Weit hinter der Grenze, tief in Amerika, liegt die Hauptpost. Und in der Hauptpost liegt ein Paket für mich. Also auf den Weg. Es ist ein sonniger Herbsttag und mein Stadtplan vermerkt einen Fußweg mit dem schönen Namen „Visionenpfad“, der direkt an der Hauptpost vorbeiführen soll. Also laufe ich los. Ein Fehler.
Nach zwei Monaten in Yale habe ich offensichtlich vergessen, dass ich in Amerika bin. Hier läuft man nicht zu Fuß. Aus gutem Grund.
Die Gebäude entlang des „Visionenpfades“ werden immer schäbiger; es geht unter einer Eisenbahnbrücke entlang und dann an einem Schrottplatz vorbei. Mir kommt ein Schwarzer im Anzug mit seinem SUV entgegen. Ob ich zur Post wolle, fragt er. Und als nächstes, ob ich aus Europa komme. Offensichtlich bin ich kein Einzelfall.
Auch er muss ein Paket abholen – und nimmt mich einfach mit. So kann es auch gehen. Merke: Die Vorteile der Deutschen über die USA müssen nicht stimmen – und die Vorurteile der Amerikaner über ihre Mitbürger noch viel weniger.
Mein Fahrer ist nach einer halben Minute bei dem Thema: der Finanzkrise. Er habe ein Bauunternehmen, in dem es gerade nicht gut laufe. Aber wenn er Probleme habe, helfe ihm der Staat nicht mit Milliarden. Auch in der Warteschlange vor dem Postschalter ist die Finanzkrise das einzige Thema. Und der Zweckoptimismus, der noch vor wenigen Wochen herrschte, ist plötzlich verschwunden.
Die Hauptpost von New Haven (links im Bild) liegt verkehrsgünstig – wenn man ein Auto hat. Der graue Flachbau erstreckt sich im Industriegebiet zwischen zwischen zwei Autobahnen. Wer kein Auto besitzt, aber ein Paket zu tragen und genug Erfahrungen mit dem „Visionenpfad“ gesammelt hat, muss auf den Bus warten.
Die Bushaltestelle ist ein Grasstreifen (am rechten Bildrand zu erkennen). Das erfährt man nach bohrendem Fragen von den Postbeamten. Ein Hinweisschild oder gar ein Wartehäuschen gibt es nämlich nicht. Busfahren ist in Amerika die letzte Option – das Verkehrsmittel der Unterschicht.
PS. Der großartige Jonathan Franzen hat in seinem großartigen Essay-Band „How to be alone“ ein großartiges Stück über die Zustellprobleme der Post in Chicago veröffentlicht. Franzen beschreibt auf rund zwanzig Seiten die Ineffizienzen einer großen Bürokratie, die Probleme der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft und das Sterben der amerikanischen Innenstädte. Und außerdem schreibt er brilliant. Sogar in einen Text über Postzustellprobleme kann Franzen spannend einsteigen:
Der Absturz der Post von Chicago begann, ehe die Öffentlichkeit die Vorzeichen bemerkte: bevor sich die unzustellbaren Briefe in jeder Ecke der Stadt stapelten, um das schuldige Management heimzusuchen – hundert Säcke monatealter Briefe im Laderaum eines Postlasters im Norden der Stadt, hundert Kilo neuer Briefe verbrannt unter einer Brücke im Süden Chicagos, mehr als 1500 Poststücke verrottend in einer flachen Kuhle unter einer Veranda im Westen der Stadt und eine Lastwagenladung Briefe und Pakete in der Toilette eines Briefträgers in einer Vorstadt.Wer will sich da noch über die Zustände in New Haven beschweren?

1 Kommentar:
Franzen ist wirklich großartig! Hast du auch Die Korrekturen gelesen? Eines meiner Favorites...
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