Montag, 29. September 2008

Schwarzer Montag?

13.48 Uhr: Jetzt haben wir den Salat. Wachovia am Ende, Hypo Real Estate und Fortis in Problemen. Wir gedenken noch immer der SachsenLB, WaMu, Lehman, Fannie, Freddie etc. Und in diesem Moment scheint das Repräsentantenhaus den dringend nötigen Rettungsplan scheitern zu lassen. Dow Jones minus 600 Punkte. Fängt so eine Weltwirtschaftskrise an? Gegenfrage: Wenn nicht so, wie dann?

14.28 Uhr: Wie konnte dieses Fiasko bloß passieren? Aus der Rede eines Hinterbänklers, des Republikaners Paul Ryan, vor der Abstimmung:
Wir fürchten in diesem Moment alle um unsere Wiederwahl. Die meisten von uns sagen: Ich möchte, dass dieses Gesetz durchkommt, aber dafür stimmen sollen bitte die anderen – nicht ich. Wir sind mitten in diesem Moment, und wenn es uns nicht gelingt, die richtige Entscheidung zu treffen, dann helfe uns Gott.
18.39 Uhr: Der Dow Jones hat inzwischen mit dem größten Punkteverlust seiner Geschichte geschlossen. In der Überschrift dieses Blog-Eintrags bitte das Fragezeichen streichen.

19.11 Uhr: Einige Schlagzeilen vom Tag. 
  • „Rettungspaket scheitert, Aktienkurse stürzen“ (New York Times) – Zwei Substantive, zwei Verben. Knackiger geht es nicht. Und das Original („Bailout Fails; Stocks Plunge“) braucht noch nicht einmal halb so viele Silben wie die deutsche Übersetzung.
  • „Stillstand in Washington“ (FAZ) – Langweilig bis irreführend. Wenn der Dow Jones um fast sieben Prozent abstürzt – ist das Stillstand? Zugegeben, die Wall Street liegt in New York, nicht in Washington. Aber für eine Schlagzeile ist das schon sehr um die Ecke gedacht.
  • „Parlament an Börse: Geh sterben“ (Marketwatch) – Die Essenz eines verrückten Tages in fünf Wörtern.

Sonntag, 28. September 2008

Cross Campus

Den ganzen Tag in der Jura-Bibliothek. Das aktuelle Aufgabenblatt für Political Competition hat drei Seiten, mein Lösungsversuch 22 – ohne all die Blätter, die im Papierkorb gelandet sind. Und das in der dritten Vorlesungswoche. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in Tübingen meistens noch nicht einmal alle Lehrbücher gekauft. (Aber nicht weitersagen.) Was tut man sich hier bloß an?

Endlich raus aus der Bibliothek. Ein warmer Spätsommerabend. Über den Cross Campus wehen die Stimmen eines Chores, der im Berkeley College probt. An der Westseite des Platzes leuchtet es hell aus den Spitzbogenfenstern der Sterling Memorial Library. Über den Old Campus. Dann der Gedanke: Wenigstens hast du jetzt zu jeder Aufgabe eine Lösung. Und irgendetwas davon wird schon stimmen. Überhaupt: Was gibt es Schöneres, als hier lernen zu dürfen?

Um einen Studienplatz in der Ivy League zu ergattern, schicken lebenslaufoptimierende Eltern ihre Kinder inzwischen zu den Little Giants in die Rundum-Betreuung und anschließend auf ein Internat in die Schweiz. Ich war im Evangelischen Kindergarten am Lieden und habe mein Abitur am Gymnasium des Vogelsbergkreises gemacht. Jetzt laufe ich jeden Tag über den Yale-Campus. Manchmal muss ich mich immer noch kneifen. Danke, Akademisches Austauschamt!

Samstag, 27. September 2008

Die Finanzkrise in Bildern

Wie geht es den amerikanischen Banken zur Zeit?
„Jetzt müssen wir uns nur noch zurücklehnen und darauf warten, dass uns die Zentralbank raushaut.“

Wie viel wissen Politiker und Wirtschaftswissenschaftler bislang über die Krise?
„Niemand weiß irgendetwas. – Was für eine Erleichterung. – Gottseidank. – Ich dachte schon, dass es nur mir so geht.“

Aus dem aktuellen New Yorker.

Zweiter Blick auf die Debatte

Wie großartig Online-Journalismus sein kann, zeigt heute (einmal mehr) die New York Times. Auf einer Sonderseite zur Debatte kann man einzelne Stellen noch einmal als Video ansehen, die Abschrift der Diskussion lesen, die Antworten der Kandidaten nach Stichwörtern durchsuchen und den Faktencheck der Redaktion zu einzelnen Fragen anklicken. Und das alles ist untereinander verknüpft. So etwas kann kein anderes Medium. 

Auf den zweiten Blick kann man wunderbar sehen, wie meisterhaft McCain die Klaviatur des Populismus spielt:
  • Zu überflüssigen Staatsausgaben: „Wir haben 3 Millionen Dollar ausgegeben, um die DNA der Bären in Montana zu untersuchen.“ Leider lässt sich der Sinn von Grundlagenforschung nicht mit der gleichen Schlichtheit erklären, mit der McCain seine Stammtischparole anbringt.
  • Wenn es um Millionen und Milliarden geht, fehlt beinahe allen Zuschauern die Dimension. Also kann McCain die jährlichen 16,5 Milliarden Dollar (11,4 Milliarden Euro) für die Lieblingsprojekte einzelner Senatoren als ungeheuere Verschwendung darstellen. Bei 300 Millionen Amerikanern bedeutet diese Summe aber gerade einmal 55 Dollar (38 Euro) pro Kopf. Keine Zahl, mit der sich Wähler mobilisieren lassen.
  • Die USA haben McCain zufolge den weltweit zweithöchsten Steuersatz für Unternehmen. Also würden sich Unternehmen lieber im Ausland ansiedeln, folgert der Republikaner. Diese Argumentation steht auf zwei tönernen Füßen: Zum einen ist der Vergleich von Steuersätzen sinnlos, wenn man die Steuerbasis nicht benennt: 35 Prozent wovon? Tatsächlich ist die Steuerbasis in den USA dank vieler Schlupflöcher vergleichsweise schmal. Zum anderen ist der Steuersatz für Unternehmen nur eines unter vielen Argumenten bei der Standortwahl. Besitzt ein Land eine gute Infrastruktur und ein funktionierendes Finanzsystem, kann es problemlos höhere Steuersätze verlangen. Aber über ein funktionierendes Finanzsystem wollen wir in den USA derzeit lieber nicht sprechen.

