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Freitag, 28. November 2008

Warum wir Amerika trotzdem lieben

Die FAZ führt auf ihrer Homepage derzeit zwölf Gründe an, „warum wir Amerika trotz der Krise lieben“. Meine beiden Lieblingsbeiträge:
Katja Gelinsky über die amerikanische Freundlichkeit
„Hallo, wie geht’s? Was tragen Sie für ein hübsches Tuch! Einen wunderschönen Abend noch.“ Dazu lächelt die Kassiererin im Supermarkt gutgelaunt. Die Amerikaner sind freundliche, höfliche Menschen. Dazu gehört auch, dass sich jedermann ständig bedankt. Egal ob Gastgeber oder Gast, Kunde oder Verkäufer: Ohne gegenseitige Dankesbezeugungen geht man in den Vereinigten Staaten nicht auseinander. Liebenswürdigkeit tut gut. Die Amerikaner machen es uns vor. 

Anna von Münchhausen über den Indian Summer
Warum in diesen Tagen zwischen Massachusetts und Connecticut so viel Gold in der Luft liegt, warum es im Herbst dort so besonders bunt zugeht, warum Moleküle namens Anthocyane wie entfesselt die Blätter in Brand setzen – schlüssig erklären kann das niemand. Aber irgendetwas muss dran sein, wenn sich gerade wieder Zigtausende aufmachen, um zu bewundern, was gern als „das Naturschauspiel“ gepriesen wird. Von wegen Natur: Der amerikanische Traum selbst ist es, der sich im Indian Summer in Szene setzt. Der unerschütterliche Glaube an die Möglichkeit der Selbsterneuerung, der auch nicht stirbt, bloß weil der Wind ein wenig schärfer geht. Denn der nächste Frühling kommt bestimmt.
Das ist so hübsch geschrieben – da ist es direkt geschenkt, dass in Massachusetts und Connecticut längst kein Gold mehr in den Bäumen liegt, weil der Indian Summer seit fast einem Monat vorüber ist. 

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der überhaupt nur zu den ganz großen Menschheitsfragen in die Tasten greift, hat Mitte der Woche gefragt: „Kommt der Wechsel von Bush zu Obama zu spät?“ Schirrmachers Text hat neun Absätze – fünf davon stammen direkt aus der New York Times. 

Mittwoch, 26. November 2008

Barack Schäfer-Gümbel

Die Marburger SPD zeigt auf ihrer Homepage zumindest noch Humor:



Da werden doch direkt Erinnerungen wach an Hubertus Heils Versuch mit „Yes, we can“ (ab 0.30):


Freitag, 21. November 2008

Football und die nationale Sicherheit

Das große Wochenende ist da: Yale trifft morgen im Football auf den Erzrivalen Harvard. Man muss nur The Game sagen und schon weiß jeder, worum es geht. Das Harvard-Stadion ist bereits ausverkauft. 

Auf den Rängen wird vermutlich ein Großteil der Regierungsmannschaft von Barack Obama sitzen – Alumni, die den Teams ihrer ehemaligen Unis die Daumen drücken wollen. In der New York Times geht Kolumnist David Brooks heute die lange Liste der Obama-Spitzenberater durch, die in Yale oder Harvard studiert haben – und sorgt sich schon um die nationale Sicherheit bei künftigen Derbys: 
Falls ein feindlicher Staat im Lauf der nächsten vier Jahre die USA während des Spiels zwischen Harvard und Yale angreift, sind wir ziemlich aufgeschmissen.

Samstag, 8. November 2008

Obama und Yale

Zwanzig Jahre lang haben Yale-Absolventen die USA regiert. Bush senior, Clinton, Bush junior –alle brachten einen Abschluss aus Yale in das Weiße Haus mit. Damit ist es nun vorbei.

Barack Obama hat niemals in Yale studiert. Noch schlimmer: Obama hat seinen Abschluss beim Erzrivalen Harvard gemacht. Und Yale ist trotzdem im Freudentaumel. Warum bloß?

Obama verkörpert die Ivy-League-Coolness. Lange Arbeitszeiten, Starbucks, Selbstdisziplin, iPod, Eloquenz. Das perfekte role model für Yalies. 

So liest jeder in Obama hinein, was er gerne an sich selbst sehen würde. Nicht nur in Amerika. Italiens Regierungschef Selvio Berlusconi lobte am Freitag: „Obama ist jung, ansehnlich und sogar gebräunt.“

Update, 11. November: Zumindest Obamas Töchter wollen in Yale studieren, wie die Daily News berichten.

