andrei Shleifer, Lawrence Summers ... und so geht das immer weiter. Hier gibt es die ganze Liste.

Feuilleton für Arme

Meine alten Freunde von web.de haben heute wieder drei gewichtige Themen auf ihre Startseite gestellt:
Kochschürze an, Hosen runter: Forscher haben herausgefunden, welche Speisen Ihnen guten Sex bescheren. Worauf warten Sie?
Schnitt im Schritt: Immer mehr Menschen lassen sich den Intimbereich operativ verschönern – trotz aller Warnungen.
So weit, so vorhersehbar. Aber jetzt die Überraschung, Thema drei:
Deutschland diskutiert: Wie steht es eigentlich um den Kulturauftrag des Fernsehens?
Gut, dass Deutschland nicht über den Kulturauftrag von Online-Portalen diskutiert.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Schluss-Sprint

Nur noch eine Woche bis zur Präsidentschaftswahl. Anders als noch vor einem Monat sieht derzeit alles gut aus für Obama: Er kann mehr Geld als McCain in seinen Wahlkampf stecken, liegt in den Umfragen deutlich vorn, profitiert von der Wirtschaftskrise. Und auf der Gegenseite ist Sarah Palin inzwischen vom Triebsatz zum Rohrkrepierer des republikanischen Wahlkampfs geworden.

Eine klare Sache, scheint es. Der Schluss-Sprint kann beginnen. 

Hoffentlich kommt es nicht wie früher bei Erik Zabel. Der lag 100 Meter vor dem Ziel meistens klar in Front – um sich auf der letzten Wegstrecke dann doch noch vom eitlen Mario Cipollini überholen zu lassen.

Montag, 27. Oktober 2008

Wunderbares Amerika


Barack Obama in Denver.
Foto: Damon Winter, New York Times

Schau besser zweimal hin

Auf den ersten Blick: Der Dax endlich mal wieder im Plus.

Auf den zweiten Blick:
  • Allianz und Hypo Real Estate minus 14 Prozent
  • Deutsche Bank minus 15 Prozent
  • Commerzbank minus 17 Prozent
  • Postbank minus 24 Prozent
Ohne das irrwitzige Kursfeuerwerk bei VW (plus 147 Prozent) hätte es schon wieder düster ausgesehen. Noch kein Grund zur Entwarnung.

Kult

Das Eltern-Wochenende ist vorbei. Endlich. Von Freitag bis Sonntag überall das gleiche Bild: Ein Student läuft im Yale-Pulli über den Campus, zwei Schritte hinter ihm folgen Mama (mit Yale-Mom-Kaffeetasse in der Hand) und Papa (mit Yale-Baseballkappe auf dem Kopf), die Kamera im Anschlag. Die Art der Devotionalien variierte, nicht aber die Konstellation des Dreiergespanns.

Es war das Wochenende des fanatischen Yale-Kults. Der reichte sogar bis in den Gottesdienst in der Uni-Kirche. Am Sonntagmorgen hieß es in einem Gebet:
Danke, Gott, für das Geschenk des Lebens, das Geschenk unserer Familie, das Geschenk von Yale.
Da bleibt einem sogar in der Kirche die Spucke weg.

Update: Ich bin nicht der einzige, dem das Eltern-Wochenende gestunken hat. Auch Anna (Yale-Mail-Blog) und Eamon Murphy (Yale Daily News) lästern fleißig.

Samstag, 25. Oktober 2008

Hohlspiegel

Wundersame Neuigkeit aus der Heimat:
Familiendrama forderte zwei Opfer
Hat 66-jähriger Rentner erst sich und dann seine 62-jährige Ehefrau mit Küchenmesser getötet?
(Oberhessische Zeitung vom 24. Oktober)
Das ist der real existierende Journalismus, wie ein Kollege von ebenjener Zeitung zu sagen pflegt. Wer es nicht glaubt: Hier ist der Link.

Freitag, 24. Oktober 2008

Ein kleinlauter Maestro

Der einstige Maestro kam zu Kreuze gekrochen. Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Chef der US-Zentralbank, trat am Donnerstag ziemlich kleinlaut vor den Kongress (Artikel der New York Times, Stenographischer Bericht). Schockiert und ungläubig sehe er die amerikanische Wirtschaft gegen die Wand fahren, sagte Greenspan. Gleichzeitig wies er alle Schuld von sich. Diese Krise sei nicht verherzusehen gewesen:
Es scheint mir, dass – wenn man zurückgeht und sich selbst fragt, wie vor einigen Jahren irgendjemand realistisch hätte abschätzen können, was schließlich mit den Subprime-Krediten passieren würde – ich denke, damit verlangt man mehr, als irgendjemand beurteilen kann. Und wir haben diese außergewöhnlich komplexe Weltwirtschaft, die – wie nun jeder erkennt – sehr schwierig in einiger Genauigkeit vorherzusagen ist. 
Wer also hätte die Immobilienkrise bloß ahnen können?

Bob Shiller zum Beispiel. 

Im Vorwort seines Buches über Finanzkrisen („Irrationaler Überschwang“, 2. Auflage) schrieb Shiller schon 2005:
Menschen in vielen Teilen der Welt sind übertrieben optimistisch, dass sich der Aktienmarkt und (vielerorts) der Immobilienmarkt extrem gut entwickeln. Diese überzogene Zuversicht kann zu Instabilität führen. Weitere signifikante Kursanstiege in diesen Bereichen können letztlich zu noch heftigeren Kursverlusten führen. Das schlimme Ergebnis kann sein, dass diese Verluste einen substantiellen Anstieg der Privatinsolvenzen auslösen, der wiederum eine zweite Insolvenzwelle, nämlich unter Finanzinstitutionen, nach sich zieht. 
Das hat kein obskurer Verschwörungstheoretiker in irgendeinem Pamphlet geschrieben, sondern ein Yale-Professor in einem Buch, das von Princeton University Press veröffentlicht und in 13 Sprachen übersetzt wurde.

Mit Unwissenheit kann sich Greenspan nicht aus der Verantwortung stehlen.

Rote Zahlen

Das sieht man auch nicht oft: dass alle, aber auch wirklich alle Börsenbarometer im Minus stehen.


Spiegel Online

Lernen wie im Zoo

Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?
Faust I, Studierzimmer
Eltern-Wochenende in Yale. Das heißt: nirgendwo Ruhe. Selbst durch meinen geliebten Lesesaal in der Law School werden Dutzende Besucher geschleift – inklusive Handyklingeln und lautstarken Erklärungen. Man fühlt sich wie im Zoo. Was ist bloß so interessant daran, Menschen beim Lesen und Schreiben zuzuschauen?

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Indian Summer – jetzt aber wirklich

Die Luft ist vollkommen still und alles verharrt in Ruhe, als müsse sich die Natur nach ihren Anstrengungen während des Sommers erst einmal ausruhen.
John Bradbury, amerikanischer Schriftsteller, 1817
Es sind nur wenige Tage, an denen sich in Neuengland das Laub am intensivsten färbt und die Wälder in Flammen zu stehen scheinen. Tage zwischen den Jahreszeiten. Der Indian Summer.

