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Dienstag, 13. Januar 2009

Die letzten Serpentinen

Von San Francisco nach Los Angeles. Erster Abstecher nach Palo Alto, wo der mickrige Beginn einer Boomregion zu sehen ist: die kleine Holzgarage, in der zwei Tüftler die Geschichte von Hewlett-Packard begannen – und damit die Geschichte des Silicon Valley. Keine zehn Minuten Autofahrt entfernt steht die Firmenzentrale des Informationsriesen Google. Vor dem Haupteingang parkt ein fahrender Friseurladen. Google nimmt seinen Mitarbeitern offensichtlich jede noch so kleine Last des Alltags ab. 

Nicht weit entfernt die Firmensitze von Apple und Intel – beide architektonisch enttäuschend. Da macht der Rundbau des schwäbischen Computerhändlers Datagroup an der Bundesstraße 27 bei Pliezhausen-Gniebel noch mehr her.

So malerisch wie in jedem Kalifornien-Reiseführer versprochen, windet sich der Highway 1 an der Pazifikküste entlang. Tolle Blicke auf den Ozean und Kurven, die man nur im ersten Gang fahren kann. Enttäuschend hingegen Carmel-by-the-Sea, angeblich ein Künstlerdorf, tatsächlich aber wohl eher eine Schicki-Micki-Siedlung mit einigen geschmacklosen Galerien. Zumindest einen schönen Strand hat der Ort. 

Rund 150 Kilometer südlich liegt Hearst Castle, die pseudoeuropäische Traumburg des Zeitungsverlegers William Randolph Hearst. Das waren noch Zeiten, als sich Zeitungsverleger solche Paläste bauen konnten. Hearst ist 1951 gestorben.

Anständige Journalisten

Präsident Bush hat am Montag sein nach eigenen Worten „ultimatives Entlassungsgespräch“ geführt und ist in der letzten Pressekonferenz seiner Präsidentschaft dem Vorwurf entgegengetreten, seine Handlungen seien schädlich gewesen für das moralische Ansehen der Nation [...] Zum letzten Mal hatte Bush zuvor in Bagdad auf Fragen von Journalisten geantwortet. Damals hatte ein irakischer Journalist für internationale Schlagzeilen gesorgt, als er einen Schuh auf Bush geworfen hatte. Die Pressekonferenz am Montag umfasste nur Fragen, keine Schuhe [...]

Samstag, 27. Dezember 2008

Eine unmögliche Zeitschrift

Diese Zeitschrift macht alles falsch. Sie bringt furchtbar lange Texte über entlegene Themen, gern über die Innenpolitik afrikanischer Kleinstaaten. Es gibt überhaupt keine Fotos. In den Textwüsten verstecken sich stattdessen Karikaturen, die mit den Artikel nichts zu tun haben. Das Magazin beginnt nicht mit einer atemberaubenden Bildstrecke, sondern mit klein gedruckten Kulturterminen. 

Und doch ist der New Yorker die beste Zeitschrift der Welt. Man muss sich nur die aktuelle Weihnachtsausgabe ansehen. Ein großartiges Cover mit dem Gemäde „Minimal Christmas“ von Bob Staake im Stil Piet Mondrians. 



Im Innenteil ein bissiger Politik-Kommentar von Hendrik Hertzberg, einfallsreiche Feuilletons wie Lauren Collins Notizen zur Einkaufstauschenmode in der Wirtschaftskrise, großartige Kurzgeschichten wie „Another Manhattan“ von Donald Antrim. 

Was will man mehr?

Dienstag, 23. Dezember 2008

Von hinten durch die Brust ins Auge

Die aktuelle Wintermode im US-Journalismus: der Schleppeinstieg. Nachrichtliche Texte beginnen nicht mehr medias in res, sondern mit der Vorgeschichte oder Andeutungen. Heute auf der Titelseite der New York Times folgende Einstiegssätze:
Während die Zahl der Entlassungen ein historisches Hoch erreicht, haben manche Unternehmer eine Alternative dazu gefunden, ihre Arbeitnehmer zu entlassen. (Aber welche bloß?)

