Vielleicht braucht jede schöne Stadt einen hässlichen Ort, an dem sich der schlechte Teil des Tourismus austoben kann, damit sie in den übrigen Vierteln ihren Charakter bewahren kann. San Franciscos hässlicher Ort ist der
Fisherman’s Warf, ein Hafenimitat zur Touristenbespaßung und -abzocke. Der
Warf ist so schrecklich, dass die restliche Stadt eigentlich großartig sein müsste. Und sie ist es.
San Francisco ist vor allem kunterbunt. Da gibt es das Latino-Viertel
The Mission, in dessen Restaurant
Taqueria Cancun sich die
jeunesse dorée trifft, um die besten Burritos der Stadt zu essen. Da gibt es das erstaunlich große und erstaunlich schöne Hochhausviertel im
Financial District. Das Schwulenviertel
The Castro, in dem
Harvey Milk vor rund 40 Jahren als erster homosexueller Politiker der USA in ein wichtiges Amt gewählt wurde. Das UN-Denkmal nahe dem pompösen Rathaus – die Charta der Vereinten Nationen wurde 1945 in San Francisco unterzeichnet –, an dem nur Obdachlose sitzen. Und nebenan das malerische Reichenviertel
Pacific Heights mit einem noblen deutschen Generalkonsulat.
Der Eindruck auf der Straße: Verglichen mit den Metropolen der Ostküste ist San Francisco wärmer, entspannter, jünger, linker.
Wer sich als Besucher San Franciscos unamerikanisch verhält, kann sogar die bekanntesten Touristenattraktionen genießen. Zum Beispiel das Auto stehen lassen und mit dem Fahrrad über die
Golden Gate Bridge fahren. Spät ins Bett gehen und abends im leer gewordenen
Cable Car über die Hügel der Stadt fahren. Früh am Morgen aufstehen und den Blick genießen vom noch kaum besuchten
Alamo Square auf die Stadtvillen im viktorianischen Stil, hinter denen sich die Skyline des Bankenviertels erhebt.
Ich sehe San Francisco zu einer Zeit, in der sich alte Wunden gerade wieder öffnen. Vor wenigen Tagen kam es zu
Straßenschlachten, nachdem ein Polizist einen Schwarzen erschossen hatte, der unbewaffnet auf einem Bahnsteig lag. Im plüschigen Kino des Schwulenviertels The Castro läuft demnächst der
Film über Harvey Milk an, über den Erfolg und schließlich die Ermordung des homosexuellen Politikers. Und es gibt neue Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen. Während ich über die
Golden Gate Bridge fahre, demonstrieren vor dem Rathaus Israelis und Palästinenser.
Im
Caffe Trieste erzählt uns ein Stammgast eine Mischung aus kruden Verschwörungstheorien und interessanten Erfahrungen in San Francisco. „Diese Stadt ist ein Land für sich“, sagt der vielleicht 60-Jährige beim Espresso. „Wenn die Polizei auf einen Kriminellen stößt, der anderswo mit Haftbefehl gesucht wird, lässt sie ihn meistens laufen. Das ist ja nicht unsere Angelegenheit.“ San Francisco sei die liberalste Stadt der USA – und zugleich so diskriminierend wie keine andere Metropole Amerikas. „Wir haben hier viele Minderheiten, aber jede Gruppe zieht sich vollkommen in ihr eigenes Viertel zurück. Hier sind wir zum Beispiel in Little Italy. Schau dich um – siehst du hier einen einzigen Schwarzen?“ Nein.