Am Donnerstag mit einem Mietwagen durch die Litchfield Hills im Norden von Connecticut. Von Litchfield, einem hübschen Neuengland-Städtchen, über den Waramaug-See zum Wasserfall des Housatonic-Flusses bei Kent. Am Nachmittag im westlichen Massachusetts den Mohawk Trail Drive entlang. Und überall Farben so intensiv, wie ich sie noch nie gesehen habe.


PS. Hier gibt es die Fotos im Großformat zu sehen.
Update: Dort bloggt Benni über unseren gemeinsamen Ausflug.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Geistige Goldstückchen

Am Mittwoch hat es über Yale geistige Goldstückchen geregnet. Einmal am Mittag, einmal am Abend. Innerhalb von zehn Stunden zwei Diskussionen, wie ich sie noch nicht erlebt habe.

Bislang hielt meinen Rekord im intellektuellen Nahkampf die mündliche Verhandlung im Cicero-Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht. Nach allen Regeln der Kunst nahm der Erste Senat im November 2006 den Generalstaatsanwalt von Brandenburg auseinander – gipfelnd sinngemäß in der Frage: Vom Rechtsstaatsprinzip haben Sie aber schon mal was gehört?

Auf die Ökonomie übertragen wurde der Diskussionsstil am Mittwochmittag in der VWL-Fakultät von Yale. Opfer der Debatte war Varadarajan Chari von der University of Minnesota. Chari stellte sein neues Modell zur Geldpolitik vor. Das Modell hatte keine nennenswerte neue Aussage, die Präsentation war bestenfalls wirr. Immerhin: Kompliziert war das Modell schon. Umso bemerkenswerter, mit welcher Leichtigkeit die Yale-Professoren in die Diskussion einstiegen und eine Schwachstelle nach der nächsten aufzeigten.

Am Abend dann eine Diskussion zur Finanzkrise – etwa die zwanzigste allein in Yale. Aber diese Diskussion war besonders. Auf dem Podium saßen nämlich drei der bekanntesten VWL-Professoren: William Nordhaus, Koautor eines VWL-Lehrbuchs, das jahrzehntelang der weltweite Standard war. John Geanakoplos, der in den angesehensten Fachzeitschriften veröffentlicht. Und selbstverständlich der übliche Verdächtige zur Finanzkrise, Bob Shiller. Die Law School durfte als Quotenjuristen noch den Unternehmensrechts-Experten Jonathan Macey auf das Podium setzen.

Vor mehr als 400 Zuhörern lieferten sich die vier Yale-Professoren einen Schlagabtausch ersten Ranges. Shiller kündigte seinen Nachredner Geanakoplos als „so eine Art Finanzingenieur“ an, wofür sich Geanakoplos mit einem Seitenhieb auf Shillers „ökonomisch-soziologisch-philosophisch-anthropologische“ Erklärung der Finanzkrise revanchierte. Anschließend ließ Nordhaus, der große alte Mann der Lehrbuch-VWL, seine beiden Vorredner als aufgeregte Jungspunde dastehen. Macey, ein begnadeter Redner, gab den Pragmatiker und setzte sich von drei Volkswirten ab. Interessant seien deren Vorschläge zwar schon, aber leider nicht umsetzbar.

Trotz heftiger Debatte auf höchstem Niveau – eine Patentlösung für die Finanzkrise hat auch dieser Abend nicht gebracht. Aber vielleicht gibt es Probleme, die so kompliziert sind, dass man ziemlich lange nachdenken muss, um wenigstens qualifiziert ratlos sein zu können.

Starbucks = Finanzkrise

Slate vom 20. Oktober

Welche Kennzahl misst das Ausmaß der Finanzkrise am besten? Der Vix? Der TED-Spread? Von wegen. Die Starbucks-Dichte! Je mehr Starbucks-Filialen es in einem Land gibt, desto schlimmer wütet dort die Finanzkrise. Das beobachtet zumindest das Online-Magazin Slate in einem ziemlich unterhaltsamen Artikel und liefert gleiche eine Erklärung mit: 
Eine hohe Starbucks-Präsenz ist ein ziemlich signifikanter Indikator für das Maß der Verbundenheit mit dem aufgedrehten, koffeingetriebenen Kapitalismus, der uns dieses Schlamassel eingebracht hat. 
Soweit die Mutmaßung. Was hingegen feststeht: Die Starbucks-Filiale gegenüber dem Konzernsitz von Bear Stearns ist schon geschlossen. (Für die jüngeren Leser: Bear Stearns war mal eine Investmentbank in den USA, ganz früher, als es in den USA noch echte Investmentbanken gab.)

Andere Standards

Am Montag musste Bob Shiller seine Behavioral-Economics-Vorlesung ausfallen lassen. Der Finanzexperte diskutierte in New York mit den Wirtschaftsberatern von Barack Obama und John McCain über die Subprime-Krise. Die ausgefallene Vorlesung will Shiller am Freitag nachholen. Weil der Ersatztermin womöglich einigen Studenten nicht passt, wird der Kurs gefilmt und als Video ins Uni-Netzwerk gestellt.

Das eigentlich Merkwürdige: dass man sich nach zwei Monaten Yale über all das gar nicht mehr wundert.

Update: Ein Video gibt es nun doch nicht, aber eine Audio-Aufzeichnung. Immerhin.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Erleichterung (ein bisschen zumindest)

Wenn über die Kreditkrise berichtet wird, fällt der Blick fast immer auf die Aktienkurse. Merkwürdig. Das ist so, als wolle man ein Fußballspiel beurteilen, würde aber nur die Reaktion der Zuschauer mitbekommen.

Denn im Kern dieser Krise geht es um den Kreditfluss, also die Bereitschaft der Banken, sich untereinander Geld auszuleihen und Kredite an ihre Kunden zu vergeben. Die Aktienkurse spiegeln nur die Reaktion der Investoren auf die Veränderungen im Kreditmarkt.

Und wie geht es dem Kreditmarkt? Noch nicht gut, aber es war schon mal schlechter. Eine zuverlässige Kennzahl für das Misstrauen der Banken untereinander ist der TED-Spread. Er gibt an, welchen Zinsaufschlag die Banken im Vergleich zur US-Regierung zahlen müssen, um an Kredite zu kommen (Hintergrund aus dem Blog-Archiv). Vor rund zwei Wochen lag der Spread noch über 4 Prozent; heute sind es nur noch 2,6 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im September.

Ein guter Zeitpunkt, um wieder Bankaktien zu kaufen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Im Englischen gibt es die Redewendung picking up nickels in front of a steamroller. Und diese Gefahr besteht weiterhin: dass man von einer Dampfwalze überrollt wird, während man ein paar Centstücke von der Straße aufheben will.

