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Donnerstag, 6. November 2008

Happy Now?

Am Mittwoch das dringende Bedürfnis, mal einen Abend ohne Statistik, Präsidentschaftswahl oder Finanzkrise zu verbringen. Mit Freunden im Uni-Theater: Happy Now?, eine süßsaure Komödie über zwei Paare, die ihre Zeit mit Diskussionen über die richtige Tapetenfarbe (leinen, beige oder graubeige?) verbringen, weil sie über die wirklichen Themen in ihren Beziehungen nicht sprechen können. 

Foto: Joan Marcus/Yale Repertory Theater

Die hymnische Besprechung in der New York Times ist kaum überzogen – die Dialoge sind wirklich gepfeffert, die Darsteller wirklich großartig. Schade nur, dass das Stück gegen Ende ein wenig ausfranst.

Das Yale-Theater ist spottbillig: Als Student kann man sich für weniger als 8 Euro Stücke ansehen, die in den überregionalen Zeitungen und sogar im New Yorker besprochen werden. Während der Pause gibt es kostenlosen Kaffee, auch das nüchtern geschriebene Programmheft gehört zum Service. Tolles Theater, herrlich unprätentiös.

Samstag, 1. November 2008

Walsers Sprachwurzelbürste

Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet.
Zwei Sätze, die gegeneinander laufen. Zwei Sätze, vollgepfropft mit acht Personalpronomen, ehe die Auflösung folgt: Er ist Goethe (der Vornamenlose, wie er später immer wieder heißen wird), sie ist Ulrike von Levetzow. So beginnt Martin Walsers Roman „Ein liebender Mann“ über den 73-Jährigen und die 19-Jährige.

Ein echter Walser-Einstieg. Zu typisch, wenn man ihn neben den Beginn der Autobiographie „Ein springender Brunnen“ legt:
Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.
So wird der geniale Einfall zur Masche. Aber das ist Krittelei. Wichtiger ist die Sprache, die den „Liebenden Mann“ trägt. Walsers Sprache, die sich anfühlt, als sei der Autor mit der Wurzelbürste über seinen Text gegangen. Eine eckige, aber niemals grobe Sprache. Ein Ton, der Goethes Liebe zu Ulrike von Levetzow in ihrer ganzen Tragik und Komik erzählt –manchmal in nur einem Satz:
Er stand vor ihr, wäre gern auf die Knie gesunken, wusste aber, dass das Aufstehen misslingen konnte.
Am stärksten ist der Brief, den Walser Goethe an Ulrike von Levetzow schreiben lässt, nachdem der Urlaub in Marienbad vorüber ist. Eins vorweg: Walser hat (in Tübingen) über Kafka promoviert. Also: Goethe ist zurück in Weimar, zurück bei seiner eifersüchtigen Schwiegertochter Ottilie, die sich selbst krank und in ihrem Bett gefangen hält, um Goethe ein schlechtes Gewissen aufzuzwingen ob seiner Liebe zur 19-Jährigen. Goethe schreibt an Ulrike:
Es hilft, dass ich nicht weiß, ob ich, was ich Ihnen schreibe, gleich werde schicken können. Auch weil ich fürchte, Ottilie hat unsere Postmenschen herumgebracht, bezaubert, bestochen oder bedroht, so dass nichts von mir Weimar verlässt, was ihr nicht vorher gezeigt wird. Einen Brief von mir an Sie würde sie sofort konfiszieren. (...) Ich könnte Stadelmann beauftragen, den Brief in Kranichfeld oder Blankenhain oder Bettelstedt aufzugeben. Falls Ottilie nicht überhaupt schon alle Postbeamten im weiteren Umkreis herumgebracht hat. Verfolgt darf ich mich fühlen, auch wenn die Post noch nicht gegen mich eingenommen ist. Verfolgt von einer aus tausend Quartieren stammenden Oberaufsicht. Jede Art von Sitte, Moral, Gewohnheit, Anstand und Ordentlichkeit hat sich zu einer einzigen Oberaufsicht zusammengefunden, um mir auf jede Art zu sagen, ich sei unmöglich.
Franz von Goethe sitzt an seinem Schreibtisch am Frauenplan in Prag, ein Stockwerk unter dem Zimmer von Ottilie Samsa, und schreibt die Synthese aus Werther und Prozess an Dora Levetzow. Man liest es mit Staunen.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Ironie

Am Nachmittag von der Bibliothek zum Starbucks gelaufen. Vor der Bibliothek steht eine deutsche Familie mit Kamera im Anschlag. „Guck mal, da kommt so ein Student raus“, sagt die Tochter. „So ein Ami, der in Yale studiert. Papa, mach mal ein Foto mit dem vor dem alten Gebäude.“ Ich habe lieber nichts gesagt. Man soll den Leuten ihre Illusionen lassen.

Aber vielleicht schauen sich die Touristen das Foto einmal genauer an und sehen dann, dass ihr amerikanischer Student ein deutsches Buch in der Hand hält. „Der kleine Bruder“, Sven Regeners letzten Band der Lehmann-Trilogie.

So gut wie „Neue Vahr Süd“ ist der jüngste Roman nicht. Man soll aber auch nicht zu viel verlangen. Als ich „Neue Vahr Süd“ gelesen habe, kam meine Mitbewohnerin in das Zimmer, um nachzuschauen, ob es mir noch gut geht. Ich hatte ohne Pause eine Stunde lang laut gelacht.