Donnerstag, 6. November 2008

Die Zeitung von gestern

Sind Blogs wirklich schneller als konventionelle Medien? Das habe ich eigentlich nie so richtig glauben können. Aber man wundert sich dann schon, wenn das ZDF geschlagene 36 Stunden nach einem privaten Spaßblogger auch mal auf die Idee kommt, über die Jagd nach Zeitungen mit der Schlagzeile „Obama wird Präsident“ zu berichten.

Am Seitenrand erfährt man übrigens (Stand 6. November):
Bush darf nicht mehr. Doch wer wird der nächste Präsident der USA? Entschieden wird die Frage zwar erst am 4. November, doch schon jetzt schaut die Welt auf die Ereignisse in einem der mächtigsten Länder der Erde.
Guten Morgen.

Mittwoch, 5. November 2008

Erinnerungsstück

In aller Herrgottsfrühe mein Wohnviertel abgesucht, um die New York Times zu bekommen, ehe sie ausverkauft ist. Man hebt ja doch lieber eine Zeitung auf als einen Screenshot.



Aber als langfristiges Geschäftsmodell für Tageszeitungen tragen die Vitrinenstücke wohl kaum. Kommt ja nicht jeden Tag vor, dass der Sohn einer Frau aus Kansas und eines Mannes aus Kenia amerikanischer Präsident wird. 

Update, 6. November: Inzwischen wird die NYT-Ausgabe vom vom Morgen nach der Wahl bei Ebay für mehr als 100 Dollar gehandelt. Da hat sich der frühe Aufstehen wohl gelohnt.

Liveblogging

Dienstag, 4. November 2008

Wahlnacht in Yale

00:18 Uhr. Es ist Morgen in Amerika.

00:17 Uhr. Ein große Rede. Eine bewegende Rede. Gettysburg Address und We shall overcome. Eher Messe als Wahlkampfveranstaltung „Yes we can“, ruft der Liturg. „Yes, we can“, antwortet die Gemeinde.

00:01 Uhr. „Der Wandel ist angekommen.“ Ruhiger und bescheidener kann man nicht triumphieren.

23:59 Uhr. Der neue Präsident kommt auf die Bühne, schließt kurz die Augen. Sekunden des Innehaltens mitten in der Öffentlichkeit – nach fast zwei Jahren Wahlkampf.

23:55 Uhr. In der Juristenfakultät wird Sekt aufgemacht.



Man beachte die Original-Yale-Plastikbecher mit Uni-Wappen.

23:44 Uhr. Zeit für noch größere Buchstaben.



„OBAMA. Rassenschranken fallen – Wähler stimmen in Ruf nach Wandel ein.“

23:26 Uhr. „Demokratie ist ein System, in dem Parteien Wahlen verlieren.“ (Demokratie-Definition des Politikwissenschaftlers Adam Przeworski von der New York University)

23:18 Uhr. McCain gesteht seine Niederlage ein: „Wir sind am Ende eines langen Weges angekommen. Die Amerikaner haben klar gesprochen.“ Als McCain von seinem Anruf bei Obama spricht, in dem er kurz zuvor seine Niederlage anerkannt hatte, buht das Publikum. McCain muss seine Anhänger mäßigen. Kurz darauf zum zweiten Mal. Die Niederlage einzugestehen – das macht die Demokratie aus. McCain hat die nötige Größe.

23:16 Uhr. Zeit für große Buchstaben.



Aufmacher der New York Times: „OBAMA. Rassenschranken fallen bei starker Wahlbeteiligung.“

23:10 Uhr. Neuer Ort: Hörsaal 127 der Juristen-Fakultät. Etwa 50 Zuschauer im Halbrund unter Ölgemälden.



23:03 Uhr. Gerade in die Juristen-Fakultät gekommen. Im Treppenhaus hört man einen kollektiven Schrei. CNN hat Obama als neuen Präsidenten ausgerufen.

22:45 Uhr. Party-Ende im Macmillan-Center. Die Tische werden abgeräumt. Sanfter Rausschmiss. Aber der Sack ist ja zu.

22:33 Uhr. An der Wettbörse Intrade wird McCains Siegchance inzwischen auf nur noch 1,2 Prozent eingeschätzt. Noch ein Staat für Obama und McCain ist ein Pennystock.