Montag, 20. Oktober 2008

New York, New York



Nach fast zwei Monaten in New Haven endlich mal wieder raus. Am Samstag in New York, nicht einmal zwei Stunden Zugfahrt entfernt. Ein echter Kulturschock: Um kurz vor sieben Uhr abends noch auf dem Times Square in New York, um kurz nach neun zurück in der Bibliothek in New Haven.

PS. Hier gibt es die Fotos in einem eigenen Fenster zu sehen.

Ein angeschossenes Raubtier

Bricht plötzlich die große Kapitalismus-Debatte aus?

In einer lesenswerten Kritik der Neoliberalen („Die Neunmalklugen“) zieht Susanne Gaschke in der Zeit vom Leder:
Von ihrer Unübersichtlichkeit her ist die gegenwärtige Situation, ist das großartige Scheitern aller neoliberalen Verheißung über die Weisheit der Märkte und die Überflüssigkeit des Staates, mit dem Untergang des Sozialismus verglichen worden. Im Gegensatz zu 1989 fällt allerdings ein Unterschied auf: Damals kam es schnell zu breiten Aufarbeitungsdebatten [...] Diese selbstkritische Betrachtung der eigenen Rolle, dieses kleine bisschen Scham ist in der aktuellen Krise aufseiten der ökonomischen Elite bisher nicht zu entdecken: wahrscheinlich, weil sich ihre Mitglieder tatsächlich nicht als Anhänger einer Weltanschauung unter mehreren, sondern als Inhaber einer unbestreitbaren Wahrheit betrachtet haben.

Noch am 18. August schrieb Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche: »Gerade in diesen Monaten zeigt sich, dass der Steuerstaat bis über die Perversionsgrenze geht: Brutalstmöglich werden jetzt auch kleine Einkommen ausgebeutet … Jeder Entlastung steht die Staatsgier entgegen. So will die SPD sogar die Absenkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung verhindern, um mit dem Geld der Beitragszahler Sozialklimbim zu finanzieren …«. Acht Wochen später setzte die Bundesregierung das den Steuerbürgern abgepresste Geld für den größten Sozialklimbim aller Zeiten ein: für die Rettung der Hypo Real Estate.

Sabine Christiansen ließ Woche um Woche aus ihrer Berliner Sendekugel den Untergang des Standorts verkünden: »Konjunktur-Angst – Aufschwung ade?«, »Sind wir ein Volk von Sozialschmarotzern?« oder »Macht dieses Steuersystem Deutschland kaputt?«. All diese Äußerungen, Sendungen, Veranstaltungen sind zurechenbar. Sie schufen einen Wahrnehmungsnebel, in dem das Land hochgefährdet, Parteien und Demokratie unfähig – und gefährlich – erschienen. Jetzt will es keiner gewesen sein, aber damals wussten alle genau, um was es ging: Effizienz. Rendite. Ökonomisierung aller Lebensbereiche. 
Selbst der kreuzliberale Economist titelt inzwischen „Kapitalismus im Rückzug“ und illustriert die Schlagzeile mit dem Bild eines von Pfeilen durchbohrten Raubtiers.



Der Leitartikel versucht mit dem Mut der Verzweiflung, einen optimistischeren Ton anzuschlagen:
Alle Zeichen zeigen in eine Richtung: eine stärkere Rolle für den Staat und eine schwächere für den Privatsektor. Wir hoffen, dass dies nicht passieren wird. In den vergangenen 150 Jahren hat sich der Kapitalismus für Milliarden Menschen ausgezahlt. Die Teile der Welt, in denen der Kapitalismus blühte, haben Wachstum erlebt; die Regionen, in denen er verwelkte, haben gelitten. Der Kapitalismus hat immer schon Krisen durchlebt und wird das auch in Zukunft tun. Die Welt sollte die jüngste Krise – so verheerend sie auch ist – als Lehrstück nutzen, wie man besser mit Krisen umgehen kann.  

Falls die Bail-outs gut umgesetzt werden, könnten die Steuerzahler am Ende sogar von der ungeliebten Hilfe für die Banken profitieren. Falls die Aufsichtsbehörden von der Krise lernen, können sie in Zukunft die Finanzmärkte besser regulieren. Der Kapitalismus ist auf dem Rückzug, aber alle, die an ihn glauben, müssen für ihn kämpfen. Bei allen Mängeln – der Kapitalismus ist das beste Wirtschaftssystem, das der Mensch bislang erfunden hat. 

Amen.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Ironie

Am Nachmittag von der Bibliothek zum Starbucks gelaufen. Vor der Bibliothek steht eine deutsche Familie mit Kamera im Anschlag. „Guck mal, da kommt so ein Student raus“, sagt die Tochter. „So ein Ami, der in Yale studiert. Papa, mach mal ein Foto mit dem vor dem alten Gebäude.“ Ich habe lieber nichts gesagt. Man soll den Leuten ihre Illusionen lassen.

Aber vielleicht schauen sich die Touristen das Foto einmal genauer an und sehen dann, dass ihr amerikanischer Student ein deutsches Buch in der Hand hält. „Der kleine Bruder“, Sven Regeners letzten Band der Lehmann-Trilogie.

So gut wie „Neue Vahr Süd“ ist der jüngste Roman nicht. Man soll aber auch nicht zu viel verlangen. Als ich „Neue Vahr Süd“ gelesen habe, kam meine Mitbewohnerin in das Zimmer, um nachzuschauen, ob es mir noch gut geht. Ich hatte ohne Pause eine Stunde lang laut gelacht.

„Der kleine Bruder“ ist wesentlich subtiler, aber immer noch ein echter Regener. Norddeutsch-verwaschen und mit heruntergekühltem Humor. Die beiden Adjektive waren jetzt übrigens aus Edo Reents’ phantastischer Rezension in der FAZ geklaut.

Samstag, 18. Oktober 2008

Herbst in Yale

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Im Großformat gibt es die Fotos hier zu sehen.

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Oktoberfest in Neuengland

Am Donnerstagabend Oktoberfest in der Graduiertenschule. Es gab Braten und Sauerkraut, Kartoffeln und Knackwurst, wobei sich fast alle Bestandteile des Menüs durch eine für den deutschen Gaumen zumindest ungewöhnliche Konsistenz auszeichneten. Zum Oktoberfest gereicht wurde ein angebliches Importbier namens St. Pauli Lager, auf dessen Etikett dann aber wiederum eine Blondine im Dirndl abgebildet war. Die CD „Best of German Beer Garden Music“ mit Perlen des deutschen Liedguts wie „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“ und „Humpahumpatäterä“ lag während des gesamten Abends griffbereit neben dem CD-Player, kam aber glücklicherweise nicht mehr zum Einsatz.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Vorwurf: Eloquenz

Die Entwicklung im Lauf der drei Präsidentschaftsdebatten: Obama wird immer cooler, McCain immer aggressiver und die Moderatoren werden immer kauziger.

