Dienstag, 4. November 2008

Wahlnacht in Yale

00:18 Uhr. Es ist Morgen in Amerika.

00:17 Uhr. Ein große Rede. Eine bewegende Rede. Gettysburg Address und We shall overcome. Eher Messe als Wahlkampfveranstaltung „Yes we can“, ruft der Liturg. „Yes, we can“, antwortet die Gemeinde.

00:01 Uhr. „Der Wandel ist angekommen.“ Ruhiger und bescheidener kann man nicht triumphieren.

23:59 Uhr. Der neue Präsident kommt auf die Bühne, schließt kurz die Augen. Sekunden des Innehaltens mitten in der Öffentlichkeit – nach fast zwei Jahren Wahlkampf.

23:55 Uhr. In der Juristenfakultät wird Sekt aufgemacht.



Man beachte die Original-Yale-Plastikbecher mit Uni-Wappen.

23:44 Uhr. Zeit für noch größere Buchstaben.



„OBAMA. Rassenschranken fallen – Wähler stimmen in Ruf nach Wandel ein.“

23:26 Uhr. „Demokratie ist ein System, in dem Parteien Wahlen verlieren.“ (Demokratie-Definition des Politikwissenschaftlers Adam Przeworski von der New York University)

23:18 Uhr. McCain gesteht seine Niederlage ein: „Wir sind am Ende eines langen Weges angekommen. Die Amerikaner haben klar gesprochen.“ Als McCain von seinem Anruf bei Obama spricht, in dem er kurz zuvor seine Niederlage anerkannt hatte, buht das Publikum. McCain muss seine Anhänger mäßigen. Kurz darauf zum zweiten Mal. Die Niederlage einzugestehen – das macht die Demokratie aus. McCain hat die nötige Größe.

23:16 Uhr. Zeit für große Buchstaben.



Aufmacher der New York Times: „OBAMA. Rassenschranken fallen bei starker Wahlbeteiligung.“

23:10 Uhr. Neuer Ort: Hörsaal 127 der Juristen-Fakultät. Etwa 50 Zuschauer im Halbrund unter Ölgemälden.



23:03 Uhr. Gerade in die Juristen-Fakultät gekommen. Im Treppenhaus hört man einen kollektiven Schrei. CNN hat Obama als neuen Präsidenten ausgerufen.

22:45 Uhr. Party-Ende im Macmillan-Center. Die Tische werden abgeräumt. Sanfter Rausschmiss. Aber der Sack ist ja zu.

22:33 Uhr. An der Wettbörse Intrade wird McCains Siegchance inzwischen auf nur noch 1,2 Prozent eingeschätzt. Noch ein Staat für Obama und McCain ist ein Pennystock.

22:29 Uhr. Die Spannung, die man noch am späten Nachmittag auf dem Campus spüren konnte, löst sich in Wohlgefallen auf. Ein Professor löst Kreuzworträtsel. Bei den fanatischen Obama-Anhängern wird inzwischen mehr geknutscht als geklatscht. Im Nebenraum läuft ein Comedy-Kanal, auf dem bereits McCains Niederlage verwurstet wird.

22:21 Uhr. Trommelwirbel auf CNN. Neue Prognose: Texas geht an McCain. Hund beißt Mann.

22:19 Uhr. Zwei interessante Nebenaspekte:
  • Obama liegt bei der Zahl der Wahlmänner zwar weit vorn, bei den tatsächlich abgegebenen Stimmen führt er aber nur hauchdünn mit 50 zu 49 Prozent vor McCain. Das mag unfair aussehen, aber nachdem das verrückte US-Wahlsystem in 2000 und 2004 die Republikaner bevorzugt hat, sind diesmal eben die Demokraten an der Reihe.
  • Der Kongress scheint klar demokratisch zu werden. Die New York Times sieht die Demokraten im Senat mit 53 zu 33 Sitzen vorn, im Repräsentantenhaus mit 136 zu 84.
22:07 Uhr. Fernsehen allein ist langweilig. Parallel werden die Hochrechnungen im Internet gecheckt.



22:02 Uhr. Iowa geht an Obama. Bei den Hardcore-Demokraten hinten rechts im Raum bricht Jubel aus. 


„Give peace a chance“ wird angestimmt.

21:50 Uhr. Noch zehn Minuten, bis die Wahllokale in Iowa, Oregon und Nevada schließen. Wenn Obama diese drei Staaten wie erwartet gewinnt, ist er kurz vor dem Ziel. Wie sollte McCain dann überhaupt noch gewinnen? Er müsste schon Kalifornien holen. Und dann kommt der Osterhase.

21:48 Uhr. Pizza schmeckt gut. New Mexico an Obama. Applaus.