Bis vor kurzem gab es wenige bessere Möglichkeiten, eine Lobbyisten-Karriere zu beginnen, als eine Kündigung im Büro von Ted Stevens, dem Senator aus Alaska. (Und heute?)

Seit Bernard L. Madoff vor elf Tagen in Zusammenhang mit einem 50 Milliarden Dollar schweren Schneeballsystem festgenommen wurde, hat sich die Fairfield Greenwich Group als ahnungsloses Opfer des Betrugs dargestellt. (War das etwa gelogen?)

Am Rand einer Straße in Matabeleland stopfen sich barfüßige Kinder ihre Taschen mit Getreidekörnern voll, die von einem Lastwagen gefallen sind, als seien die braunen Körnchen – in normalen Zeiten nur als Tierfutter genutzt – wahres Gold. (Und was bedeutet das für ganz Zimbabwe?)

Schon ehe die Jobmesse beginnt, schlängelt sich die Reihe der Wartenden bis auf den Parkplatz, eine schweigsame Parade von Leben, die eine Entlassung aus der Bahn geworfen hat. (Und was passiert auf der Jobmesse?)
Wir sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. Bislang hat der Leser jedenfalls nicht Handfestes erfahren. So funktioniert der Schleppeinstieg nicht. Was im Einzelfall ein gutes Stilmittel sein mag, wird in der Häufung zur Masche. 

In guter deutscher Manier wäre es vielleicht Zeit, einen Verein zu gründen. Rettet den klassischen Leadsatz e.V. Mitgliedsanträge bitte per E-Mail an mich.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Hohlspiegel, Teil 2

Aus der aktuellen Ausgabe der Yale Daily News:
Berichtigung
Eine Bildunterschrift in der Mittwochsausgabe hat den Bildinhalt ungenau beschrieben. Das Foto zeigte nicht den künftigen Präsidenten Barack Obama, sondern einen Teller mit Cookies.

Freitag, 28. November 2008

Warum wir Amerika trotzdem lieben

Die FAZ führt auf ihrer Homepage derzeit zwölf Gründe an, „warum wir Amerika trotz der Krise lieben“. Meine beiden Lieblingsbeiträge:
Katja Gelinsky über die amerikanische Freundlichkeit
„Hallo, wie geht’s? Was tragen Sie für ein hübsches Tuch! Einen wunderschönen Abend noch.“ Dazu lächelt die Kassiererin im Supermarkt gutgelaunt. Die Amerikaner sind freundliche, höfliche Menschen. Dazu gehört auch, dass sich jedermann ständig bedankt. Egal ob Gastgeber oder Gast, Kunde oder Verkäufer: Ohne gegenseitige Dankesbezeugungen geht man in den Vereinigten Staaten nicht auseinander. Liebenswürdigkeit tut gut. Die Amerikaner machen es uns vor. 

Anna von Münchhausen über den Indian Summer
Warum in diesen Tagen zwischen Massachusetts und Connecticut so viel Gold in der Luft liegt, warum es im Herbst dort so besonders bunt zugeht, warum Moleküle namens Anthocyane wie entfesselt die Blätter in Brand setzen – schlüssig erklären kann das niemand. Aber irgendetwas muss dran sein, wenn sich gerade wieder Zigtausende aufmachen, um zu bewundern, was gern als „das Naturschauspiel“ gepriesen wird. Von wegen Natur: Der amerikanische Traum selbst ist es, der sich im Indian Summer in Szene setzt. Der unerschütterliche Glaube an die Möglichkeit der Selbsterneuerung, der auch nicht stirbt, bloß weil der Wind ein wenig schärfer geht. Denn der nächste Frühling kommt bestimmt.
Das ist so hübsch geschrieben – da ist es direkt geschenkt, dass in Massachusetts und Connecticut längst kein Gold mehr in den Bäumen liegt, weil der Indian Summer seit fast einem Monat vorüber ist. 