Obama gewinnt

Präsidentenduell auf einer Leinwand in der Graduiertenschule. Über 100 Studenten – darunter viele Deutsche – sitzen dicht gedrängt, um die erste große Diskussion zwischen Obama und McCain zu sehen. Die Präferenzen sind klar: Obama bekommt weitgehend Zustimmung, McCain höhnische Zwischenrufe.



Die ersten Minuten sind schrecklich. Obama wirkt hölzern, McCain redet gerade heraus. Dann endlich gewinnt Obama an Souveränität. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, die Wirtschaftslage für sich zu nutzen (eigentlich ein sicherer Punkt für die Opposition), kann er ausgerechnet auf McCains Stammgebiet, der Außenpolitik, gegenhalten. Und nicht nur das. Ganz selbstverständlich ergreift Obama nach Jim Lehrers Fragen zuerst das Wort, widerlegt sachlich die Unterstellungen McCains.



Aber warum lacht Obama immer wieder über McCains Anworten? Warum gibt er vor jeder Wortmeldung merkwürdige Kehllaute von sich? Warum erlaubt er sich dreimal, viermal Ironie? Das kommt bei Amerikanern einfach nicht an. Dafür eine großartige vorletzte Antwort: Mit glaubwürdigem Pathos steuert Obama das shining beacon on the hill an – die USA als strahlender Leuchtturm in der Höhe. Das kommt bei Amerikanern an.

Hoffentlich.

Aus der Yale-Perspektive ein klarer Sieg für Obama. Die entgegengesetze Einschätzung kommt aus Washington.

Update: Auch aus New York kommt wenig Lob für Obama.

Zu viel


Freitagabend, acht Uhr in der Juristen-Bibliothek.

Freitag, 26. September 2008

Ablenkung von der Krise

Das Feuilleton ist für die Zeitungen ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger (...) Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung.
Joseph Roth
Einer der besten Artikel zur Finanzkrise steht heute in der New York Times, aber nicht im Wirtschaftsteil. Susan Dominus berichtet einmal nicht über Kreditlinien und Zwangsversteigerungen, sondern schildert in ihrer Reportage einen Sonderverkauf des Luxushändlers Hermès nahe der Wall Street:
Es ist nicht so, dass die Frauen in der Schlange den Geruch von Finanzdesaster nicht wahrnehmen, der in der Luft liegt. Ganz im Gegenteil. Mehr als eine Frau kam zur Hermès-Filiale, um der Krise zu entfliehen. „Ich brauche einfach eine Pause“, sagte eine Bankerin. (...)

Die Käuferin wollte weder ihren Namen noch ihren Arbeitgeber preisgeben. Denn eigentlich hätte sie an ihrem Schreibtisch sitzen müssen – unter diesen Umständen. „Sagen wir einfach, dass es meine Bank noch gibt. Das schränkt die Auswahl ja auf etwa vier Unternehmen ein.“ (...)

„Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, ist so ein Sonderverkauf erst recht ein Grund, sich etwas Schönes zu kaufen“, sagte eine junge Frau im dunklen Hosenanzug. Wie die Bankerin vor ihr in der Schlange wollte sie ihren Namen nicht nennen, weil sie eigentlich im Büro sein sollte – in ihrem Fall, um einen Bericht an die Finanzaufsicht vorzubereiten.

Sie klemmte das Wall Street Journal unter ihren Arm. „Kauf dir was Schönes, und du siehst gut aus. Wenn du gut aussiehst, fühlst du dich gut. Falls dein Job unsicher ist und du den vollen Preis bezahlen musst, ist die Lust am Einkaufen weg.“

Nach dem 11. September gab es viele Gewissheiten, die im Rückblick absurd erscheinen – dass die Zeit der Ironie vorüber sei oder dass Shoppen die Wirtschaft stärke und deshalb eine patriotische Tat sei. Merkwürdig, dass genau dieses Argument – einkaufen, um Amerika zu stärken – am Donnerstagnachmittag in der Schlange vor Hermès nicht genannt wurde, obwohl fast alle anderen Argumente fielen. (...)

Künstlerisch wertvoll

Am Donnerstagabend zum Empfang für graduate students im Yale Center for British Art. Ein moderner, kubischer Bau. Großartige Architektur, großartige Gemälde. 

Der Empfang ist sehr künstlerisch. Viel guter Weißwein, aber dazu nur Gurkenscheibchen mit Fleischpastetchen und Tomatenwürfelchen. Anschließend eine spannende Führung hinter die Kulissen, nämlich durch die Werkstatt der Restaurateure.



Ein Museum, das man auf jeden Fall noch einmal in Ruhe besuchen muss.

Mittwoch, 24. September 2008

Master’s Tea

Mittwochnachmittage sind toll. Um 12 Uhr endet mein letzter Pflichtkurs der Woche. Nach längeren Qualen sind die aktuellen Übungsblätter erledigt; der nächste Abgabetermin liegt noch fünf Tage entfernt.

