Freitag, 23. Januar 2009

Blog off

Wegen Umzug dauerhaft geschlossen.

Kann man Yale klonen?

Seit einer Woche zurück in Deutschland. Die Polizei ist auf einmal blau, die Menschen haben eine staatliche Identifikationsnummer verpasst bekommen und in meinem Heimatdorf ist ein weiteres Fachwerkhaus den plötzlichen Verputztod gestorben. 

Ansonsten alles beim Alten. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran, vor dem Anfahren wieder die Kupplung statt der Bremse zu treten und bei Mini-Einkäufen die Kreditkarte stecken zu lassen. Was auch nach einer Woche noch fehlt: der amerikanische Optimismus, die Freundlichkeit im Alltag. 

Zwei Tage in Tübingen. Die Studium-generale-Vorlesung über Paul Celan ist gut, aber ungewohnt. Vorn im Hörsaal steht kein amerikanischer Professor, der seine künftigen Kollegen unterhalten will, sondern ein deutscher Ordinarius, der mit Todernst doziert. 

Abends vor der Neuen Aula für einen Augenblick der Gedanke: Könnte man eine Uni wie Tübingen eigentlich zum deutschen Yale verwandeln? Die Voraussetzungen stimmen: Tradition, große Namen wie Hans Küng und Walter Jens, Nobelpreise, eine gute Bibliothek – alles ist da. Was noch fehlt: die Studentenzahl halbieren, die Zahl der Professuren verfünffachen, die Mittel der Bibliothek verdoppeln, für alle Bachelor-Studenten residential colleges bauen (mit dem Tübinger Stift gibt es ja schon ein hausgemachtes Vorbild) und einige Rieseninvestitionen mehr. 

Kurzes Gedankenexperiment: Dieser Vorschlag geht in den Haushaltsausschuss des Landtages.

Nein, Yale kann man nicht klonen.

Mittwoch, 14. Januar 2009

Reisewarnung

Letzte Station: Los Angeles. Die zweitgrößte Stadt der USA ist gewöhnungsbedürftig. Es gibt kein Zentrum, stattdessen liegen Strand, Downtown, Museumsviertel und Stadtpark jeweils Kilometer voneinander entfernt. 

Was die Sache nicht einfacher macht: Los Angeles ist eine einzige Verkehrskatastrophe. Die Straßen wirken noch voller und der Fahrstil noch ruppiger vor als in New York. Um den Mietwagen am zehn Kilometer entfernten Flughafen abzugeben, brauche ich vom Hotel aus fast eine Stunde – und das nach der rushhour

Die U-Bahn von LA ist zwar schick und schnell, hat aber ein großes Problem: Es gibt sie kaum. Los Angeles besitzt gerade einmal vier U-Bahn-Linien – das ist eine weniger als Nürnberg. Folglich fährt man Bus und steht im Dauerstau.

Was sieht man also von Los Angeles, wenn nicht die Inneneinrichtung eines Busses? Zum Beispiel das County Museum of Art. Auf den ersten Blick die übliche Sammlung jedes amerikanischen Kunstmuseums, das etwas auf sich hält: Rubens, Monet, Picasso, Pollock. Großartige Bilder – wäre die Zusammenstellung bloß nicht so berechenbar. Es ist, als dürfte man den ganzen Tag über nur Greatest-Hit-Alben hören. Neben den üblichen Verdächtigen gibt es im County Museum aber auch die Baumwollpflücker von Winslow Homer und René Magrittes berühmte (Nicht-)Pfeife. Außerdem eine exzellente Sammlung aus der Weimarer Republik samt Wahlplakaten und Fritz-Lang-Filmen. 

Sehenswert auch das Getty Center, ein Kunstzentrum aus den neunziger Jahren, hoch auf einem Berg über der Stadt mit Blick auf Pazifik, Wolkenkratzer und den Stau auf der zehnspurigen Autobahn 405. 

Alles in allem ist Los Angeles keine langweilige Stadt, aber nicht annähernd so spannend wie Kaliforniens zweite Metropole. Reiseempfehlung: ein Tag Los Angeles, eine Woche San Francisco.

Im County Museum von Los Angeles ist übrigens derzeit die Fußball-Installation Deep Play von Harun Farocki zu sehen.



Vor anderthalb Jahren habe ich mir Farockis Installation noch auf der Documenta 12 in Kassel angeschaut. Hessen rückt näher.

Dienstag, 13. Januar 2009

Die letzten Serpentinen

Von San Francisco nach Los Angeles. Erster Abstecher nach Palo Alto, wo der mickrige Beginn einer Boomregion zu sehen ist: die kleine Holzgarage, in der zwei Tüftler die Geschichte von Hewlett-Packard begannen – und damit die Geschichte des Silicon Valley. Keine zehn Minuten Autofahrt entfernt steht die Firmenzentrale des Informationsriesen Google. Vor dem Haupteingang parkt ein fahrender Friseurladen. Google nimmt seinen Mitarbeitern offensichtlich jede noch so kleine Last des Alltags ab. 