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der überhaupt nur zu den ganz großen Menschheitsfragen in die Tasten greift, hat Mitte der Woche gefragt: „Kommt der Wechsel von Bush zu Obama zu spät?“ Schirrmachers Text hat neun Absätze – fünf davon stammen direkt aus der New York Times. 

Mittwoch, 26. November 2008

Mumbai

Gerade versucht, einen Überblick über die Nachrichtenlage in Mumbai zu bekommen. Besser informiert als NYT etc. scheinen die Times of India zu sein Aber wer bietet die beste Zusammenfassung? Wikipedia.

Update, 27. November, 9.00 Uhr: Die Berichterstattung über die Anschläge von Mumbai wurde geprägt von Medien, die vor fünf Jahren noch kaum jemand kannte – wenn es sie damals überhaupt schon gegeben hat: Twitter, Blogs, Flickr, Youtube, Google Maps und Wikipedia.

Über diese Entwicklung berichten in lesenswerten Artikel Reuters, France 24, Age und Daily Telegraph. In deutschen Medien findet Google News erst vier Trefferchen zum Thema. Darunter die Frankfurter Rundschau, die sich herablässt, über die „Spielzeuge des Web 2.0“ zu berichten. Diese Attitüde hatten wir doch erst gestern. Print worst II.

Wie aber können konventionelle Medien sinnvoll mit der neuen Konkurrenz des Web 2.0 umgehen? Indem sie aus der Not eine Tugend machen – wie die New York Times mit ihrem Blog The Lede, in dem NYT-Journalisten die tausenden Informationsschnipsel zu einem Ganzen zusammenführen.

Print worst

Warum bloß, fragen die verzweifelten Zeitungsverleger, wandern die Leser unter 30 ins Internet ab? Vielleicht, weil ihnen ähnliches passiert wie mir heute: In der Frankfurter Rundschau eine Rezension der historisch-kritischen Ausgabe von Goethes Briefen gesehen. So weit der erfreuliche Teil. Ab jetzt quält sich der Artikel ziemlich gelangweilt dahin, um im letzten Absatz zu kulminieren:
Dieser stürmische Drang zur Selbstverbesserung unterscheidet Goethe himmelweit von heutigen jungen Menschen, allerdings auch von den meisten Menschen überhaupt. Seinem bunten Bildungsgang zu folgen, macht seine Briefe allein schon zu einzigartigen Zeugnissen der Menschheit, seine ausführlichen Gefühlserforschungen, die poetischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Gedanken, die Verse und Werkschnipsel in den etwa 15.000 überlieferten Schreiben tun ein Übriges, die Steuermillionen der kommenden Jahrzehnte für nicht übel angelegt zu halten. Besser jedenfalls, als wieder mal Super-Computer zu erwerben, die nach eineinhalb Jahren total veraltet sind.
Zwei altväterliche Platitüden und dazwischen eine sanft im Wind flatternde Satzgirlande von 48 Wörtern (wenn ich mich nicht zwischendurch verzählt habe). So kann man Leser – und junge Leser erst recht – auch mit Gewalt ins Internet zwingen.

Montag, 24. November 2008

Selbstreferenzialität hoch vier

Ohne Worte: Fall eins und Fall zwei.

Freitag, 21. November 2008

Achtung, Ironie!

