Yale ist wunderschön. Für Touristen.
All die ehrwürdigen Gebäude! Die wunderschönen Vortragssäle! Die vielen US-Präsidenten, die hier studiert haben!
Yale ist furchtbar, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und liest und rechnet und nichts will funktionieren. Wenn man sich fragt, wie man jemals das Abitur, geschweige denn den Studienplatz an der Elite-Uni bekommen hat. Und dann verlässt man nachts die Juristen-Bibliothek und läuft über den Cross Campus. Amerikanische Geschmacklosigkeit. Oxford in der Disney-Variante. Gebäude, die eine falsche Tradition vortäuschen. Hinter den erleuchteten Fenstern der Sterling Library reihen sich Millionen Bücher, die alle rufen: Du hast keine Ahnung von mir – solltest du aber haben.
Man läuft zum Yale-Bus und weiß schon vorher, dass der Fahrer ein Schwarzer sein wird. Wie eigentlich alle Uni-Angestellten mit hässlichen Jobs und schlechten Arbeitszeiten. Wenn der Bus vor der Wohnung im Studentenviertel East Rock hält, beeilt man sich, zur Tür zu kommen, weil der Uni-Polizei-Chef erst am Mittag eine Rundmail über das neueste Verbrechen an einem Studenten verschickt hat. Und dann kommt man in die Wohnung und setzt sich noch einmal an den Schreibtisch – mit Jacke und Schal, weil ein Mitbewohner im vergangenen Jahr die Heizöl-Rechnung nicht bezahlt hat, die Temperaturen in Neuengland aber auch in diesem Oktober wieder in den Keller fallen. So ist Yale.
Zum Glück nur manchmal. Heute Abend geht es eigentlich ganz gut. Schon um kurz nach Mitternacht aus der Bibliothek gekommen. Und die erste Vorlesung am Mittwochmorgen beim Finanzkrisen-Papst Bob Shiller. Besser kann es ja eigentlich nicht kommen.
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