Also die richtige Zeit, um in der Politik-Fakultät einen Vortrag über humanitäre Interventionen der UN zu hören. (Selbstverständlich mit kostenlosem Mittagessen. Heute auf der Speisekarte: Hähnchen und Couscous.) Anschließend im Uni-Schwimmbad.

Um 16 Uhr in das Saybrook College, eines der 12 Wohnheime für undergraduate students. Als Ersatzeltern dienen dort die Master – Professoren, die das Wohnheim leiten und selbst im College leben. Regelmäßig werden Künstler, Wissenschaftler und Autoren zum Master’s Tea eingeladen.

Die Wohnung des Masters von Saybrook ist – zurückhaltend gesagt – repräsentativ. Alte Möbel, Porzellanfiguren, Stahlstiche an der Wand, ein Kamin. Den Tee trinkt man nicht aus den üblichen Wegwerf-Bechern, sondern aus Tassen mit Goldrand. 



Heute beim Master’s Tea zu Gast: der Harry-Potter-Experte John Granger. Eine Stunde lang spricht Granger über Motive, die Joanne Rowlings Romane mit der Bibel, Shakespeare und Dostojewski verbinden.

Mittwochnachmittage sind toll.

Montag, 22. September 2008

Vollbeschäftigung

David liest ein Buch für morgen, ein Buch für Mittwoch und ein Buch für Donnerstag.
Ruta versucht, Hunderte Seiten für Jura zu lesen. Ihr Kopf tut weh.
Aktuelle Facebook-Einträge von Kommilitonen
Amerikanische Unis halten ihre Studenten gerne busy. Für das viele Geld muss schließlich etwas passieren. Ganz besonders in der Ivy League. Zu den endlosen Literaturlisten kommt hier noch ein Umfeld, für das es im Amerikanischen schon ein eigenes Wort gibt: hypercompetitive. 

Ein Dialog aus der VWL-Fakultät vom Vormittag:
Erster deutscher Austauschstudent: Jetzt haben wir den Beweis noch immer nicht verstanden. Weißt du was? Wir sind hier intellektuelles Prekariat.
Zweiter deutscher Austauschstudent: Aber wenigstens auf hohem Niveau.
Gleicher Ort am Nachmittag:
Erster deutscher Austauschstudent: Wie fandest du das Tutorium zu Behavioral Economics?
Dritter deutscher Austauschstudent: Gebracht hat es nicht viel. Aber es war großartig! Ich habe zum ersten Mal Leute getroffen, die hier studieren und nicht schlauer sind als ich.
Kürzlich in der Toilette der Graduiertenschule einen Kommilitonen gesehen, der noch beim Pinkeln das Wall Street Journal gelesen hat.

Sonntag, 21. September 2008

Klick mich!

Freemail hat vor einigen Monaten die eigenständige Anmeldeseite abgeschafft. Seither landet, wer nur schnell seine Mails checken will, auf der Startseite von web.de und wird dort mit einer Infotainment-Box zwangsbeglückt. Die aktuellen Themen (am Wochenende der US-Finanzintervention und des Anschlags von Islamabad):
  • Schamlos sexy: Mit so einem Dirndl verdrehen Sie den Wiesnbesuchern Bierzelte-weise den Kopf.
  • Was Sie schon immer wissen wollten – und sich nie zu fragen trauten: Alles über Erotik im Netz.
  • Gesetze gelten (meistens) auch für Promis. Diese hier können wahrlich ein Lied davon singen.
Die Verklickzahlung kennt keine Grenzen.

Freitag, 19. September 2008

Null Zinsen, null Ahnung

Lust an der Beschimpfung scheint überhaupt eine Grundvoraussetzung zu sein, um zu bloggen.
Dann wollen wir mal. Heute in einer deutschen Wirtschaftszeitung zur Finanzkrise gelesen:
Anfangs begab Refcorp langfristige Zero-Coupon-Staatsanleihen, die Zinszahlungen garantierte der Staat.
Einen Moment, bitte. Macht es nicht gerade das Wesen einer Zero-Coupon-Anleihen aus, dass keine Zinsen gezahlt werden? Null Kupon eben. Der Staat würde also etwas garantieren, das es gar nicht gibt.

Ketzerisch gefragt: Dass so wenige Leser die Wirtschaftsberichterstattung verstehen – liegt das vielleicht daran, dass die Berichterstatter so wenig von der Wirtschaft verstehen? Selbstkritik inklusive, lieber Spiegel.

Blair in Yale

Der Star kommt zuletzt auf die Bühne. Fast schon verlegen, mit bubenhaftem Lächeln folgt Tony Blair dem Uni-Präsidenten Richard Levin auf das Podium der Woolsey Hall. Raumgreifende Schritte sehen anders aus.

In den Rängen des Vortragssaals, einer Orgie aus Blattgold und hohen Fenstern, sitzen rund 2000 Yalies. Fast jeder fünfte Student ist also gekommen, um den ehemaligen britischen Premierminister in Neuengland sprechen zu hören. Das Thema freilich sorgt Spott in den Rängen: „Religion und Globalisierung“. Geht es noch ungenauer?

Auf dem Podium stehen vier Stühle mit eingraviertem Yale-Wappen. Wahlspruch: „Licht und Wahrheit“. Am linken Rand sitzt Uni-Präsident Levin, neben ihm ein Geschichtsprofessor, dann eine Studentin als Dekoration – ganze zwei Fragen darf sie stellen. Dabei zählt die Kommilitonin zu den overachievers: Sie studiert zwei Fächer parallel, leitet eine Zeitschrift zur Globalisierung und hat eine A-cappella-Gruppe gegründet. Durch einen Tisch von den Fragestellern getrennt, sitzt Blair allein am rechten Rand des Podiums.