Eine güldene Weisheit aus Wolf Schneiders „Deutsch für Profis“:
Die Zahl der Leser oder Hörer, die Ironie mögen oder auch nur erkennen, ist immer kleiner, als Journalisten möchten.
Der aktuelle Beweis. Thomas Knüwer schreibt in seinem Handelsblatt-Blog über Entlassungen bei der Süddeutschen Zeitung:
Kommt der blöde Verlag und schmeißt einfach gute Leute raus, ohne Rücksicht auf das Produkt, das er selbst vermarkten muss. Harakiri auf südwestdeutsch.
Leser kommentiert:
Ich muss leider kurz Klugscheißen: München ist nicht mal in der Nähe des Südwestens sondern ca. 300 km davon entfernt :)
Journalist antwortet:
@Julian: München ist nicht Südwesten. Stuttgart schon. Und wer hat die "SZ" übernommen... ;-)
Aua.

Dienstag, 11. November 2008

Selbstreferenzialität hoch drei

Mittagessen im Hof der School of Management. Ein Kommilitone aus Mannheim erzählt von einem interessanten Artikel, den er auf Zeit Online gelesen habe: amerikanische Elite-Unis unter Druck wegen der Finanzkrise. Sogar die Yale Daily News seien zitiert gewesen. Wie der Journalist wohl auf diese Idee gekommen sei?

Einfache Antwort: Weil ein Freund des Journalisten gerade in Yale studiert und die Daily News liest. Und dieser Freund sitzt beim Mittagessen genau einen Stuhl neben dem Yale-Studenten aus Mannheim. Eigentlich hätte man wegen der Rückkopplung einen lauten Knall hören müssen.

Und das Schönste: Über die Geschichte kann man direkt wieder einen Blog-Eintrag schreiben. Ziemlich viel Selbstreferenzialität auf einmal.

Donnerstag, 6. November 2008

Die Zeitung von gestern

Sind Blogs wirklich schneller als konventionelle Medien? Das habe ich eigentlich nie so richtig glauben können. Aber man wundert sich dann schon, wenn das ZDF geschlagene 36 Stunden nach einem privaten Spaßblogger auch mal auf die Idee kommt, über die Jagd nach Zeitungen mit der Schlagzeile „Obama wird Präsident“ zu berichten.

Am Seitenrand erfährt man übrigens (Stand 6. November):
Bush darf nicht mehr. Doch wer wird der nächste Präsident der USA? Entschieden wird die Frage zwar erst am 4. November, doch schon jetzt schaut die Welt auf die Ereignisse in einem der mächtigsten Länder der Erde.
Guten Morgen.

Mittwoch, 5. November 2008

Erinnerungsstück

In aller Herrgottsfrühe mein Wohnviertel abgesucht, um die New York Times zu bekommen, ehe sie ausverkauft ist. Man hebt ja doch lieber eine Zeitung auf als einen Screenshot.



Aber als langfristiges Geschäftsmodell für Tageszeitungen tragen die Vitrinenstücke wohl kaum. Kommt ja nicht jeden Tag vor, dass der Sohn einer Frau aus Kansas und eines Mannes aus Kenia amerikanischer Präsident wird. 

Update, 6. November: Inzwischen wird die NYT-Ausgabe vom vom Morgen nach der Wahl bei Ebay für mehr als 100 Dollar gehandelt. Da hat sich der frühe Aufstehen wohl gelohnt.

Montag, 3. November 2008

Realitätsschock

Die vergangenen zehn Tage kaum etwas anderes als Sigma-Felder und Verteilungsfunktionen gesehen, der Zwischenklausur in Statistik sei dank. An Nachrichten ist während dieser Zeit etwa folgendes bei mir hängen geblieben:
  • Volkswagen wird das teuerste Unternehmen der Welt.
  • Die USA verletzen mal eben so die territoriale Integrität Syriens.
  • Hoffenheim steht an der Spitze der Bundesliga.
  • Die Zuversicht der amerikanischen Konsumenten sinkt auf das niedrigste jemals gemessene Niveau.
  • Erstmals spricht ein deutscher Verteidigungsminister von gefallenen Bundeswehrsoldaten.
Kann es sein, dass die Welt irgendwie gerade etwas aus der Ordnung gerät? Nur mal so dahingefragt.