Nicht weit entfernt die Firmensitze von Apple und Intel – beide architektonisch enttäuschend. Da macht der Rundbau des schwäbischen Computerhändlers Datagroup an der Bundesstraße 27 bei Pliezhausen-Gniebel noch mehr her.

So malerisch wie in jedem Kalifornien-Reiseführer versprochen, windet sich der Highway 1 an der Pazifikküste entlang. Tolle Blicke auf den Ozean und Kurven, die man nur im ersten Gang fahren kann. Enttäuschend hingegen Carmel-by-the-Sea, angeblich ein Künstlerdorf, tatsächlich aber wohl eher eine Schicki-Micki-Siedlung mit einigen geschmacklosen Galerien. Zumindest einen schönen Strand hat der Ort. 

Rund 150 Kilometer südlich liegt Hearst Castle, die pseudoeuropäische Traumburg des Zeitungsverlegers William Randolph Hearst. Das waren noch Zeiten, als sich Zeitungsverleger solche Paläste bauen konnten. Hearst ist 1951 gestorben.

Anständige Journalisten

Präsident Bush hat am Montag sein nach eigenen Worten „ultimatives Entlassungsgespräch“ geführt und ist in der letzten Pressekonferenz seiner Präsidentschaft dem Vorwurf entgegengetreten, seine Handlungen seien schädlich gewesen für das moralische Ansehen der Nation [...] Zum letzten Mal hatte Bush zuvor in Bagdad auf Fragen von Journalisten geantwortet. Damals hatte ein irakischer Journalist für internationale Schlagzeilen gesorgt, als er einen Schuh auf Bush geworfen hatte. Die Pressekonferenz am Montag umfasste nur Fragen, keine Schuhe [...]

Sonntag, 11. Januar 2009

Ein Land für sich

Vielleicht braucht jede schöne Stadt einen hässlichen Ort, an dem sich der schlechte Teil des Tourismus austoben kann, damit sie in den übrigen Vierteln ihren Charakter bewahren kann. San Franciscos hässlicher Ort ist der Fisherman’s Warf, ein Hafenimitat zur Touristenbespaßung und -abzocke. Der Warf ist so schrecklich, dass die restliche Stadt eigentlich großartig sein müsste. Und sie ist es.

San Francisco ist vor allem kunterbunt. Da gibt es das Latino-Viertel The Mission, in dessen Restaurant Taqueria Cancun sich die jeunesse dorée trifft, um die besten Burritos der Stadt zu essen. Da gibt es das erstaunlich große und erstaunlich schöne Hochhausviertel im Financial District. Das Schwulenviertel The Castro, in dem Harvey Milk vor rund 40 Jahren als erster homosexueller Politiker der USA in ein wichtiges Amt gewählt wurde. Das UN-Denkmal nahe dem pompösen Rathaus – die Charta der Vereinten Nationen wurde 1945 in San Francisco unterzeichnet –, an dem nur Obdachlose sitzen. Und nebenan das malerische Reichenviertel Pacific Heights mit einem noblen deutschen Generalkonsulat.

Der Eindruck auf der Straße: Verglichen mit den Metropolen der Ostküste ist San Francisco wärmer, entspannter, jünger, linker.

Wer sich als Besucher San Franciscos unamerikanisch verhält, kann sogar die bekanntesten Touristenattraktionen genießen. Zum Beispiel das Auto stehen lassen und mit dem Fahrrad über die Golden Gate Bridge fahren. Spät ins Bett gehen und abends im leer gewordenen Cable Car über die Hügel der Stadt fahren. Früh am Morgen aufstehen und den Blick genießen vom noch kaum besuchten Alamo Square auf die Stadtvillen im viktorianischen Stil, hinter denen sich die Skyline des Bankenviertels erhebt.

Ich sehe San Francisco zu einer Zeit, in der sich alte Wunden gerade wieder öffnen. Vor wenigen Tagen kam es zu Straßenschlachten, nachdem ein Polizist einen Schwarzen erschossen hatte, der unbewaffnet auf einem Bahnsteig lag. Im plüschigen Kino des Schwulenviertels The Castro läuft demnächst der Film über Harvey Milk an, über den Erfolg und schließlich die Ermordung des homosexuellen Politikers. Und es gibt neue Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen. Während ich über die Golden Gate Bridge fahre, demonstrieren vor dem Rathaus Israelis und Palästinenser.