Die ersten 30 Minuten sind unbequem für den Stargast: Irak-Krieg, Nordirland-Konflikt, Klimawandel – alle heiklen Themen kommen zur Sprache. Blair wirbt für seine Positionen – in der received pronunciation der englischen Privatschulen, mit ausgreifenden Gesten und wacher Selbstironie. Doch seine Körpersprache verrät die Anspannung: Immer wieder rutscht Blair auf die Stuhlkante vor, den Rücken hält er durchgedrückt. Dabei hat er eigentlich Glück: Die Fragesteller haken niemals nach. So kann sich Blair in Floskeln und Allgemeinplätze retten. Ein Meister des Abschweifens.

An den Seiten des Vortragssaals stehen amerikanische Polizisten – und Beamte von Scotland Yard. Blair wird immer noch wie ein Regierungschef beschützt. Und er redet auch so. Als es um die Kopenhagener Klimakonferenz im kommenden Jahr geht, sagt Blair: „Wir müssen ...“ Als würde er noch selbst am Verhandlungstisch sitzen. Oder war das ein pluralis majestatis?

Nach 30 Minuten kann sich Blair entspannen. Die Fragen werden sanfter, laden zur Selbstbeweihräucherung ein. „Herr Blair, was war das Erfolgsrezept von New Labor?“ Und so weiter. Blair schlägt zum ersten Mal die Beine übereinander, lehnt sich tief in seinen Stuhl zurück, legt einen Arm hinter die Lehne. Sein Lächeln reicht jetzt vom einen Ohr zum anderen.

Die letzte Frage: Ob er als junger Mann eigentlich die Beatles oder die Rolling Stones besser gefunden habe. Blair blickt betreten zu Boden. „Ich habe immer gesagt, dass ich Rolling-Stones-Fan bin. Wenn ich das nicht gesagt hätte, wären die Frauen einfach ... (Lachen im Saal) Aber in Wahrheit – ich muss das leider zugeben – sind die Beatles einfach die Besten."

Der Hauptdarsteller hat sein Engagement verloren. Aber das Talent ist noch da.

Update: Über Blairs Auftritt berichten neben den Yale Daily News auch Guardian und International Herald Tribune. Am Vorabend war Blair in der Daily Show zu Gast:

Staatsbesuch

Knapp vier Stunden sind es noch, bis Tony Blair seine Rede vor Yale-Studenten beginnt. Rund um den Vortragssaal, die Woolsey Hall, sieht es aber schon jetzt aus, als sei ein Staatsempfang in vollem Gange: Abgesperrte Straßen, Menschenmassen, Polizei. Auch als ehemaliger Regierungschef wird Blair noch bewacht, als würde in jedem Neogotik-Erker auf dem Campus ein Al-Quaida-Terrorist lauern.

Anlass der Rede ist übrigens, dass Blair in den kommenden drei Jahren Seminare in Yale leiten soll. Die Uni-Zeitung weiß außerdem in ihrem Vorbericht, dass Blairs ältester Sohn in diesem Frühjahr seinen Master in Yale erhalten hat.

Donnerstag, 18. September 2008

Peinlich, peinlich

350 Millionen Euro mal einfach so in die Konkursmasse überweisen – da hat die Förderbank KfW dem traurigen Untergang von Lehman Brothers eine lustige Anekdote hinzugefügt. Jedenfalls, wenn man die eigene Schadenfreude so schön kultiviert wie die Süddeutsche Zeitung:
An seinem ersten Arbeitstag, dem 1. September, wandte sich [KfW-Chef] Schröder per Mail an die Mitarbeiter. [...] Im Gespräch wolle er „aus erster Hand erfahren, wie die Arbeitsprozesse in der KfW ablaufen“. Seit der Sache mit Lehman klärt dies nun die interne Revision. Seine Mitarbeiter lesen stattdessen in den Zeitungen, was für Trottel sie sind.

Mittwoch, 17. September 2008

Propaganda

Manchmal fühlt man sich wie ein Darsteller im Yale-Werbefilm. Heute Vormittag zwei tolle Vorlesungen bei Bob Shiller und Don Andrews. Am Mittag zum Cowles Foundation Lunch (kostenlos) mit Eddie Dekel von der Northwestern University. Dann auf dem Old Campus die Krisenberichterstattung im Wirtschaftsteil der New York Times (liegt kostenlos aus) gelesen. Schwimmen gegangen im Yale-Sportzentrum (kostenlos). Anschließend die „Subprime Solution“ von Bob Shiller zu Ende gelesen – im altehrwürdigen Historiker-Lesesaal der Sterling Memorial Library.



So lässt es sich doch studieren.

Der Cowles Foundation Lunch ist übrigens nur eine von unzähligen Vortragsreihen an der VWL-Fakultät. Beinahe jeden Tag sind Professoren anderer Unis zu Gast. Fast immer zur Mittagszeit – das Essen gibt es für die Zuhörer kostenlos. Ein ungewohntes Bild, wenn ein Gastprofessor hochkonzentriert über seinen neuesten Aufsatz zur Entscheidungstheorie referiert, während seine Zuhörer genüsslich Sandwiches und Krabbensalat essen. 

Aber das Anreizsystem ist geschickt: Mit dem kostenlosen Mittagessen lockt man Studenten auch in Vorträge zu entlegeneren Themen. Volkswirte wussten schon immer: There is no such thing as a free lunch.

Das gemeinsame Essen beim Cowles Foundation Lunch passt zum Geist der Uni. Studieren ist in Yale eine tagesfüllende Beschäftigung. Entsprechend wichtig ist Soziales: Die graduate students essen zusammen im Speisesaal der Graduiertenschule und haben ein gemeinsames großes Wohnzimmer, das McDougal Center. In der VWL-Fakultät gibt es einen großen Aufenthaltsraum. In den Bibliotheken stehen Sofas und Sessel. 

Ob man irgendwann Lagerkoller bekommt? Nach zwei Wochen jedenfalls noch nicht.