22:29 Uhr. Die Spannung, die man noch am späten Nachmittag auf dem Campus spüren konnte, löst sich in Wohlgefallen auf. Ein Professor löst Kreuzworträtsel. Bei den fanatischen Obama-Anhängern wird inzwischen mehr geknutscht als geklatscht. Im Nebenraum läuft ein Comedy-Kanal, auf dem bereits McCains Niederlage verwurstet wird.

22:21 Uhr. Trommelwirbel auf CNN. Neue Prognose: Texas geht an McCain. Hund beißt Mann.

22:19 Uhr. Zwei interessante Nebenaspekte:
  • Obama liegt bei der Zahl der Wahlmänner zwar weit vorn, bei den tatsächlich abgegebenen Stimmen führt er aber nur hauchdünn mit 50 zu 49 Prozent vor McCain. Das mag unfair aussehen, aber nachdem das verrückte US-Wahlsystem in 2000 und 2004 die Republikaner bevorzugt hat, sind diesmal eben die Demokraten an der Reihe.
  • Der Kongress scheint klar demokratisch zu werden. Die New York Times sieht die Demokraten im Senat mit 53 zu 33 Sitzen vorn, im Repräsentantenhaus mit 136 zu 84.
22:07 Uhr. Fernsehen allein ist langweilig. Parallel werden die Hochrechnungen im Internet gecheckt.



22:02 Uhr. Iowa geht an Obama. Bei den Hardcore-Demokraten hinten rechts im Raum bricht Jubel aus. 


„Give peace a chance“ wird angestimmt.

21:50 Uhr. Noch zehn Minuten, bis die Wahllokale in Iowa, Oregon und Nevada schließen. Wenn Obama diese drei Staaten wie erwartet gewinnt, ist er kurz vor dem Ziel. Wie sollte McCain dann überhaupt noch gewinnen? Er müsste schon Kalifornien holen. Und dann kommt der Osterhase.

21:48 Uhr. Pizza schmeckt gut. New Mexico an Obama. Applaus.

21:38 Uhr. Ein Blick auf die Wahlmännerzahlen zeigt, wie wichtig der Sieg in Ohio für Obama war. In allen battleground states zusammen ging es um 47 Stimmen. Mit Pennsylvania und Ohio hat Obama schon 27 davon geholt.

21:35 Uhr. CNN schlägt Ohio Obama zu. Ein wichtiger Sieg. Hinten rechts im Saal geht inzwischen wirklich eine Party.

21:28 Uhr. Im Macmillan-Center wird die Stimmung immer gelöster. Das neue Bier ist eingetroffen und Obama liegt in den Hochrechnungen klar vorn. 174 zu 69 laut CNN. Selbst die erzrepublikanischen Fox New sehen Obama mit 183 zu 81 vorn. Fast schon langweilig. Links neben mir schlägt eine Kommilitonin ein Buch über die Armutsbekämpfung in Indien auf.

21:22 Uhr. Der Wahlabend hat einen Durchhänger. Ergebnisse auf Staatenebene, aber nichts wirklich Neues im Rennen Obama/McCain. Mal schauen, was die Prognosen um 22 Uhr bringen.

21:07 Uhr. Der Direktor des Macmillan-Center, der Demokratietheoretiker Ian Shapiro, greift sich das Mikrofon: „Es kommt gleich mehr Pizza und mehr Bier.“ Große Begeisterung im Publikum.

21:05 Uhr. Yale-Professor David Mayhew lenkt den Blick auf den Kongress. Noch stehe die demokratische Mehrheit nicht. Aber die Chancen seien gut. Sein Kollege Alan Gerber zum Rennen um die Präsidentschaft: „Die Kommentatoren im Fernsehen sagen, dass es hart wird für McCain. Das halte ich für ein Understatement. Schaut zu, wie Obama gewinnt!“

21:01 Uhr. CNN schlägt Michigan und Minnesota Obama zu. Fast 30 Stimmen mehr für den Demokraten. Der Jubel in Yale wird etwas stärker.

20:57 Uhr. Ein merkwürdiger Wahlabend. Nichts Genaues weiß man nicht, andauernd Werbepausen im Fernsehen. Und das letzte Wahllokal in Alaska schließt sowieso erst in vier Stunden. Alles komisch. Da freut man sich schon auf den nächsten Herbst, die anständige Bundestagswahl-Prognose um 18.00 Uhr auf ARD/ZDF.