Heute dann der echte Realitätsschock: Zu Hause in Hessen geht es drunter und drüber. Nach der Statistik-Klausur erst einmal die gesamte dpa-Berichterstattung aus Wiesbaden gelesen. Spannender als jeder Thriller. Was ist bloß aus der hessischen SPD geworden? Das war doch mal die stolze Partei des großen Georg August Zinn. Und jetzt? 
Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat.
Friedrich Dürrenmatt

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Zeitungsdämmerung

Höchste Zeit für ein bisschen Lob im Blog. Wer soll es abbekommen? David Carr. Der schreibt in der New York Times eine lesenswerte Analyse der Zeitungsmisere.

Am Dienstag verkündete mit dem Christian Science Monitor die erste große amerikanische Zeitung, dass sie ihre Druckausgabe einstellt und nur noch im Internet erscheint. Der Verlag des Time-Magazins streicht 600 Stellen, während gleichzeitig Amerikas größter Zeitungsverlag Gannett bis zu 3000 Mitarbeiter vor die Tür setzt. 

Carrs Fazit: „Es ist eindeutig, dass den Zeitungen der Himmel auf den Kopf fällt. Die Frage lautet nur, wie viele Print-Journalisten noch übrig bleiben, um darüber zu berichten.“

Samstag, 25. Oktober 2008

Hohlspiegel

Wundersame Neuigkeit aus der Heimat:
Familiendrama forderte zwei Opfer
Hat 66-jähriger Rentner erst sich und dann seine 62-jährige Ehefrau mit Küchenmesser getötet?
(Oberhessische Zeitung vom 24. Oktober)
Das ist der real existierende Journalismus, wie ein Kollege von ebenjener Zeitung zu sagen pflegt. Wer es nicht glaubt: Hier ist der Link.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Amerika schaut auf Deutschland

Die Finanzkrise muss nur schlimm genug werden, dann schafft es sogar Deutschland einmal ganz nach oben bei den wichtigsten US-Medien:



Mittwoch, 1. Oktober 2008

Schmuus

„Moomendemal – verstehen Sie die Hessen?“, fragt Welt Online heute und bewirbt den Artikel sogar im Kopf der Homepage. Da freut sich natürlich der Hesse im Exil an der amerikanischen Ostküste (übrigens eine echte Tradition) – aber leider nicht lange. Welt Online kleistert nämlich aus zwei privaten Webseiten eine Wörterliste zusammen und arrangiert das Ganze mit einem vollkommen kompetenz- und humorfreien Begleittext. Das war’s auch schon. Kostprobe:
Als Besucher könnte man fast glauben, die Hessen betrieben mit ihrer Mundart einen Hochleistungssport – und zwar in der Disziplin Mundfäule.
Sehr lustig. Und vor allem: Den Vorwurf der Mundfaulheit hätte man sich ja noch gefallen lassen. Aber Mundfäule ist nun wirklich etwas anderes.

Wer tatsächlich den hessischen Dialekt (und Charakter) kennenlernen will, dem sei ein Beitrag aus der Hessenschau vom 26. Juli empfohlen. Vordergründig ein Stück über rollende Bankfilialen im Vogelsberg, tatsächlich aber ein wunderbares Sittengemälde des Hessen an sich.

PS. Schmuus, der: (hessisch) sinnloses Gerede.

Montag, 29. September 2008

Schwarzer Montag?

13.48 Uhr: Jetzt haben wir den Salat. Wachovia am Ende, Hypo Real Estate und Fortis in Problemen. Wir gedenken noch immer der SachsenLB, WaMu, Lehman, Fannie, Freddie etc. Und in diesem Moment scheint das Repräsentantenhaus den dringend nötigen Rettungsplan scheitern zu lassen. Dow Jones minus 600 Punkte. Fängt so eine Weltwirtschaftskrise an? Gegenfrage: Wenn nicht so, wie dann?