Montag, 15. September 2008

Shuffle

Die blühendste Phantasie besitzt der Zufallsmodus im iPod. Heute durch 06511 New Haven gelaufen und Folgendes gehört:
  • „Mambo“ aus Grönemeyers Album „4630 Bochum“.
  • John Philip Sousas „Stars and Stripes Forever“.
  • „Müssen nur wollen“ von den „Helden“:
    Das ist das Land der begrenzten Unmöglichkeiten
    Wir können Pferde ohne Beine rückwärts reiten
    Wir können alles, was zu eng ist, mit dem Schlagbohrer weiten
    Können glücklich sein und trotzdem Konzerne leiten

Sonntag, 14. September 2008

Die nächste Krise

Der Sonntag als Tag der „Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“, wie es im Grundgesetz steht? Nicht an der Wall Street. Dramatisches spielt sich dort heute ab. Das amerikanische Finanzsystem durchlebt eine tiefe Krise. Und zwar am zweiten Wochenende in Folge. (Da war etwas mit Fannie und Freddie, auch wenn es ob all der neuen Hiobsbotschaften schon beinahe wieder vergessen ist.)

New York Times und Wall Street Journal berichten seit 48 Stunden brilliant über den Fall Lehman Brothers, der plötzlich auch zu einem Fall Merrill Lynch geworden ist. 

Wie geht es weiter? Das weiß niemand. Aber eines steht fest: Nichts ist derzeit spannender als die Wirtschaft. 

Samstag, 13. September 2008

Kälteeinbruch

Den Nachmittag in einer Gletscherspalte verbracht. Jedenfalls dem Gefühl nach. Tatsächlich war ich in der Juristen-Bibliothek von Yale. Aber deren Untergeschoss könnte man auch als Gefrierhaus benutzen.

Der Hintergrund: Samstags schließen die meisten Yale-Bibliotheken schon gegen 15 Uhr. Selbst in Tübingen hat die Uni-Bibliothek wesentlich länger geöffnet; vom 24-Stunden-Service in Konstanz einmal ganz zu schweigen. Merke: Nicht alles ist besser in der Ivy League.

Als einzige Zuflucht blieb die Juristen-Bibliothek, die auch noch abends geöffnet ist. Leider sitzt man hier im Keller, umweht von Dutzenden Klimaanlagen, die allesamt auf Permafrost eingestellt sind. Nächsten Samstag unbedingt einen Pulli mitnehmen – bei 20 Grad Aussentemperatur. Ziemlich verrückt. Wie man sich überhaupt – auch nach etlichen Wochen in den USA – immer noch über dieses und jenes wundert.

Volles Programm

Gestern von 9 bis 16 Uhr ein Aufgabenblatt für die Vorlesung über Political Competition gerechnet. Am späten Nachmittag zur Kneipentour der Austauschstudenten. Um 19 Uhr als Gast zum Shabbat Dinner der jüdischen Hochschulgruppe. Anschließend zur Umweltwissenschaftler-Party in die Sage Hall. Ein großer Festsaal aus dunklem Holz, fast wie in einer Burg. Die Musik hätte aber jeder oberhessischen Dorfdisco zur Ehre gereicht.

Man darf bloß nicht daran denken, welche Aufgabenblätter man an einem solchen Tag nicht gerechnet, welche Hochschulgruppen man nicht besucht und welche Parties man verpasst hat. Das Schlafen sollte man sich in Yale ohnehin am besten abgewöhnen. 

Freitag, 12. September 2008

Nichts als Lügen

In den vergangenen Tagen ist McCains Wahlkampf in beängstigendem Tempo schmutzig geworden. Die aktuellen Stichworte: lipstick on a pig, bridge to nowhere, sexual education. Nicht, dass sich die Republikaner vor einem Monat noch grundanständig verhalten hätten. Aber inzwischen kann man McCains Kampagne nur noch mit Widerwillen verfolgen. Und das Schlimmste: Die Republikaner scheinen derzeit tatsächlich die Oberhand zu gewinnen. 

Der Princeton-Ökonom Paul Krugman schreibt sich heute in der New York Times den ganzen Ekel von der Seele. Auszüge aus seiner lesenswerten Kolumne:
Die Lügen des Bush-Wahlkampfs im Jahr 2000 waren kunstvoll – man musste rechnen können, um zu verstehen, dass man betrogen wurde. In diesem Jahr jedoch wiederholt McCains Kampagne immer und immer wieder Behauptungen, die jeder Internet-Benutzer in einer Minute widerlegen kann. 

Warum glauben McCains Berater, dass sie mit diesem Vorgehen durchkommen? Nun, vielleicht zählen sie auf die Journalisten, die unter allen Umständen „ausgewogen“ berichten wollen. Man weiß, was das bedeutet: Falls ein Politiker sagt, dass schwarz  nicht schwarz, sondern weiß ist, dann berichten die Medien nicht, dass der Politiker lügt, sondern dass „einige Demokraten sagen“, dass der Politiker lügt. Oder eine groteske Lüge der einen Seite wird verbunden mit einer trivialen Fehlbehauptung der anderen Seite, sodass der Eindruck entsteht, beide Seiten seien gleichermaßen verlogen. Vielleicht zählen McCains Berater auch auf das „horse-race reporting“. Aus der Geschichte „McCains Team lügt“ wird dann: „Obama nach Angriffen in der Defensive“.

Obamas Team ist auf der falschen Fährte, wenn es behauptet, dass eine Regierung McCain/Palin nur eine Fortsetzung von Bush/Cheney wäre. Falls der Wahlkampf von John McCain und Sarah Palin die richtige Vorahnung gibt, wäre die neue Regierung noch viel, viel schlimmer.