Keine Frage, wer derzeit einen klaren Vorsprung in den Umfragen hat: Obama steckt in der Rolle des Favoriten. McCain sucht verzweifelt nach einem griffigen Argument gegen seinen Konkurrenten. Auch in der dritten Debatte hat er bislang noch keines gefunden.

Stattdessen verschärft McCain den Kulturkampf, nennt Obama eloquent (das soll wohl ein Vorwurf sein) und stilisiert sich selbst als Durchschnittsamerikaner. Das aber so aufgesetzt, dass man sich fragt: Wer soll das bloß einem langjährigen Senator abnehmen?

Paketfahndung

Amerika beginnt hinter der Church Street. Mit dem Ende des Yale-Campus endet auch ein Stück Europa. Man muss sich nur einmal die Autos auf dem Professoren-Parkplatz der Politikwissenschaftler anschauen: BMW, Renault, Volkswagen, Mercedes. Hier darf man sogar die New York Times lesen, ohne ausgebuht zu werden.


Weit hinter der Grenze, tief in Amerika, liegt die Hauptpost. Und in der Hauptpost liegt ein Paket für mich. Also auf den Weg. Es ist ein sonniger Herbsttag und mein Stadtplan vermerkt einen Fußweg mit dem schönen Namen „Visionenpfad“, der direkt an der Hauptpost vorbeiführen soll. Also laufe ich los. Ein Fehler.

Nach zwei Monaten in Yale habe ich offensichtlich vergessen, dass ich in Amerika bin. Hier läuft man nicht zu Fuß. Aus gutem Grund.

Die Gebäude entlang des „Visionenpfades“ werden immer schäbiger; es geht unter einer Eisenbahnbrücke entlang und dann an einem Schrottplatz vorbei. Mir kommt ein Schwarzer im Anzug mit seinem SUV entgegen. Ob ich zur Post wolle, fragt er. Und als nächstes, ob ich aus Europa komme. Offensichtlich bin ich kein Einzelfall.

Auch er muss ein Paket abholen – und nimmt mich einfach mit. So kann es auch gehen. Merke: Die Vorteile der Deutschen über die USA müssen nicht stimmen – und die Vorurteile der Amerikaner über ihre Mitbürger noch viel weniger.

Mein Fahrer ist nach einer halben Minute bei dem Thema: der Finanzkrise. Er habe ein Bauunternehmen, in dem es gerade nicht gut laufe. Aber wenn er Probleme habe, helfe ihm der Staat nicht mit Milliarden. Auch in der Warteschlange vor dem Postschalter ist die Finanzkrise das einzige Thema. Und der Zweckoptimismus, der noch vor wenigen Wochen herrschte, ist plötzlich verschwunden.


Die Hauptpost von New Haven (links im Bild) liegt verkehrsgünstig – wenn man ein Auto hat. Der graue Flachbau erstreckt sich im Industriegebiet zwischen zwischen zwei Autobahnen. Wer kein Auto besitzt, aber ein Paket zu tragen und genug Erfahrungen mit dem „Visionenpfad“ gesammelt hat, muss auf den Bus warten.

Die Bushaltestelle ist ein Grasstreifen (am rechten Bildrand zu erkennen). Das erfährt man nach bohrendem Fragen von den Postbeamten. Ein Hinweisschild oder gar ein Wartehäuschen gibt es nämlich nicht. Busfahren ist in Amerika die letzte Option – das Verkehrsmittel der Unterschicht.

PS. Der großartige Jonathan Franzen hat in seinem großartigen Essay-Band „How to be alone“ ein großartiges Stück über die Zustellprobleme der Post in Chicago veröffentlicht. Franzen beschreibt auf rund zwanzig Seiten die Ineffizienzen einer großen Bürokratie, die Probleme der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft und das Sterben der amerikanischen Innenstädte. Und außerdem schreibt er brilliant. Sogar in einen Text über Postzustellprobleme kann Franzen spannend einsteigen:
Der Absturz der Post von Chicago begann, ehe die Öffentlichkeit die Vorzeichen bemerkte: bevor sich die unzustellbaren Briefe in jeder Ecke der Stadt stapelten, um das schuldige Management heimzusuchen – hundert Säcke monatealter Briefe im Laderaum eines Postlasters im Norden der Stadt, hundert Kilo neuer Briefe verbrannt unter einer Brücke im Süden Chicagos, mehr als 1500 Poststücke verrottend in einer flachen Kuhle unter einer Veranda im Westen der Stadt und eine Lastwagenladung Briefe und Pakete in der Toilette eines Briefträgers in einer Vorstadt.
Wer will sich da noch über die Zustände in New Haven beschweren?

Aus dem Ländle nach Yale

Am Vormittag die erste Yale-Klausur: midterm exam bei Bob Shiller. In 70 Minuten geht es um die Finanzkrise, Hungersnöte, Entscheidungstheorie, Entwicklungspolitik, Fairness und Herdenverhalten. Das Problem einer solchen Horizonterweiterungsvorlesung: Wenn sie ernsthaft gemacht ist, liest man sich zu Tode. Die Zusammenfassung meiner Zusammenfassungen hatte noch immer 30 Seiten.

Danach eine halbe Stunde Pause bis zur Ökonometrie-Vorlesung. Mit einigen deutschen Kommilitonen im Aufenthaltsraum der Wirtschafts-Fakultät.



Und nein, das Bild ist wirklich aus keiner Image-Broschüre geklaut.

Erstaunlich: Alle deutschen Kommilitonen in meinem Jahrgang haben zuvor in Baden-Württemberg studiert – mit einem Versprengten aus Augsburg, aber das liegt ja auch noch in Schwaben.

Überhaupt ist die Deutschen-Quote in Yale extrem hoch: Acht der rund 25 VWL-Studenten im ersten Jahr des Promotionsprogramms kommen aus Deutschland. Wenn man sich die Zahl der Europäer aus anderen Ländern und der Asiaten anschaut, dann kann es im VWL-Jahrgang kaum noch Amerikaner geben. Wahrscheinlich stellen die Deutschen im Moment die größte Gruppe.

Vor hundert Jahren war der Studentenfluss noch umgekehrt: Damals gehörte es unter amerikanischen Nachwuchs-Volkswirten zum guten Ton, in Deutschland zu studieren. Mehr als 20 der ersten 26 Praesidenten der American Economic Association hatten einem Shiller-Paper zufolge in Deutschland studiert.

Das Schöne an der hohen Deutschen-Quote: Nach Klausur und Ökonometrie-Vorlesung kann man sich auf den Campus setzen und über das Laenderspiel gegen Wales reden. Muss auch mal sein.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Rezession – da war doch was

Viel Aufregung über eine mögliche Rezession in Deutschland. Allüberall wird für 2009 negatives Wirtschaftswachstum befürchtet. Was man selten liest: Schon im zweiten Quartal 2008 ist die deutsche Volkswirtschaft um annualisiert 2 Prozent geschrumpft. Das hat aber irgendwie niemand so richtig bemerkt. Dabei ist diese Zahl wahrlich kein Geheimnis.