14.28 Uhr: Wie konnte dieses Fiasko bloß passieren? Aus der Rede eines Hinterbänklers, des Republikaners Paul Ryan, vor der Abstimmung:
Wir fürchten in diesem Moment alle um unsere Wiederwahl. Die meisten von uns sagen: Ich möchte, dass dieses Gesetz durchkommt, aber dafür stimmen sollen bitte die anderen – nicht ich. Wir sind mitten in diesem Moment, und wenn es uns nicht gelingt, die richtige Entscheidung zu treffen, dann helfe uns Gott.
18.39 Uhr: Der Dow Jones hat inzwischen mit dem größten Punkteverlust seiner Geschichte geschlossen. In der Überschrift dieses Blog-Eintrags bitte das Fragezeichen streichen.

19.11 Uhr: Einige Schlagzeilen vom Tag. 
  • „Rettungspaket scheitert, Aktienkurse stürzen“ (New York Times) – Zwei Substantive, zwei Verben. Knackiger geht es nicht. Und das Original („Bailout Fails; Stocks Plunge“) braucht noch nicht einmal halb so viele Silben wie die deutsche Übersetzung.
  • „Stillstand in Washington“ (FAZ) – Langweilig bis irreführend. Wenn der Dow Jones um fast sieben Prozent abstürzt – ist das Stillstand? Zugegeben, die Wall Street liegt in New York, nicht in Washington. Aber für eine Schlagzeile ist das schon sehr um die Ecke gedacht.
  • „Parlament an Börse: Geh sterben“ (Marketwatch) – Die Essenz eines verrückten Tages in fünf Wörtern.

Freitag, 26. September 2008

Ablenkung von der Krise

Das Feuilleton ist für die Zeitungen ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger (...) Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung.
Joseph Roth
Einer der besten Artikel zur Finanzkrise steht heute in der New York Times, aber nicht im Wirtschaftsteil. Susan Dominus berichtet einmal nicht über Kreditlinien und Zwangsversteigerungen, sondern schildert in ihrer Reportage einen Sonderverkauf des Luxushändlers Hermès nahe der Wall Street:
Es ist nicht so, dass die Frauen in der Schlange den Geruch von Finanzdesaster nicht wahrnehmen, der in der Luft liegt. Ganz im Gegenteil. Mehr als eine Frau kam zur Hermès-Filiale, um der Krise zu entfliehen. „Ich brauche einfach eine Pause“, sagte eine Bankerin. (...)

Die Käuferin wollte weder ihren Namen noch ihren Arbeitgeber preisgeben. Denn eigentlich hätte sie an ihrem Schreibtisch sitzen müssen – unter diesen Umständen. „Sagen wir einfach, dass es meine Bank noch gibt. Das schränkt die Auswahl ja auf etwa vier Unternehmen ein.“ (...)

„Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, ist so ein Sonderverkauf erst recht ein Grund, sich etwas Schönes zu kaufen“, sagte eine junge Frau im dunklen Hosenanzug. Wie die Bankerin vor ihr in der Schlange wollte sie ihren Namen nicht nennen, weil sie eigentlich im Büro sein sollte – in ihrem Fall, um einen Bericht an die Finanzaufsicht vorzubereiten.

Sie klemmte das Wall Street Journal unter ihren Arm. „Kauf dir was Schönes, und du siehst gut aus. Wenn du gut aussiehst, fühlst du dich gut. Falls dein Job unsicher ist und du den vollen Preis bezahlen musst, ist die Lust am Einkaufen weg.“

Nach dem 11. September gab es viele Gewissheiten, die im Rückblick absurd erscheinen – dass die Zeit der Ironie vorüber sei oder dass Shoppen die Wirtschaft stärke und deshalb eine patriotische Tat sei. Merkwürdig, dass genau dieses Argument – einkaufen, um Amerika zu stärken – am Donnerstagnachmittag in der Schlange vor Hermès nicht genannt wurde, obwohl fast alle anderen Argumente fielen. (...)