2,50 Euro

Welch ein Affentheater in Deutschland um die Service-Gebühr der Deutschen Bahn. Selbst Claus Kleber hat gestern im heute-journal den Volkszorn geschürt; in den HR-Radionachrichten schaffte es die Service-Gebühr gerade an die erste Stelle. Der ganze Aufstand wegen 2,50 Euro ist zumindest ökonomisch hochinteressant. Bob Shiller hat zufällig am Mittwoch in seinem Behavioral-Economics-Kurs das passende Paper vorgestellt: „Fairness as a Constraint on Profit Seeking“ von Daniel Kahneman et al.

Heimatgefühle

Das Gute an der Zeitverschiebung: Wenn man in New Haven noch spätabends Aufgaben rechnet, kann man auf HR3 bereits die Morgensendung hören (alte Gewohnheit). Schade nur, dass der unvergleichliche Jörg Bombach derzeit im Urlaub ist. 

Wenn wir gerade bei Hessen sind: Kürzlich habe ich in einem Supermarkt in New Haven tatsächlich Nutella gefunden. Großartig. Jetzt sitzt ein Alsfelder in Amerika und isst Nutella aus Stadtallendorf. Wenn das nicht eine gewisse Ironie besitzt.

Donnerstag, 11. September 2008

Gedächtnislücke

Während der Gedenkminuten für die Opfer des 11. September habe ich die Elastizität der Arbeitsnachfrage bei drei Produktionsfaktoren berechnet. Mein Arbeitsmarkt-Kurs lief wie an jedem anderen Donnerstag.

Überhaupt spürt man auf dem Campus wenig vom Jahrestag der Terroranschläge. Gesprächsthema im Speisesaal ist eher die neueste Bankenkrise. Allein die Uni-Kirche erinnert an den 11. September: Schweigend gehen dort Studenten durch ein Labyrinth. Mehr ist nicht.

In der New York Times viele Anzeigen mit nur wenigen Wörtern auf weißem Hintergrund: „In Erinnerung“ (Chanel) oder „Ein Tag des Erinnerns und Nachdenkens“ (Tiffany). Auf Seite 18 eine Anzeige der Investmentfirma Alger, die am 11. September mehr als 30 Mitarbeiter verloren hat: „In Erinnerung an die Opfer des 11. September 2001.“ Daneben eine Anzeige mit dem Slogan: „Erwarten Sie mehr.“ Im Kleingedruckten geht es um die Vorzüge einer Reha-Klinik.

Mittwoch, 10. September 2008

Der Mann, der Yale narrte

Akash Maharaj war ein genialer Yale-Student. Seine Professoren setzten große Stücke in den jungen Literaturwissenschaftler. Jetzt ist Maharaj ein verurteilter Betrüger. Das Verbrechen: „Ich habe Englisch-Kurse gestohlen“, sagt Maharaj.

Maharaj hätte niemals in Yale sein dürfen. In seiner Bewerbung waren Zeugnisse und Empfehlungsschreiben gefälscht. Nicht einmal das Geburtsdatum war korrekt angegeben. In den Kursen war Maharaj dennoch erfolgreich. Seine akademische Arbeit stellte niemand in Frage. Wegen schlechter Leistung wäre er niemals aufgefallen.

Wie konnte er also entdeckt werden? Maharaj war nach Yale gekommen, weil die Uni angesehen ist – und liberal. Yale gilt als gay ivy. Homosexualität ist in New Haven keine Krankheit. Und Maharaj war schwul.

Im Mai 2007 verließ Maharaj seinen Freund. Der Ex rächte sich und gab der Uni-Verwaltung den entscheidenden Hinweis auf die Fehler im Lebenslauf. Plötzlich fiel das Kartenhaus in sich zusammen. Maharaj kam zeitweise in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie.

Am Montag nun wurde Maharaj von einem Gericht in New Haven dazu verurteilt, der Uni mehr als 13.000 Dollar Studiengebühren zurückzuzahlen. Andernfalls drohen ihm bis zu drei Jahre Haft.

Die Yale Daily News erzählt heute Maharajs Geschichte – eine menschliche Tragödie und ein trauriges Lehrstück aus der amerikanischen Spitzenbildung, die sich selbst damit brüstet, hypercompetitive zu sein.

Blairmania

Gerade Eintrittskarte für einen Vortrag von Tony Blair geholt. Am Freitag nächster Woche spricht Blair vor Yale-Studenten über Globalisierung und religiöse Gewalt. Zuhören darf man nur mit Studentenausweis – und für die Eintrittskarten musste man schon heute anstehen. Die Schalter öffneten um 13 Uhr; die ersten Interessenten standen seit 10.30 Uhr in der Schlange. Da hatte ich noch Glück: Auch mit 20 Minuten Warten habe ich eine Karte bekommen.

Jetzt bin ich gespannt, ob der Vortrag die ganze Aufregung lohnt. Aber nachdem ich vor einigen Monaten Robert Harris’ Schlüsselroman „The Ghost“ gelesen habe, kann Blair sein Image eigentlich nur noch verbessern.

Dienstag, 9. September 2008

Licht und Schatten

Kurz bei Arts & Letters Daily vorbeigeschaut und auf Anhieb zwei aktuelle Artikel gesehen, die Themen aus meinen Vorlesungen aufgreifen:
  • Pete Lunn und Tim Harford streiten in Prospect über den Sinn von Behavioral Economics. (Vgl. Econ 527 bei Bob Shiller.)
  • Policy fragt mit Gregory Clark: Warum sind manche Länder so reich und andere so arm? (Vgl. Econ 581 bei Ben Chabot.)
Bei Arts & Letters Daily zudem auf einen Artikel aus der New York Review of Books gestoßen, in dem Zadie Smith darüber schreibt, wie Louis Begley über Franz Kafka schreibt. Drei Autoren in einem Text. Das unterscheidet sich wohltuend von ziemlich platten Kafka-Artikeln wie diesem in den amerikanischen Tageszeitungen. Besonders gruselig: das Adjektiv „kafkaesk“ in der Überschrift. Einen unübertroffbaren Titel hat Martin Walser für seine (Tübinger) Dissertation gewählt: „Beschreibung einer Form. Versuch über Kafka“. Noch zurückhaltender kann man es leider nicht mehr ausdrücken.