Montag, 13. Oktober 2008

Prominenz

Mittagessen mit Bob Shiller und Louis Uchitelle, Wirtschaftsredakteur der New York Times. Am Vormittag hatte Uchitelle in einem Gastvortrag sein Buch über Massenentlassungen vorgestellt. Beim Mittagessen mit einem Dutzend Studenten (Volkswirte, Politikwissenschaftler, Soziologen) wird klar: Uchitelle hat eine hohe Meinung vom Kündigungsschutz und von sich selbst.

Nachmittags zumindest für eine halbe Stunde in einen Vortrag von Jürgen Habermas über das Erstarken der Religionen. Trotz schlohweißer Haare und gebeugtem Rücken – Habermas wirkt noch lange nicht wie ein 80-Jähriger. Gestik und Stimmfarbe scheinen eher einem 40-Jährigen zu gehören. 

Vorgestellt wird Habermas von einem Yale-Professor, der sich alle Mühe gibt, die vielen deutschen Uninamen richtig auszusprechen: Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Da fühlt man endlich einmal wieder ein wenig Stolz auf das deutsche Hochschulsystem.

Gute Nachrichten

Endlich mal wieder ein Morgen mit guten Nachrichten: Der Dax steht um mehr als 5 Prozent im Plus und Paul Krugman (Autor eines großartigen Lehrbuchs und einer meinungsfreudigen Kolumne) erhält den Wirtschafts-Nobelpreis. Worüber soll man sich mehr freuen?

Nachtgedanken

Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes. Die Leute gehen täglich ihren Geschäften nach, aber das Fundament gerät ins Wanken. Mit jedem Tag der Finanzkrise wächst das Gefühl, dass etwas zu Ende geht.

Vorüber scheint die great moderation, die in den vergangenen 20 Jahren die Weltwirtschaft stabilisierte. Die wichtigsten Größen – Volkseinkommen, Arbeitslosigkeit und Inflation – schienen sich einzupendeln. Fast jeder Staat, der sich an Demokratie und Marktwirtschaft hielt, war erfolgreich. So einfach wird Wirtschaftspolitik auf absehbare Zeit nicht mehr sein.

Wuchert die Aggression gegen die Finanzmärkte aus zur Wut auf die Globalisierung? Bislang konnte es sich die Mehrheit in den Industrieländern einfach machen, „Globalisierung als Schimpfwort benutzen und gleichzeitig von ihren süßen Früchten naschen“ (Harvard-Ökonom Dani Rodrik). Nun wächst die Angst vor einem unkontrollierbaren Weltmarkt, dem selbst die Regierungen machtlos gegenüberstehen. Es wäre nicht der erste Bruch mit der Globalisierung. In seinem Buch „Die Konsequenzen des Krieges“ beschrieb John Maynard Keynes 1919 die wirtschaftliche Freiheit vor dem Ersten Weltkrieg:
Der Bewohner Londons konnte, während er im Bett seinen Morgentee trank, über das Telefon die verschiedensten Produkte aus der ganzen Welt in beliebiger Menge bestellen und ihre baldige Lieferung erwarten. Er konnte zur gleichen Zeit und auf gleichem Wege seinen Wohlstand mehren mit Investitionen in Rohstoffe und neue Unternehmen in jeder Gegend der Welt.
Bis das alles wieder möglich war, sollten noch Jahrzehnte vergehen.

Und heute stehen die USA im Auge des Sturms. Eine Nichtmehrsosupermacht, deren Infrastrukur ebenso verlottert wie ihr Ansehen in der Welt. Zerrissen zwischen progressiver Küste und konservativem Herzland, zwischen Superreichen und Bettelarmen, zwischen Weißen und Schwarzen. Ein Land, das sich in der Mitte teilt, wenn man seinen Bürgern die beiden Gretchenfragen stellt: Nun sag, wie hast du’s mit der Abtreibungsfrage? Nun sag, wie hast du es mit dem Waffenbesitz? Ein Land, das Generationen Freiheit und Wohlstand versprochen hat. Die Freiheit ist schon bedrängt, nun gerät auch noch der der Wohlstand in Gefahr.

Aber wahrscheinlich ist das alles viel zu pessimistisch. Hoffentlich.

Fly over zone

Seit Freitag ist in Connecticut, dem Heimatstaat von Yale, die Ehe zwischen Homosexuellen erlaubt. Connecticut ist nach Kalifornien und Massachusetts der dritte Bundesstaat mit einer solchen Regelung. Ein Blick auf die USA-Karte:



So viel zum Thema Küsten und fly over zone.

Samstag, 11. Oktober 2008

Geiz ist geil

An Einschätzungen tatsächlicher und vermeintlicher Experten zur Finanzkrise besteht kein Mangel. Interessant, einmal die Sicht der normalen Anleger zu sehen – zum Beispiel den Leserbrief einer gewissen Lisa Lipshires aus Massachusetts in der New York Times:
Bitte, liebe Leser, hört auf, euch wie eine wild gewordene Rinderherde zu benehmen. Eure Furcht ist ansteckend und treibt die amerikanische Volkswirtschaft an den Rand des Abgrunds. Beruhigt euch einfach und hört auf, eure Aktien zu verkaufen. Sobald sich die Börse wieder beruhigt, werdet ihr merken, dass eigentlich alles in Ordnung ist.
Netter Versuch. Aber ob man mit wohlmeinenden Ratschlägen eine Vertrauenskrise stoppen kann? George W. Bush versucht das ja seit mehreren Wochen – mit durchwachsenem Erfolg. Freundlich gesagt.

Um nicht immer nur New York Times und Wall Street Journal zu zitieren: Die Bild bringt heute die aufschlussreiche Selbstgeißelung eines deutschen Durchschnittsbankers.
Ich bin 30 Jahre alt, Bank-Berater (Jahresverdienst: 55 000 Euro) und fühle mich seit der Pleite von Lehman als Schwerverbrecher.
Bei der XY-Bank habe ich 70 Kunden betreut, denen ich Pleite-Zertifikate im Wert von zwei Millionen Euro verkauft habe. Seit der Finanzkrise kann ich nicht mehr schlafen, Kollegen von mir haben sogar Morddrohungen bekommen ...
Es ist eine unendliche Qual, dazu beigetragen zu haben, Leute zu betrügen. Und ich weiß, dass viele darunter waren, die auf das Geld angewiesen sind.
Man war jeden Tag als Berater mit erdrückend hohen Zielvorgaben konfrontiert und sollte möglichst keine Festgelder anlegen, sondern viel in Fonds oder Zertifikate stecken, damit die Rendite richtig fett wird. Auch den Festgeldkunden wurden diese Papiere deshalb aktiv und aggressiv verkauft.
Allein: Dass Zertifikate bei einer Pleite des Emittenten nicht geschützt sind, steht in jeder Finanztest-Ausgabe, in jedem Anleger-Handbuch, auf tausend Internetseiten. Aber offensichtlich begegnet der deutsche Durchschnittsanleger seinem Bankberater noch immer mit tiefstem Vertrauen. Dabei sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass Banker keine Berater, sondern Verkäufer sind, die ihre eigene Rendite maximieren wollen. Daran ist auch gar nichts Schlimmes – wenn beide Seiten wissen, welches Spiel gespielt wird.