20:44 Uhr. Laut CNN jetzt doch Pennsylvania an Obama. Im Macmillan-Center bekommt das niemand so richtig mit. Yalies diskutieren pausenlos. Sogar heute Abend. Gebannt auf die Leinwand gestarrt wird jedenfalls nicht. Erstaunliche Gelassenheit.

20:42 Uhr. CNN hält Florida, North Carolina, Ohio, Pennsylvania und Virginia für „too close to call“. Das Rennen ist noch zu eng, um eine Prognose abzugeben. So gesehen ist alles weiter offen.

20:38 Uhr. Freude über jede Stimme.



20:35 Uhr. Wechsel zu NBC, die mutiger als CNN Prognosen abgeben. Laut NBC sieht es gut aus: Obama 103, McCain 34 Wahlmänner. Inzwischen die ersten Obama-Sprechchöre. Hinten rechts im Macmillan-Center sitzen die hartgesottenen Fans.

20:22 Uhr. Im Macmillan-Center kommentieren die beiden Yale-Politikwissenschaftler Alan Gerber und David Mayhew den Wahlabend. Gerber berichtet, dass an der Politwettbörse Intrade die Wahrscheinlichkeit eines McCain-Siegs inzwischen auf weniger als 5 Prozent eingeschätzt wird. Gestern waren es noch rund 10 Prozent. Hauptgrund: Florida, der Zitterstaat par excellence, scheint an Obama zu gehen. Zum ersten Mal so etwas wie Jubel im Macmillan-Center.

20:18 Uhr. Die amerikanische Schicksalsnacht. Und CNN bringt – Werbung. Da kennen die amerikanischen Fernsehsender keine Gnade.

20:14 Uhr. Die Ergebnisse tröpfeln nach und nach ein. Sicherheit gibt es noch lange nicht. Auf der Leinwand im Macmillan-Center läuft CNN, auf den Laptops der Yalies färben sich die Landkarten der anderen Sender ein. MSNBC erklärt Obama zum Sieger in Pennsylvania. Das wäre doch was.

20:02. Uhr. Prognose um acht. Viele blaue Staaten auf der Leinwand. Der Applaus bleibt aber noch verhalten. Im wichtigen Virginia scheint McCain vorn zu liegen.

19:56 Uhr.
Die Wahlparty im Macmillan-Center beginnt. 


Die Politikwissenschaftler der Uni laden ein. Pizza, Bier und CNN.


Zum Wählen bitte hinten anstellen



Lange Schlangen vor dem Wahllokal im Zentrum von New Haven. Vor allem Yalies geben hier ihre Stimme ab und müssen – wie Wähler in großen Teilen der USA – Geduld beweisen.

Auf dem Campus spürt man, dass der 4. November ein besonderer Tag ist. Viele T-Shirts und Buttons mit Obama-Aufdruck. Wer schon gewählt hat, zeigt das mit einem Sticker. Selbst Professoren tragen stolz den runden Aufkleber.

Get out the vote

Selbstversuch als Freiwilliger für Obama. Es ist ganz einfach: Man schaut in der Wahlkampfzentrale im Zentrum von New Haven vorbei, trägt sich als Freiwilliger ein und bekommt eine Namensliste zum Abtelefonieren. Freiminuten für den change.


Get out the vote heißt die Strategie: Die Wähler in den umkämpften Staaten daran erinnern, zur Wahl zu gehen. Am Montagnachmittag habe ich in Ohio angerufen, am Dienstagmorgen in Florida – zwei entscheidende swing states. In der eigenen Umgebung muss man keinen Wahlkampf machen: Connecticut ist eine sichere Bastion für die Demokraten.

Die Telefonate sind genau durchgeplant: Man bekommt ein Drehbuch mit vorbereiteten Formulierungen. Bislang mit etwa zehn Amerikanern und 90 amerikanischen Anrufbeantwortern gesprochen. 

Der erste Anlauf hat etwas Überwindung gekostet; der Hanns-Joachim Friedrichs im Hinterkopf hat sich ganz schön beschwert. Aber schließlich bin ich gerade aus der Berichterstattung raus. Da darf man sich auch mal gemein machen mit einer guten Sache.