Montag, 8. September 2008

Endlich am Netz

Nein, es geht wirklich nicht mehr ohne Internet-Zugang zu Hause. Überhaupt nicht mehr. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, standhaft zu bleiben. Die Überlegung: Kostenloses Wifi gibt es in der Uni-Bibliothek und bei Starbucks – wer braucht also auch noch zu Hause einen Internet-Zugang?

Ich. 

Seit Sonntagabend habe ich endlich einen Internet-Zugang in meiner frugalen Studentenwohnung. Und zwar über ein WLAN im 3. Stock. (Die lieben Mitmenschen aus dem 2. Stock hatten sich trotz guten Zuredens und großzügiger Zahlungsversprechen geweigert, ihr Passwort herauszurücken. Und meine vergeistigte graduate-students-WG im 1. Stock war nicht in der Lage, einen eigenen Anschluss zu beantragen.)

Aber muss man sich nicht eigentlich Gedanken machen, wenn man nicht einmal mehr für eine Stunde am Morgen und drei, vier Stunden am Abend auf das Netz verzichten kann? 

Kein Internet, das heißt kein Freemail, StudiVZ, Facebook, ICQ und Skype. Kein Online-Banking, Amazon, My T-Mobile. Keine Heimat-Webcam. Kein CNN, NYT, Spiegel Online und kein dpa-Ticker. Kein Blogspot, kein Picasa.

Ich glaube: Man muss sich nicht schämen.

Vier Gewalten

Am Samstag mit Jona-Kollegen im Newseum. Vor fünf Monaten an der Pennsylvania Avenue in Washington eröffnet, steht das Journalismus-Museum selbstbewusst zwischen Kapitol sowie Oberstem Gerichtshof im Osten und Weißem Haus im Westen. Ein Amtssitz der Vierten Gewalt.

Diaschau: Newseum

Von einem riesigen Atrium aus erreicht man die Ausstellungsräume auf sechs Stockwerken. Es geht um die Geschichte der amerikanischen Medien, um die Pressefreiheit im ersten Zusatzartikel zur US-Verfassung, um Kriegsreporter, um Fehler in der Berichterstattung – und natürlich um die Helden des amerikanischen Journalismus, allen voran Bob Woodward und Edward Murrow. Die Präsentation ist handwerklich gut gemacht und verfällt in kein Klischee: Journalisten sind hier weder die einsamen Retter der Demokratie noch gemeingefährliche Wegelagerer.

Viel Raum in der Sammlung nimmt der 11. September ein. Eine ganze Wand voller Titelseiten dokumentiert, wie Zeitungen aus aller Welt am Morgen des 12. September über den Terroranschlag berichteten. Ein Film zeigt die Arbeit der Journalisten am 11. September, eine Bilderausstellung die letzten Aufnahmen eines Fotografen, der am Ground Zero starb.

Eintrittspreis: 20 Dollar. Doch das Newseum ist sein Geld wert.

Am Sonntag über die National Mall, die auf rund zwei Meilen die berühmtesten Gebäude der USA versammelt, vom Kapitol im Osten bis zum Weißen Haus im Westen.

Diaschau: National Mall

Freitag, 5. September 2008

In die Hauptstadt

Über das Wochenende nach Washington. Hinfahrt mit Amtrak. Im Nordosten der USA ist das Schienennetz gut ausgebaut.

Erstaunlich, wie wenige Bahnfahrer noch Zeitung lesen. Viele im Abteil mit iPod oder Laptop. Zwei Reihen vor mir schaut eine junge Frau auf ihrem MacBook den „Fluch der Karibik“, während sie eine Socke strickt.

In Washington zunächst in den Supreme Court.

Diaschau: Supreme Court

Das Gebäude im Stil eines griechischen Tempels ist vor allem groß und weiß. Auf dem Portal die Inschrift: Equal Justice Under Law. Man traut sich kaum, die riesige Außentreppe hinaufzulaufen. Gibt es hier kein Besucherzentrum? Nein, man geht als Tourist einfach durch den Haupteingang und darf sich in den unteren beiden Geschossen frei bewegen. Zu sehen gibt es wuchtige Innenarchitektur und – wie überall – ein 30-minütiger Erbauungsfilm im Mini-Kino.

Anschließend über die National Mall, an der sich die berühmten Gebäude des Bundes aufreihen. Überraschend wenig Touristen – selbst vor dem Weißen Haus.

Mittwoch, 3. September 2008

Erster Vorlesungstag

Acht Stunden Vorlesungen an einem Tag, das ist eigentlich verrückt. Aber in Yale gilt ein solches Pensum derzeit als normal. Denn hier beginnt das Semester mit einer shopping period: Man setzt sich erst einmal in alle Kurse, die interessant klingen, und entscheidet sich dann für eine Auswahl.

Zuerst in Behavioral and Institutional Economics bei Robert Shiller. Im hellgrauen Sommeranzug steht Shiller vor rund fünfzig Studenten und genießt das für Yale-Verhältnisse riesige Auditorium. Shiller hat die Hände vor der Gürtelschnalle gefaltet, um die Augen liegen Lachfältchen. Trotz schütterem Haar strahlt Shiller die Neugierde und Begeisterungsfähigkeit eines kleinen Jungen aus. Der Makroökonom ist ein science star. Sein neuestes Buch „The Subprime Solution“ stellte die Washington Post am Sonntag auf ihrer ersten Wirtschaftsseite vor.

Shiller versteht die Volkswirtschaftslehre als ein Teilgebiet der Gesellschaftswissenschaft, nicht als angewandte Mathematik. Mahnend liest er aus Thomas von Aquins „Treatise on the Angels“ vor und kommentiert: „Sehr akademisch, aber irgendwie neben der Spur.“ Wissenschaft dürfe nicht um ihrer selbst willen betrieben werden.