Die Alternative zur Pseudoberatung bei der Bank – unabhängige Anlageberatung gegen Stundenhonorar – hat bislang keinen Erfolg. Dabei wäre sie oft sinnvoller. Aber Geld ausgeben für etwas, das man andernorts vermeintlich kostenlos abgreifen kann? Das kommt den meisten Deutschen nicht in den Sinn. Dass der Bank-„Berater“ im eigenen Interesse handelt, leider auch nicht. Und am Ende rächt sich dann die „Geiz ist geil“-Mentalität.

Wir sind Hogwarts

In den vergangenen Tagen waren unter anderem Bill Clinton und Jürgen Habermas auf dem Yale-Campus zu Gast. Das meiste Aufsehen unter den undergraduates erregte aber eine andere Berühmtheit: Emma Watson. Die 18-jährige Darstellerin der Hermine in den Harry-Potter-Filmen sieht sich derzeit nach einem Studienplatz in den USA um. Am Donnerstag war Watson in Yale, nachdem sie am Dienstag schon Harvard besichtigt hatte. Der Rat der Yale Daily News: „Komm zu uns. Yale ist wie Hogwarts. Harvard ist wie Askaban.“

Freitag, 10. Oktober 2008

Up and Down

Der Dow Jones heute: In den ersten zehn Handelsminuten um 700 Punkte nach unten. In der nächsten halben Stunde wieder um 700 Punkte nach oben. Dann in einer halben Stunde um 300 Punkte nach unten. Verrückte Welt.

Wie der Princeton-Ökonom Paul Krugman kürzlich schrieb:

Als Wirtschaftswissenschaftler bin ich fasziniert. Als Bürger bin ich zu Tode erschrocken.

Wie lassen sich diese Kurssprünge rational erklären? Wahrscheinlich überhaupt nicht. Eine Studie von Bob Shiller hat schon 1989 gezeigt: In Krisen wird einfach nur deswegen verkauft, weil die Preise fallen. Neue Informationen braucht es gar nicht.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Der Angstindex

Schon wieder ein Tag mit fast 700 Punkten Verlust für den Dow Jones. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, kommt der Aktienindex in 12 Tagen bei null Punkten an, wie die New York Times heute vorrechnet. 

Das war als Witz gemeint. Ob es auch jeder Leser so verstanden hat?

Minus 700 Punkte. Das ist heftig. Noch mehr Anlass zur Sorge gibt jedoch eine andere, auf den ersten Blick unscheinbare Zahl: 4,14 Prozent. Das ist der aktuelle TED-Spread. Noch nie gehört? Das liegt daran, dass Journalisten den TED-Spread nicht mögen. Man braucht nämlich mehr als einen Nebensatz, um ihn zu erklären.

Versuchen wir es mal mit einem Absatz: 
Banken leihen sich in normalen Zeiten untereinander riesige Geldmengen. Der durchschnittliche Zinssatz, den sich die Banken gegenseitig berechnen, heißt Libor. Auch die US-Regierung nimmt laufend Geld über kurzfristige Staatsanleihen auf. Diese Treasury Bills gelten also vollkommen risikofrei. Schließlich kann die Regierung der weltweit größten Volkswirtschaft einfach Steuern erheben, um ihre Schulden zu zahlen. Die Differenz zwischen Libor und Treasury-Bill-Zinssatz gibt an, welchen Aufschlag die Banken ihren Schuldnern anbieten müssen, um ihr höheres Risiko auszugleichen. Und genau diese Differenz heißt TED-Spread. 

Bis vor wenigen Monaten lag der TED-Spread noch unter einem Prozentpunkt. Die amerikanischen Banken galten als gesund; ihre kurzfristige Verschuldung war reines Routinegeschäft. Temps perdu. Am Donnerstag war der TED-Spread mit 4,14 Prozentpunkten so groß wie nie zuvor. Das Misstrauen der Banken untereinander wächst von Tag zu Tag – und der TED-Spread misst genau dieses Misstrauen. 

Was passiert im Moment? Das Ansehen der Banken sinkt immer weiter, also müssen sie immer höhere Zinsen anbieten, um sich am Markt die dringend nötige Liquidität zu beschaffen. Gleichzeitig flüchten die ängstlichen Anleger in sichere Papiere – und am sichersten sind nun einmal Staatsanleihen. Diese Massenflucht treibt die Zinsen der Treasury Bills nach unten. 

Am 17. September, dem psychologisch verheerendsten Tag der Finanzkrise, drehte die Rendite der kurzfristigen Staatsanleihen sogar ins Minus. Die Anleger bezahlten also 100 Dollar, um in drei Monaten 99 Dollar zurückzuerhalten. Das ist für Ökonomen so spannend zu beobachten wie eine Sonnenfinsternis für Astronomen. 

Mit dem Unterschied, dass negative Renditen eigentlich unmöglich sind. Schließlich wäre es klüger, Bargeld zu horten – dann behalten die 100 Dollar zumindest ihren Wert. Aber wenn ein reicher Anleger in Panik seine gesamten Aktien verkauft, kann er den Erlös eben nicht einfach in Dollarscheinen unter der Matratze verstecken. Also das Geld in den sichersten Hafen bringen, nämlich in Staatsanleihen investieren – koste es, was es wolle.

4,14 Prozent TED-Spread – was bedeutet das? Wahrscheinlich großen Ärger. Je schlechter sich die Banken mit Geld versorgen können, desto weniger Kredite werden vergeben. Die ersten Risse in der amerikanischen Volkswirtschaft sind schon zu sehen. 

Der Ratschlag meines Professors in Wirtschaftsgeschichte: Lebensmittel auf Vorrat kaufen und Bargeld horten. 

Aber das war bestimmt nur ein Witz.

Silbermedaille

Yale ist die zweitbeste Uni der Welt. Das meint zumindest die Times aus London in ihrem aktuellen Ranking vom Donnerstag. Und welche Uni steht noch vor Yale? Ausgerechnet der Erzrivale Harvard. 

Die besten Hochschulen aus Deutschland: Heidelberg auf Platz 57 und die beiden Münchner Unis auf den Plätzen 78 (TU) und 93 (LMU).

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Ein stiller Revolutionär

Praktische Menschen, die sich selbst frei von allen intellektuellen Einflüssen wähnen, sind meistens Sklaven irgendeines Ökonomen.
John Maynard Keynes
Ein Rettungspaket für die amerikanischen Banken? Unmöglich, riefen Amerikas Politiker noch vor wenigen Wochen. Das wäre ja Sozialismus. Noch schlimmer: Das wäre unamerikanisch. Soll die Regierung in Schieflage geratene Hypotheken aufkaufen? Niemals, hieß es noch vor wenigen Tagen. Seit gestern Abend wollen sowohl McCain als auch Obama die notleidenden Kredite dem Staat aufbürden.

