Samstag, 11. Oktober 2008

Geiz ist geil

An Einschätzungen tatsächlicher und vermeintlicher Experten zur Finanzkrise besteht kein Mangel. Interessant, einmal die Sicht der normalen Anleger zu sehen – zum Beispiel den Leserbrief einer gewissen Lisa Lipshires aus Massachusetts in der New York Times:
Bitte, liebe Leser, hört auf, euch wie eine wild gewordene Rinderherde zu benehmen. Eure Furcht ist ansteckend und treibt die amerikanische Volkswirtschaft an den Rand des Abgrunds. Beruhigt euch einfach und hört auf, eure Aktien zu verkaufen. Sobald sich die Börse wieder beruhigt, werdet ihr merken, dass eigentlich alles in Ordnung ist.
Netter Versuch. Aber ob man mit wohlmeinenden Ratschlägen eine Vertrauenskrise stoppen kann? George W. Bush versucht das ja seit mehreren Wochen – mit durchwachsenem Erfolg. Freundlich gesagt.

Um nicht immer nur New York Times und Wall Street Journal zu zitieren: Die Bild bringt heute die aufschlussreiche Selbstgeißelung eines deutschen Durchschnittsbankers.
Ich bin 30 Jahre alt, Bank-Berater (Jahresverdienst: 55 000 Euro) und fühle mich seit der Pleite von Lehman als Schwerverbrecher.
Bei der XY-Bank habe ich 70 Kunden betreut, denen ich Pleite-Zertifikate im Wert von zwei Millionen Euro verkauft habe. Seit der Finanzkrise kann ich nicht mehr schlafen, Kollegen von mir haben sogar Morddrohungen bekommen ...
Es ist eine unendliche Qual, dazu beigetragen zu haben, Leute zu betrügen. Und ich weiß, dass viele darunter waren, die auf das Geld angewiesen sind.
Man war jeden Tag als Berater mit erdrückend hohen Zielvorgaben konfrontiert und sollte möglichst keine Festgelder anlegen, sondern viel in Fonds oder Zertifikate stecken, damit die Rendite richtig fett wird. Auch den Festgeldkunden wurden diese Papiere deshalb aktiv und aggressiv verkauft.
Allein: Dass Zertifikate bei einer Pleite des Emittenten nicht geschützt sind, steht in jeder Finanztest-Ausgabe, in jedem Anleger-Handbuch, auf tausend Internetseiten. Aber offensichtlich begegnet der deutsche Durchschnittsanleger seinem Bankberater noch immer mit tiefstem Vertrauen. Dabei sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass Banker keine Berater, sondern Verkäufer sind, die ihre eigene Rendite maximieren wollen. Daran ist auch gar nichts Schlimmes – wenn beide Seiten wissen, welches Spiel gespielt wird.

Die Alternative zur Pseudoberatung bei der Bank – unabhängige Anlageberatung gegen Stundenhonorar – hat bislang keinen Erfolg. Dabei wäre sie oft sinnvoller. Aber Geld ausgeben für etwas, das man andernorts vermeintlich kostenlos abgreifen kann? Das kommt den meisten Deutschen nicht in den Sinn. Dass der Bank-„Berater“ im eigenen Interesse handelt, leider auch nicht. Und am Ende rächt sich dann die „Geiz ist geil“-Mentalität.

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