Im Caffe Trieste erzählt uns ein Stammgast eine Mischung aus kruden Verschwörungstheorien und interessanten Erfahrungen in San Francisco. „Diese Stadt ist ein Land für sich“, sagt der vielleicht 60-Jährige beim Espresso. „Wenn die Polizei auf einen Kriminellen stößt, der anderswo mit Haftbefehl gesucht wird, lässt sie ihn meistens laufen. Das ist ja nicht unsere Angelegenheit.“ San Francisco sei die liberalste Stadt der USA – und zugleich so diskriminierend wie keine andere Metropole Amerikas. „Wir haben hier viele Minderheiten, aber jede Gruppe zieht sich vollkommen in ihr eigenes Viertel zurück. Hier sind wir zum Beispiel in Little Italy. Schau dich um – siehst du hier einen einzigen Schwarzen?“ Nein.

Samstag, 10. Januar 2009

Kulturschock

Am Freitagmorgen noch durch das verschneite Yosemite Valley zum Grantifelsen El Capitan gewandert, am Nachmittag schon in San Francisco. Nach fünf Tagen in der Provinz zurück im modernen Amerika. Wieder New York Times lesen. Mittagspause zwischen einem Kaffeehaus von Starbucks und einem Öko-Supermarkt von Wholefoods. 

Gerade einmal 200 Kilometer im Auto gefahren und schon in einer anderen Welt angekommen.

An solchen Tagen kann man ermessen, wie tief der Riss tatsächlich ist, der durch die amerikanische Gesellschaft geht. Der Riss zwischen den Naturburschen und Waffenbesitzern aus der fly-over zone und den Fans der liberal media elite an den Küsten. 

Die USA sind tatsächlich das Land der Gegensätze: Die Großstädte mondäner als Berlin, die Siedlungen auf dem flachen Land provinzieller als das kleinste Dorf auf der Schwäbischen Alb.

Donnerstag, 8. Januar 2009

Das schönste Tal

Ein ruhiger Tag im Yosemite National Park. Mit dem Bus auf mehr als 2000 Meter Höhe in das Haupttal. Wäre das Wort nicht so abgenutzt, müsste man den Anblick majestätisch nennen. Mächtige Berge an allen Seiten, weite Schneefelder, glasklares Wasser im Merced River, ein mehr als 700 Meter hoher Wasserfall. Schöner kann ein Tal nicht sein. 


Im ganzen Yosemite Valley ein Harzgeruch, als habe man gerade einen Weihnachtsbaum aus dem Wald geholt und im Auto die Heizung aufgedreht. 

Wieder unverschämtes Glück mit dem Wetter: nicht zu kalt, blauer Himmel, weite Sicht. Und am Abend geht über der Bergkuppe des North Dome der Vollmond auf.

Im Tal des Todes

Nach Hunderten Kilometern durch die Wüste von Arizona und Nevada am Dienstag zurück nach Kalifornien, in die heißeste Wüste der USA, das Death Valley. Tatsächlich ist das Tal des Todes noch trockener, noch wärmer (selbst im Januar sind es 20 Grad) und noch lebensfeindlicher als die Wüsten ringsum. Aber auch schöner. An der Artist’s Palette färben Mineralien die Berge in Pastelltönen; am Devil’s Golfcourse wird der Boden von bizarren Salzkristallen geformt; im engen Mosaik Canyon fühlt man sich wie im Western kurz vor dem Indianerüberfall.



Was man zuvor auch alles über Wüsten gelesen hat – der Eindruck im Death Valley ist überwältigend. Selbst im Januar, dem kältesten Monat im Tal des Todes, kommt man ins Schwitzen. Der Boden macht das Laufen fast unmöglich, mal mit spitzen Steinen, mal mit feinkörnigem Sand. Eine riesige Freude, am Abend die Oase Furnace Creek mit ihren Palmen zu sehen – das erste Grün des Tages.

Das Death Valley ist schön und gefährlich zugleich. Was sollte in der Wüste auf keinen Fall passieren? Ein platter Reifen. So geschehen am Mittwoch um 14 Uhr. Mit dem Ersatzreifen 70 Kilometer bis zur nächsten Werkstatt geschlichen. In Lone Pine, einem kleinen Städtchen am Wüstenrand, das nach zwei Tagen im Death Valley wie eine Metropole wirkt, einen Automechaniker gefunden. In 15 Minuten ist der Reifen auf wundersame Weise mit antiken Werkzeugen repariert. Es kann weitergehen in das 550 Kilometer entfernte Merced am Fuß des Yosemite National Park.

Ein surrealer Tag. Erst der Reifenplatzer in der Wüste. Dann auf dem Weg nach Lone Pine Kampfflugzeuge von einem nahen Militärgelände im Tiefflug über dem Auto. Schließlich auf dem Weg nach Merced in der Sierra Nevada plötzlich undurchdringlicher Nebel auf der Autobahn, der so schnell wieder verschwindet wie er gekommen ist. Zeit für einen ruhigeren Tag.