So wagemutig und entschlossen sich die Politiker in Washington derzeit darstellen wollen – ihre Ideen sind kein einzigartiger Ausfluss ihrer Tatkraft. Sowohl Bailout als auch Hypotheken-Aufkauf hat Bob Shiller bereits Ende August in seinem Buch „The Subprime Solution“ („Die Lösung der Immobilienkrise“) gefordert.

Der Yale-Professor ist dieser Tage ein Dauergast bei Fernsehsendern und Radiostationen. Der Spiegel hat Shiller für die aktuelle Ausgabe ausführlich interviewt. Morgen erscheint seine neueste Kolumne im Wall Street Journal. Als Student in Shillers Kurs über Behavioral Economics kann man dem Finanzexperten beim Denken zuschauen – jede Vorlesung beginnt mit seinen neuesten Überlegungen zur Wirtschaftskrise.

Am Mittwochabend hat Shiller sein Buch „The Subprime Solution“ nun endlich in Yale vorgestellt, fünf Häuser von der Graduiertenschule entfernt. In der Buchhandlung „Labyrinth“ saßen die Zuhörer noch auf den Treppenstufen. 


Mit weicher Stimme und zurückhaltender Gestik stellte Shiller seine Thesen vor – der stillste Revolutionär, den man sich vorstellen kann. Shiller will die Finankrise ausgerechnet mit einer Ausweitung der Finanzmärkte bekämpfen. Auf der Reformliste des Finanzexperten stehen unter anderem eine inflationsfreie Zweitwährung, eine staatlich geförderte Anlageberatung und eine Versicherung gegen fallende Häuserpreise.

Die anschließende Fragerunde zeigt, wie ängstlich die Amerikaner in den vergangenen Wochen geworden sind. Wann ist die Krise endlich vorbei? Wie kann ich mein Geld sicher anlegen? Was können die Politiker überhaupt noch tun? Tief unter der notorisch guten Laune sitzt inzwischen die Furcht vor der Großen Depression des 21. Jahrhunderts.

Gegenpropaganda

Yale ist wunderschön. Für Touristen. 

All die ehrwürdigen Gebäude! Die wunderschönen Vortragssäle! Die vielen US-Präsidenten, die hier studiert haben!

Yale kann schrecklich sein. Für Studenten.

Yale ist furchtbar, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und liest und rechnet und nichts will funktionieren. Wenn man sich fragt, wie man jemals das Abitur, geschweige denn den Studienplatz an der Elite-Uni bekommen hat. Und dann verlässt man nachts die Juristen-Bibliothek und läuft über den Cross Campus. Amerikanische Geschmacklosigkeit. Oxford in der Disney-Variante. Gebäude, die eine falsche Tradition vortäuschen. Hinter den erleuchteten Fenstern der Sterling Library reihen sich Millionen Bücher, die alle rufen: Du hast keine Ahnung von mir – solltest du aber haben. 

Man läuft zum Yale-Bus und weiß schon vorher, dass der Fahrer ein Schwarzer sein wird. Wie eigentlich alle Uni-Angestellten mit hässlichen Jobs und schlechten Arbeitszeiten. Wenn der Bus vor der Wohnung im Studentenviertel East Rock hält, beeilt man sich, zur Tür zu kommen, weil der Uni-Polizei-Chef erst am Mittag eine Rundmail über das neueste Verbrechen an einem Studenten verschickt hat. Und dann kommt man in die Wohnung und setzt sich noch einmal an den Schreibtisch – mit Jacke und Schal, weil ein Mitbewohner im vergangenen Jahr die Heizöl-Rechnung nicht bezahlt hat, die Temperaturen in Neuengland aber auch in diesem Oktober wieder in den Keller fallen. So ist Yale.

Zum Glück nur manchmal. Heute Abend geht es eigentlich ganz gut. Schon um kurz nach Mitternacht aus der Bibliothek gekommen. Und die erste Vorlesung am Mittwochmorgen beim Finanzkrisen-Papst Bob Shiller. Besser kann es ja eigentlich nicht kommen.

Update: Ein Propaganda-Stück aus dem Archiv gibt es hier und eine Außenperspektive (in der fairen Meinungsmitte) dort.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Nichts Neues in der Debatte

Nach den ersten 30 Minuten Fernseh-Debatte zwischen Obama und McCain wieder in die Bibliothek. Nichts Neues mehr nach den ersten beiden Diskussionen der Präsidentschaftskandidaten und ihrer Vizes. Obama und McCain wiederholen zumeist ihre altbekannten Aussagen – manchmal wortwörtlich. Aber der Umgangston ist schärfer geworden.

McCain kommt das Format einer Bürgerversammlung gelegen. Gleichwohl schlägt sich Obama in den ersten 30 Minuten souverän. Jede Attacke McCains kann Obama sofort parieren.

McCains Bewegungen vor dem Publikum wirken angestrengt. Bei einer Frage zu seinen Prioritäten muss er sich beim Moderator erkundigen: Um welche Politikfelder ging es noch einmal? McCain wirkt heute vor allem alt.

Ein Fall für Psychologen

Eine zufällige Zwischenbilanz der Finanzkrise in Amerika: Die Aktienkurse brechen Tag für Tag weiter ein. Die Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr. Autoverkäufe, Häuserpreise, Einzelhandesabsatz – alles sackt ab. In den USA gibt es nicht eine einzige Investmentbank mehr. Die Zentralbank muss den letzten Ramsch als Sicherheit für Kredite akzeptieren.

Inzwischen ist die ganze Welt in den Sog der abstürzenden US-Volkswirtschaft geraten. Der russische Aktienmarkt am Montag mit fast 20 Prozent Verlust. Unfassbar.

Am meisten sorgt mich aber, dass nichts gegen diese Krise zu helfen scheint. Das milliardenschwere US-Rettungspaket von vergangener Woche? Wirkungslos verpufft. Die Ankündigung einer Leitzinssenkung? Der Dow Jones reagierte mit einem Minus von 500 Punkten. 

Kein einziges ökonomisches Instrument scheint mehr zu greifen, weil im Markt jegliches Vertrauen fehlt. Diese Krise ist kein Fall für Volkswirte mehr. Sie ist ein Fall für Psychologen.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Amerika schaut auf Deutschland

Die Finanzkrise muss nur schlimm genug werden, dann schafft es sogar Deutschland einmal ganz nach oben bei den wichtigsten US-Medien:



Theater für Fortgeschrittene

Am Wochenende im Universitätstheater. Dem aktuellen Stück „Passion Play“ hat sogar der New Yorker, Amerikas letzte Kulturinstanz, eine Besprechung gewidmet. 