„Der kleine Bruder“ ist wesentlich subtiler, aber immer noch ein echter Regener. Norddeutsch-verwaschen und mit heruntergekühltem Humor. Die beiden Adjektive waren jetzt übrigens aus Edo Reents’ phantastischer Rezension in der FAZ geklaut.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Theater für Fortgeschrittene

Am Wochenende im Universitätstheater. Dem aktuellen Stück „Passion Play“ hat sogar der New Yorker, Amerikas letzte Kulturinstanz, eine Besprechung gewidmet. 


New Yorker vom 29. September

„Passion Play“ ist ein Theaterstück über drei Theaterstücke – Passionsspiele, die im mittelalterlichen England, im Oberammergau unter Hitler und in den USA der Reagan-Zeit aufgeführt werden. Es geht um von Religion und Staat, Homo- und Heterosexualität, Schauspiel und Wirklichkeit, Krieg und Frieden. Noch etwas vergessen? „Passion Play“ ist hoffnunglos überladen mit Themen, Motiven und Anspielungen, aber immer wieder brilliant.

Und kein Kindertheater. Ein Schild am Eingang warnt: „Die Aufführung enthält Zigarettenrauch, derbe Sprache, Sexualität und Gewalt.“ In Amerika kommt nicht einmal mehr die Kultur ohne Produkthinweis aus.

Mittwoch, 24. September 2008

Master’s Tea

Mittwochnachmittage sind toll. Um 12 Uhr endet mein letzter Pflichtkurs der Woche. Nach längeren Qualen sind die aktuellen Übungsblätter erledigt; der nächste Abgabetermin liegt noch fünf Tage entfernt.

Also die richtige Zeit, um in der Politik-Fakultät einen Vortrag über humanitäre Interventionen der UN zu hören. (Selbstverständlich mit kostenlosem Mittagessen. Heute auf der Speisekarte: Hähnchen und Couscous.) Anschließend im Uni-Schwimmbad.

Um 16 Uhr in das Saybrook College, eines der 12 Wohnheime für undergraduate students. Als Ersatzeltern dienen dort die Master – Professoren, die das Wohnheim leiten und selbst im College leben. Regelmäßig werden Künstler, Wissenschaftler und Autoren zum Master’s Tea eingeladen.

Die Wohnung des Masters von Saybrook ist – zurückhaltend gesagt – repräsentativ. Alte Möbel, Porzellanfiguren, Stahlstiche an der Wand, ein Kamin. Den Tee trinkt man nicht aus den üblichen Wegwerf-Bechern, sondern aus Tassen mit Goldrand. 



Heute beim Master’s Tea zu Gast: der Harry-Potter-Experte John Granger. Eine Stunde lang spricht Granger über Motive, die Joanne Rowlings Romane mit der Bibel, Shakespeare und Dostojewski verbinden.

Mittwochnachmittage sind toll.

Mittwoch, 10. September 2008

Blairmania

Gerade Eintrittskarte für einen Vortrag von Tony Blair geholt. Am Freitag nächster Woche spricht Blair vor Yale-Studenten über Globalisierung und religiöse Gewalt. Zuhören darf man nur mit Studentenausweis – und für die Eintrittskarten musste man schon heute anstehen. Die Schalter öffneten um 13 Uhr; die ersten Interessenten standen seit 10.30 Uhr in der Schlange. Da hatte ich noch Glück: Auch mit 20 Minuten Warten habe ich eine Karte bekommen.

Jetzt bin ich gespannt, ob der Vortrag die ganze Aufregung lohnt. Aber nachdem ich vor einigen Monaten Robert Harris’ Schlüsselroman „The Ghost“ gelesen habe, kann Blair sein Image eigentlich nur noch verbessern.

Dienstag, 9. September 2008

Licht und Schatten

Kurz bei Arts & Letters Daily vorbeigeschaut und auf Anhieb zwei aktuelle Artikel gesehen, die Themen aus meinen Vorlesungen aufgreifen:
  • Pete Lunn und Tim Harford streiten in Prospect über den Sinn von Behavioral Economics. (Vgl. Econ 527 bei Bob Shiller.)
  • Policy fragt mit Gregory Clark: Warum sind manche Länder so reich und andere so arm? (Vgl. Econ 581 bei Ben Chabot.)
Bei Arts & Letters Daily zudem auf einen Artikel aus der New York Review of Books gestoßen, in dem Zadie Smith darüber schreibt, wie Louis Begley über Franz Kafka schreibt. Drei Autoren in einem Text. Das unterscheidet sich wohltuend von ziemlich platten Kafka-Artikeln wie diesem in den amerikanischen Tageszeitungen. Besonders gruselig: das Adjektiv „kafkaesk“ in der Überschrift. Einen unübertroffbaren Titel hat Martin Walser für seine (Tübinger) Dissertation gewählt: „Beschreibung einer Form. Versuch über Kafka“. Noch zurückhaltender kann man es leider nicht mehr ausdrücken.

Dienstag, 12. August 2008

Im Bücherhimmel

Das Faulkner Book House in der Altstadt von New Orleans. Eine prächtige Buchhandlung. Der Hauptraum ist keine 20 Quadratmeter groß, streckt sich aber fast sechs Meter in die Höhe. In Ehren gealtert sind die Regale. Darin eine überraschende Vielfalt an Belletristik – Prachtausgaben ebenso wie erschwingliche Taschenbücher. Ein kleiner Nebenraum fasst noch einmal drei Regale; hier sind Gedichtbände und Raritäten untergekommen. 

Diaschau: Faulkner House Books

Kann man sich über ein solches Kleinod einfach nur freuen? Gestern im Radio: Ein selbständiger Buchhändler aus dem Mittleren Westen bittet seine Kunden um Spenden. Ohne milde Gaben sieht er keine Zukunft für seine Buchhandlung.