Auf jedem Tisch, an jeder Wand ein Obama-Zitat der vergangenen Tage:
Wie können es uns nicht erlauben, das Tempo zu drosseln, uns zurückzulehnen oder nachzulassen für einen Tag, eine Minute oder eine Sekunde. Nicht jetzt. Nicht, wenn so viel auf dem Spiel steht.
Ohne Pathos geht es hier einfach nicht.

Eine Bitte für heute

Jetzt wählt ihn doch einfach.


Foto: Damon Winter/New York Times

Mittwoch, 29. Oktober 2008

30 Minuten Obama

Gerade am Aufenthaltsraum in der Juristenbibliothek vorbeigekommen. Eine Menschentraube hat sich um den Fernseher geschart. Was ist denn da los? It’s Obama time. Zur besten Sendezeit läuft ein 30-minütiger Werbefilm des Demokraten im TV.

Ich bekomme nur noch die letzten Szenen mit: Eine kämpferische Wahlkampfrede aus dem Archiv, unterlegt mit Bildern lächelnder Durchschnittsamerikaner; staatstragende Schwarz-Weiß-Fotografien des Kandidaten beim Einsteigen in sein Flugzeug; Live-Aufnahmen aus Florida, wo Obama heute Abend zu Anhängern spricht, über ihm ein riesiges Sternenbanner an der Hallendecke. Die pathetischen Schlussworte sind im Jubel kaum noch zu verstehen.

Heute in den Yale Daily News: Laut einer Umfrage wollen 81 Prozent der Yalies für Obama stimmen. Merkwürdig. Warum so eine niedrige Zahl? Bislang habe ich jedenfalls erst einen einzigen Kommilitonen getroffen, der sich offen zu McCain bekennt. Zum Glück kommt der Kollege aus Dänemark. Wahlrecht in Amerika hat er also nicht.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Schluss-Sprint

Nur noch eine Woche bis zur Präsidentschaftswahl. Anders als noch vor einem Monat sieht derzeit alles gut aus für Obama: Er kann mehr Geld als McCain in seinen Wahlkampf stecken, liegt in den Umfragen deutlich vorn, profitiert von der Wirtschaftskrise. Und auf der Gegenseite ist Sarah Palin inzwischen vom Triebsatz zum Rohrkrepierer des republikanischen Wahlkampfs geworden.

Eine klare Sache, scheint es. Der Schluss-Sprint kann beginnen. 

Hoffentlich kommt es nicht wie früher bei Erik Zabel. Der lag 100 Meter vor dem Ziel meistens klar in Front – um sich auf der letzten Wegstrecke dann doch noch vom eitlen Mario Cipollini überholen zu lassen.

Montag, 27. Oktober 2008

Wunderbares Amerika


Barack Obama in Denver.
Foto: Damon Winter, New York Times

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Vorwurf: Eloquenz

Die Entwicklung im Lauf der drei Präsidentschaftsdebatten: Obama wird immer cooler, McCain immer aggressiver und die Moderatoren werden immer kauziger.

Keine Frage, wer derzeit einen klaren Vorsprung in den Umfragen hat: Obama steckt in der Rolle des Favoriten. McCain sucht verzweifelt nach einem griffigen Argument gegen seinen Konkurrenten. Auch in der dritten Debatte hat er bislang noch keines gefunden.

Stattdessen verschärft McCain den Kulturkampf, nennt Obama eloquent (das soll wohl ein Vorwurf sein) und stilisiert sich selbst als Durchschnittsamerikaner. Das aber so aufgesetzt, dass man sich fragt: Wer soll das bloß einem langjährigen Senator abnehmen?

Dienstag, 7. Oktober 2008

Nichts Neues in der Debatte

Nach den ersten 30 Minuten Fernseh-Debatte zwischen Obama und McCain wieder in die Bibliothek. Nichts Neues mehr nach den ersten beiden Diskussionen der Präsidentschaftskandidaten und ihrer Vizes. Obama und McCain wiederholen zumeist ihre altbekannten Aussagen – manchmal wortwörtlich. Aber der Umgangston ist schärfer geworden.

McCain kommt das Format einer Bürgerversammlung gelegen. Gleichwohl schlägt sich Obama in den ersten 30 Minuten souverän. Jede Attacke McCains kann Obama sofort parieren.