Anschließend Ökonometrie bei Don Andrews. Sigmafelder und abzählbare Unendlichkeit in der ersten Sitzung. Oha.

Am Nachmittag in zwei Seminaren. Miguel Rodriguez führt in seinen Kurs über Handelstheorie ein. Als er an die Theorie komparativer Vorteile erinnert, spricht er immer lauter, gestikuliert wild. Am Ende stehen ihm Tränen in den Augen: „Das gehört zum Wichtigsten, was je gedacht wurde.“

Zuletzt bei Eduardo Engel, dessen Aufsätze ich schon aus Tübingen kenne. Es geht um die ökonomischen Probleme Lateinamerikas. In der ersten Stunde plaudert Engel aus dem Nähkästchen des Politikberaters. Zum Beispiel über den einzigen Beamten, der sich in El Salvador um Verbraucherschutz kümmert. Sein Arbeitszimmer liegt im fünften Stock eines Bürogebäudes ohne Aufzug, die letzte Tür am Gang. Als Engel ihn besuchte, hörte der Verbraucherschützer gar nicht mehr auf zu reden: Er freute sich über den ersten Besucher seit über zehn Jahren.

Trotz allem Einführungstralala war heute schon zu spüren: Das Argumentationstempo in den Kursen ist ungeheuer hoch, die Leselisten sind erschreckend lang. Das wird noch spannend.

Dienstag, 2. September 2008

Letzter Ferientag

Der letzte Tag vor Kursbeginn. Am Vormittag im Payne Whitney Gym. Von außen wirkt der wuchtige Neogotik-Bau wie eine Kathedrale. Hinter der prunkvollen Fassade verbergen sich aber zwei Schwimmbecken, mehrere Basketballfelder, eine Rudermaschine ... Das Payne-Whitney-Gym ist Amerikas größtes Fitnesszentrum. Eigentümerin: die Yale University. Studenten müssen nicht einen Cent Eintritt zahlen. Ich gehe schimmen – in einem Pool im dritten Stock.

Mittags im Speisesaal der Graduiertenschule. Nach drei Jahren Tübinger Mensa-Tristesse ein ganz neues Erlebnis: ein riesiges Salatbuffet, zwei Suppen, etliche Hauptgerichte, Waffeln, Eis und Obst. Dafür kostet das Mittagessen auch 10 Dollar – es sei denn, man wird von der freundlichen Aufpasserin in der ersten Uni-Woche als Testesser durchgewunken.

Nachmittags im Peabody-Museum. Für die neuen Studenten der Graduiertenschule gibt es vier Sonderführungen durch die normalerweise verschlossenen Archive des naturwissenschaftlichen Museums. Ich lande bei einem Experten für ausgestorbene Tiere ohne Wirbelsäule. Zwischen tausenden Fossilien die Erfahrung, wie eng die Grenzen des eigenen Fachs sind, wie hilflos man sich auf einem fremden Feld fühlt, wenn selbst die einfachsten Grundkenntnisse fehlen. (Wann war noch mal das Kambrium?) Aber auch das gehört zum Studium: zu lernen, wie wenig man weiß. Das Vorlesungsverzeichnis der Graduiertenschule ist 539 Seiten dick. Ganze 11 Seiten entfallen auf die Volkswirtschaftslehre.

Abends auf dem Weg zum Bus über einen Zebrastreifen gelaufen. Das mögen nicht alle amerikanischen Autofahrer. Eine junge Frau bremst im letzten Moment und ruft uns hinterher: „You don’t own the street, fucking Yalies!“

Heimatzeitung

Ein Beitrag vollkommen off topic, aber das sei einem Journalisten erlaubt, wenn die Heimatzeitung schon einmal 175 Jahre alt wird. Für die Jubiläumsausgabe (Achtung, die PDF-Datei ist 20 MB groß) habe ich den Medienwissenschaftler Dr. Matthias Kurp interviewt. Einige Lieblingsstellen:
In 20 Jahren wird es die klassische Zeitung vielleicht noch geben. Aber in 50 Jahren? Da wäre ich schon skeptisch.

Zeitungen gelten immer noch als besonders glaubwürdig – aber das könnte sich schnell ändern. Der Leser muss überzeugt werden, dass seine Lokalzeitung weiß: So ist es wirklich.

Viele Zeitungen verkaufen sich qualitativ weit unter ihrem Wert, weil sie jahrzehntelang kaum um die Leser kämpfen mussten.

Es ist nicht mehr gottgegeben, dass die Heimatzeitung bei der lokalen Berichterstattung Monopolist ist. Einfach Pressemitteilungen abzudrucken, das genügt heute nicht mehr. Das ist keine journalistische Leistung – und der Leser merkt das. Schließlich kann inzwischen jeder Verein, jedes Unternehmen, jede Privatperson die eigenen Nachrichten quasi kostenlos ins Internet stellen.

Der Anspruch an den Lokaljournalismus steigt. Gleichzeitig müssen Lokalzeitungen damit leben, dass Leser verlorengehen. Die richtige Antwort ist es, die Lokalzeitung als Premiumprodukt zu vermarkten und das Internet für Begleitangebote zu nutzen, zum Beispiel für Foren.

Die Lokalzeitungen haben nur eine Chance: Sie müssen exklusive Inhalte bieten – und das heißt, sie müssen in Qualität investieren.

Montag, 1. September 2008

Cash Wanted

Kurz nach der Kontoeröffnung hat mir die Bank of America einen Stapel Einzahlungsbelege geschickt. 120 Einzahlungsbelege, um genau zu sein. Die amerikanischen Banken scheinen derzeit wirklich alles zu versuchen, um an Liquidität zu kommen.