21:38 Uhr. Ein Blick auf die Wahlmännerzahlen zeigt, wie wichtig der Sieg in Ohio für Obama war. In allen battleground states zusammen ging es um 47 Stimmen. Mit Pennsylvania und Ohio hat Obama schon 27 davon geholt.

21:35 Uhr. CNN schlägt Ohio Obama zu. Ein wichtiger Sieg. Hinten rechts im Saal geht inzwischen wirklich eine Party.

21:28 Uhr. Im Macmillan-Center wird die Stimmung immer gelöster. Das neue Bier ist eingetroffen und Obama liegt in den Hochrechnungen klar vorn. 174 zu 69 laut CNN. Selbst die erzrepublikanischen Fox New sehen Obama mit 183 zu 81 vorn. Fast schon langweilig. Links neben mir schlägt eine Kommilitonin ein Buch über die Armutsbekämpfung in Indien auf.

21:22 Uhr. Der Wahlabend hat einen Durchhänger. Ergebnisse auf Staatenebene, aber nichts wirklich Neues im Rennen Obama/McCain. Mal schauen, was die Prognosen um 22 Uhr bringen.

21:07 Uhr. Der Direktor des Macmillan-Center, der Demokratietheoretiker Ian Shapiro, greift sich das Mikrofon: „Es kommt gleich mehr Pizza und mehr Bier.“ Große Begeisterung im Publikum.

21:05 Uhr. Yale-Professor David Mayhew lenkt den Blick auf den Kongress. Noch stehe die demokratische Mehrheit nicht. Aber die Chancen seien gut. Sein Kollege Alan Gerber zum Rennen um die Präsidentschaft: „Die Kommentatoren im Fernsehen sagen, dass es hart wird für McCain. Das halte ich für ein Understatement. Schaut zu, wie Obama gewinnt!“

21:01 Uhr. CNN schlägt Michigan und Minnesota Obama zu. Fast 30 Stimmen mehr für den Demokraten. Der Jubel in Yale wird etwas stärker.

20:57 Uhr. Ein merkwürdiger Wahlabend. Nichts Genaues weiß man nicht, andauernd Werbepausen im Fernsehen. Und das letzte Wahllokal in Alaska schließt sowieso erst in vier Stunden. Alles komisch. Da freut man sich schon auf den nächsten Herbst, die anständige Bundestagswahl-Prognose um 18.00 Uhr auf ARD/ZDF.

20:44 Uhr. Laut CNN jetzt doch Pennsylvania an Obama. Im Macmillan-Center bekommt das niemand so richtig mit. Yalies diskutieren pausenlos. Sogar heute Abend. Gebannt auf die Leinwand gestarrt wird jedenfalls nicht. Erstaunliche Gelassenheit.

20:42 Uhr. CNN hält Florida, North Carolina, Ohio, Pennsylvania und Virginia für „too close to call“. Das Rennen ist noch zu eng, um eine Prognose abzugeben. So gesehen ist alles weiter offen.

20:38 Uhr. Freude über jede Stimme.



20:35 Uhr. Wechsel zu NBC, die mutiger als CNN Prognosen abgeben. Laut NBC sieht es gut aus: Obama 103, McCain 34 Wahlmänner. Inzwischen die ersten Obama-Sprechchöre. Hinten rechts im Macmillan-Center sitzen die hartgesottenen Fans.

20:22 Uhr. Im Macmillan-Center kommentieren die beiden Yale-Politikwissenschaftler Alan Gerber und David Mayhew den Wahlabend. Gerber berichtet, dass an der Politwettbörse Intrade die Wahrscheinlichkeit eines McCain-Siegs inzwischen auf weniger als 5 Prozent eingeschätzt wird. Gestern waren es noch rund 10 Prozent. Hauptgrund: Florida, der Zitterstaat par excellence, scheint an Obama zu gehen. Zum ersten Mal so etwas wie Jubel im Macmillan-Center.

20:18 Uhr. Die amerikanische Schicksalsnacht. Und CNN bringt – Werbung. Da kennen die amerikanischen Fernsehsender keine Gnade.

20:14 Uhr. Die Ergebnisse tröpfeln nach und nach ein. Sicherheit gibt es noch lange nicht. Auf der Leinwand im Macmillan-Center läuft CNN, auf den Laptops der Yalies färben sich die Landkarten der anderen Sender ein. MSNBC erklärt Obama zum Sieger in Pennsylvania. Das wäre doch was.

20:02. Uhr. Prognose um acht. Viele blaue Staaten auf der Leinwand. Der Applaus bleibt aber noch verhalten. Im wichtigen Virginia scheint McCain vorn zu liegen.

19:56 Uhr.
Die Wahlparty im Macmillan-Center beginnt. 


Die Politikwissenschaftler der Uni laden ein. Pizza, Bier und CNN.


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