McCains Bewegungen vor dem Publikum wirken angestrengt. Bei einer Frage zu seinen Prioritäten muss er sich beim Moderator erkundigen: Um welche Politikfelder ging es noch einmal? McCain wirkt heute vor allem alt.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Fremdschämen

Das andere Amerika kommt auf einer 2 mal 3 Meter großen Leinwand nach Yale. Aber es kommt nicht gut an. Das andere Amerika ist an diesem Abend Sarah Palin.

Die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner gibt in der Diskussion mit Joe Biden ihre Paraderolle als hockey mom mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Der Staat? Eher Problem als Lösung. Die Finanzkrise? Ergebnis von Gier und Korruption. Schuld an den Problemen der US-Politik? Die Ostküsten-Elite.

Wenig Begeisterung bei der Ostküsten-Elite, die im Raum 118 der Graduiertenschule die Debatte verfolgt.

Palin erlaubt sich an diesem Abend keinen Patzer, den der Durchschnittszuschauer bemerken würde. Das Trainingslager auf John McCains Ranch scheint sich auszuzahlen. Einzig bei einer Frage zur Rolle des Vizepraesidenten kommt Palin ins Schlingern. Ob der Vizepraesident zur Exekutive oder zur Legislative gehöre? Palin flüchtet sich ins Vage. Sie hat offensichtlich die Frage nicht verstanden. Zeit zum Fremdschämen als Zuschauer.

Ganz anders Joe Biden, der in seiner Freizeit eine Vorlesung über Verfassungsrecht hält. Die Idee des Vizepräsidenten als Teil der Legistlative – wie vom bisherigen Amtsinhaber Dick Cheney befürwortet – nennt Biden bizarr. Nachdem er in den ersten Minuten das Fernsehstudio mit einem Plenarsaal verwechselt hat, findet Biden immer besser in seine Rolle. Vor allem in der Außenpolitik sticht der langjährige Senator seine Konkurrentin aus. Dabei kann Biden von seinem Haus in Wilmington aus nicht einmal Russland sehen.

Palin ist frech, will der Moderatorin immer wieder die Kontrolle über die Themen der Diskussion abnehmen. Dazu lächelt sie 90 Minuten ununterbrochen, als sei sie Hauptdarstellerin in einer Dauerwerbesendung. Gelächter bei den Zuschauern in der Graduiertenschule über ihre Umgangssprache. Betcha, darn right, heckuva. Solche Ausdrücke versucht man in Amerika schon den Kindern abzugewöhnen. Als Zuschauer fragt man sich: Ist das noch die Originaldebatte oder schon die Persiflage in der Daily Show?

Samstag, 27. September 2008

Zweiter Blick auf die Debatte

Wie großartig Online-Journalismus sein kann, zeigt heute (einmal mehr) die New York Times. Auf einer Sonderseite zur Debatte kann man einzelne Stellen noch einmal als Video ansehen, die Abschrift der Diskussion lesen, die Antworten der Kandidaten nach Stichwörtern durchsuchen und den Faktencheck der Redaktion zu einzelnen Fragen anklicken. Und das alles ist untereinander verknüpft. So etwas kann kein anderes Medium. 

Auf den zweiten Blick kann man wunderbar sehen, wie meisterhaft McCain die Klaviatur des Populismus spielt:
  • Zu überflüssigen Staatsausgaben: „Wir haben 3 Millionen Dollar ausgegeben, um die DNA der Bären in Montana zu untersuchen.“ Leider lässt sich der Sinn von Grundlagenforschung nicht mit der gleichen Schlichtheit erklären, mit der McCain seine Stammtischparole anbringt.
  • Wenn es um Millionen und Milliarden geht, fehlt beinahe allen Zuschauern die Dimension. Also kann McCain die jährlichen 16,5 Milliarden Dollar (11,4 Milliarden Euro) für die Lieblingsprojekte einzelner Senatoren als ungeheuere Verschwendung darstellen. Bei 300 Millionen Amerikanern bedeutet diese Summe aber gerade einmal 55 Dollar (38 Euro) pro Kopf. Keine Zahl, mit der sich Wähler mobilisieren lassen.
  • Die USA haben McCain zufolge den weltweit zweithöchsten Steuersatz für Unternehmen. Also würden sich Unternehmen lieber im Ausland ansiedeln, folgert der Republikaner. Diese Argumentation steht auf zwei tönernen Füßen: Zum einen ist der Vergleich von Steuersätzen sinnlos, wenn man die Steuerbasis nicht benennt: 35 Prozent wovon? Tatsächlich ist die Steuerbasis in den USA dank vieler Schlupflöcher vergleichsweise schmal. Zum anderen ist der Steuersatz für Unternehmen nur eines unter vielen Argumenten bei der Standortwahl. Besitzt ein Land eine gute Infrastruktur und ein funktionierendes Finanzsystem, kann es problemlos höhere Steuersätze verlangen. Aber über ein funktionierendes Finanzsystem wollen wir in den USA derzeit lieber nicht sprechen.