New Yorker vom 29. September

„Passion Play“ ist ein Theaterstück über drei Theaterstücke – Passionsspiele, die im mittelalterlichen England, im Oberammergau unter Hitler und in den USA der Reagan-Zeit aufgeführt werden. Es geht um von Religion und Staat, Homo- und Heterosexualität, Schauspiel und Wirklichkeit, Krieg und Frieden. Noch etwas vergessen? „Passion Play“ ist hoffnunglos überladen mit Themen, Motiven und Anspielungen, aber immer wieder brilliant.

Und kein Kindertheater. Ein Schild am Eingang warnt: „Die Aufführung enthält Zigarettenrauch, derbe Sprache, Sexualität und Gewalt.“ In Amerika kommt nicht einmal mehr die Kultur ohne Produkthinweis aus.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Fremdschämen

Das andere Amerika kommt auf einer 2 mal 3 Meter großen Leinwand nach Yale. Aber es kommt nicht gut an. Das andere Amerika ist an diesem Abend Sarah Palin.

Die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner gibt in der Diskussion mit Joe Biden ihre Paraderolle als hockey mom mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Der Staat? Eher Problem als Lösung. Die Finanzkrise? Ergebnis von Gier und Korruption. Schuld an den Problemen der US-Politik? Die Ostküsten-Elite.

Wenig Begeisterung bei der Ostküsten-Elite, die im Raum 118 der Graduiertenschule die Debatte verfolgt.

Palin erlaubt sich an diesem Abend keinen Patzer, den der Durchschnittszuschauer bemerken würde. Das Trainingslager auf John McCains Ranch scheint sich auszuzahlen. Einzig bei einer Frage zur Rolle des Vizepraesidenten kommt Palin ins Schlingern. Ob der Vizepraesident zur Exekutive oder zur Legislative gehöre? Palin flüchtet sich ins Vage. Sie hat offensichtlich die Frage nicht verstanden. Zeit zum Fremdschämen als Zuschauer.

Ganz anders Joe Biden, der in seiner Freizeit eine Vorlesung über Verfassungsrecht hält. Die Idee des Vizepräsidenten als Teil der Legistlative – wie vom bisherigen Amtsinhaber Dick Cheney befürwortet – nennt Biden bizarr. Nachdem er in den ersten Minuten das Fernsehstudio mit einem Plenarsaal verwechselt hat, findet Biden immer besser in seine Rolle. Vor allem in der Außenpolitik sticht der langjährige Senator seine Konkurrentin aus. Dabei kann Biden von seinem Haus in Wilmington aus nicht einmal Russland sehen.

Palin ist frech, will der Moderatorin immer wieder die Kontrolle über die Themen der Diskussion abnehmen. Dazu lächelt sie 90 Minuten ununterbrochen, als sei sie Hauptdarstellerin in einer Dauerwerbesendung. Gelächter bei den Zuschauern in der Graduiertenschule über ihre Umgangssprache. Betcha, darn right, heckuva. Solche Ausdrücke versucht man in Amerika schon den Kindern abzugewöhnen. Als Zuschauer fragt man sich: Ist das noch die Originaldebatte oder schon die Persiflage in der Daily Show?

Wenn der Boden unter den Füßen verschwindet

Unter allen schlechten Optionen, die derzeit auf dem Tisch liegen, ist der Rettungsplan – von Finanzminister Henry Paulson als kurzer Entwurf eingebracht und inzwischen auf 451 Seiten angeschwollen – noch die beste Variante. Vorausgesetzt, das Repräsentantenhaus lässt das Gesetz morgen im zweiten Anlauf passieren – was bleibt dann von dieser Woche hängen? 
  • Das Bild eines Präsidenten, der das Parlament Tag für Tag anfleht, doch bitteschön endlich die USA zu retten. Der mächigste Mann der Welt, hilflos.
  • Der CNN-Splitscreen während der gescheiterten Abstimmung im Repräsentantenhaus am Montag: Auf der linken Bildschirmseite zählen die Nein-Stimmen der Abgeordneten nach oben, auf der rechten Seite fällt der Dow Jones im Sekundentakt in die Tiefe. Und man weiß nicht, wann der Sturz enden wird. Als Zuschauer das Gefühl, dass gerade der Boden unter den Füßen verschwindet. Ähnliches hat New-York-Times-Kolumnist Thomas Friedman empfunden:
Ich habe während meines Lebens nur wenige Male um mein Land gefürchtet: 1962 während der Kuba-Krise; 1963, als John F. Kennedy ermordet wurde; am 11. September 2001; und am Montag, als die Republikaner im Repräsentantenhaus das Rettungspaket abgeschmettert haben.
  • Das Gespräch mit einem Mitbewohner, der mich im WG-Flur fragte, welche Bank heute untergegangen sei. „Ein paar, unter anderem Wachovia“, sagte ich. Die Antwort: „Oh Mann, da habe ich mein ganzes Geld.“

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Schmuus

„Moomendemal – verstehen Sie die Hessen?“, fragt Welt Online heute und bewirbt den Artikel sogar im Kopf der Homepage. Da freut sich natürlich der Hesse im Exil an der amerikanischen Ostküste (übrigens eine echte Tradition) – aber leider nicht lange. Welt Online kleistert nämlich aus zwei privaten Webseiten eine Wörterliste zusammen und arrangiert das Ganze mit einem vollkommen kompetenz- und humorfreien Begleittext. Das war’s auch schon. Kostprobe:
Als Besucher könnte man fast glauben, die Hessen betrieben mit ihrer Mundart einen Hochleistungssport – und zwar in der Disziplin Mundfäule.
Sehr lustig. Und vor allem: Den Vorwurf der Mundfaulheit hätte man sich ja noch gefallen lassen. Aber Mundfäule ist nun wirklich etwas anderes.

Wer tatsächlich den hessischen Dialekt (und Charakter) kennenlernen will, dem sei ein Beitrag aus der Hessenschau vom 26. Juli empfohlen. Vordergründig ein Stück über rollende Bankfilialen im Vogelsberg, tatsächlich aber ein wunderbares Sittengemälde des Hessen an sich.

PS. Schmuus, der: (hessisch) sinnloses Gerede.

Spam

Inzwischen ist die Finanzkrise selbst im E-Mail-Postfach angekommen, Abteilung Abseitiges. Zwischen Angeboten für Viagra-Lieferungen und Casino-Besuche sind die ersten Mails zur Finanzkrise im Spam-Filter hängengeblieben. Sowohl ein gewisser Tommie Estes als auch ein Josiah Pitts lassen mir freundlicherweise „Antworten auf die Rezession“ zukommen. Kämpferischer ist die Mail eines gewissen Ray Rocha mit dem Betreff „Boykottiere die Rezession“. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Vor allem, wenn das Rettungspaket auch im zweiten Anlauf scheitert. Dann hilft nur noch die Mail von Ima Azalee: „Schmerzmittel? Wie haben alles zu günstigen Preisen.“