Obama gewinnt

Präsidentenduell auf einer Leinwand in der Graduiertenschule. Über 100 Studenten – darunter viele Deutsche – sitzen dicht gedrängt, um die erste große Diskussion zwischen Obama und McCain zu sehen. Die Präferenzen sind klar: Obama bekommt weitgehend Zustimmung, McCain höhnische Zwischenrufe.



Die ersten Minuten sind schrecklich. Obama wirkt hölzern, McCain redet gerade heraus. Dann endlich gewinnt Obama an Souveränität. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, die Wirtschaftslage für sich zu nutzen (eigentlich ein sicherer Punkt für die Opposition), kann er ausgerechnet auf McCains Stammgebiet, der Außenpolitik, gegenhalten. Und nicht nur das. Ganz selbstverständlich ergreift Obama nach Jim Lehrers Fragen zuerst das Wort, widerlegt sachlich die Unterstellungen McCains.



Aber warum lacht Obama immer wieder über McCains Anworten? Warum gibt er vor jeder Wortmeldung merkwürdige Kehllaute von sich? Warum erlaubt er sich dreimal, viermal Ironie? Das kommt bei Amerikanern einfach nicht an. Dafür eine großartige vorletzte Antwort: Mit glaubwürdigem Pathos steuert Obama das shining beacon on the hill an – die USA als strahlender Leuchtturm in der Höhe. Das kommt bei Amerikanern an.

Hoffentlich.

Aus der Yale-Perspektive ein klarer Sieg für Obama. Die entgegengesetze Einschätzung kommt aus Washington.

Update: Auch aus New York kommt wenig Lob für Obama.

Freitag, 12. September 2008

Nichts als Lügen

In den vergangenen Tagen ist McCains Wahlkampf in beängstigendem Tempo schmutzig geworden. Die aktuellen Stichworte: lipstick on a pig, bridge to nowhere, sexual education. Nicht, dass sich die Republikaner vor einem Monat noch grundanständig verhalten hätten. Aber inzwischen kann man McCains Kampagne nur noch mit Widerwillen verfolgen. Und das Schlimmste: Die Republikaner scheinen derzeit tatsächlich die Oberhand zu gewinnen. 

Der Princeton-Ökonom Paul Krugman schreibt sich heute in der New York Times den ganzen Ekel von der Seele. Auszüge aus seiner lesenswerten Kolumne:
Die Lügen des Bush-Wahlkampfs im Jahr 2000 waren kunstvoll – man musste rechnen können, um zu verstehen, dass man betrogen wurde. In diesem Jahr jedoch wiederholt McCains Kampagne immer und immer wieder Behauptungen, die jeder Internet-Benutzer in einer Minute widerlegen kann. 

Warum glauben McCains Berater, dass sie mit diesem Vorgehen durchkommen? Nun, vielleicht zählen sie auf die Journalisten, die unter allen Umständen „ausgewogen“ berichten wollen. Man weiß, was das bedeutet: Falls ein Politiker sagt, dass schwarz  nicht schwarz, sondern weiß ist, dann berichten die Medien nicht, dass der Politiker lügt, sondern dass „einige Demokraten sagen“, dass der Politiker lügt. Oder eine groteske Lüge der einen Seite wird verbunden mit einer trivialen Fehlbehauptung der anderen Seite, sodass der Eindruck entsteht, beide Seiten seien gleichermaßen verlogen. Vielleicht zählen McCains Berater auch auf das „horse-race reporting“. Aus der Geschichte „McCains Team lügt“ wird dann: „Obama nach Angriffen in der Defensive“.

Obamas Team ist auf der falschen Fährte, wenn es behauptet, dass eine Regierung McCain/Palin nur eine Fortsetzung von Bush/Cheney wäre. Falls der Wahlkampf von John McCain und Sarah Palin die richtige Vorahnung gibt, wäre die neue Regierung noch viel, viel schlimmer.