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Montag, 5. Januar 2009

Durch die Wüste



Am Sonntag sechs Stunden im Auto durch die Wüste, von Las Vegas zum Grand Canyon. Sechs Stunden im Nichts. Neben der Autobahn läuft eine Stromleitung entlang, ansonsten ahnt man kaum, dass es Menschen auf der Erde gibt. Nur Sand, rote Felsen, Gras und Büsche.



Alle 30 Minuten erinnert eine Siedlung schwach an die Zivilisation. Orte wie Ash Fork und Kingman, Karikaturen einer amerikanischen Stadt. Tankstellen, Fast-Food-Restaurants, Motels, einige klapprige Wohnhäuser. Das war es.





In der Wüste von Arizona fährt man nicht Auto, man cruist. Eine schnurgerade Autobahn, fast kein Verkehr. Da reicht eine Hand am Lenkrad. Die Füße braucht man meistens gar nicht, weil der Tempomat die Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern hält. Gelegenheit zum Panoramablick auf die Lucky-Luke-Landschaft.

Erst im Dunkeln Ankunft am Südrand des Grand Canyon. Nachts noch einmal an die Schlucht gelaufen. Der Mond leuchtet die Nordseite sanft aus. Der Himmel ein Farbverlauf von Dunkelblau nach Schwarz. Hunderte Sterne zu sehen; je länger man nach oben schaut, desto mehr werden es. Vollkommene Stille.

Vor nicht einmal zwei Wochen auf der Spitze des Rockefeller Center in New York. Das Lichtermeer von Manhattan bei Nacht. Reklameleuchten, Scheinwerfer, Autolichter. Am Himmel kaum ein Stern auszumachen. Fröhlicher Lärm von Menschen aus aller Welt, den man noch 72 Stockwerke über dem Grund hört.

Zwei Momente, wie sie unterschiedlicher nicht seien können. Aber beide so erhaben, dass man sich fast schämt für die eigene Rührung.

Über den Wolken

Am Samstag Flug quer über die USA, von New York nach Los Angeles. Beim Start ein vorerst letzter Blick auf Manhattan: die langen Avenues, die Wolkenkratzer, der Central Park. Nach wenigen Minuten verschwindet die dicht besiedelte Ostküste aus dem Blick.

Während der nächsten sechs Stunden Flug sieht man Berge (Appalachen, Rockie Mountains), Wüste (in Utah und Arizona) und endlose Felder (so ziemlich überall sonst). Kurz gesagt: die fly-over zone. Faszinierend der Blick auf Kansas. Dort haben die Landwirte mit ihren Feldern riesige Vierecke und Kreise auf den Boden gemalt, die sich im Januar in tausend Brauntönen aneinanderreihen. Kunst aus Zufall.

Die letzten Minuten über den Vororten von Los Angeles, die zu einer einzigen Megastadt zusammengewachsen sind. Im Schachbrettmuster reihen sich die Einfamilienhäuser aneinander. Block um Block. Hunderte Blocks, Tausende Blocks. Fast enttäuschend danach der Blick auf das kleine Hochhausviertel von Los Angeles.

Während des Fluges über die USA nebenher eine halbe Packung Nürnberger Spekulatius gegessen, die noch von einem Weihnachtspaket übrig war, und im Bordfernsehen auf CNN verfolgt, wie israelische Soldaten in den Gazastreifen einmarschieren.

Winter im Nordosten

Zwei Wochen in den Metropolen der Ostküste sind vorüber. Das Programm: New York, Washington, Philadelphia, Boston.

Top:
  • Nach all dem blinkenden Kitsch in New Haven endlich einmal schöne Weihnachtsdekoration. Meine Favoriten: die elegante Kulturabteilung der französischen Botschaft an der Fifth Avenue in New York und das stilsichere Thomas Bond House in Philadelphia.
  • Das Nationalarchiv in Washington. In der Dauerausstellung zu sehen: die Originale von Magna Carta, amerikanischer Unabhängigkeitserklärung, US-Verfassung und Bill of Rights. So viele übertriebene Propagandafilme kann man gar nicht gesehen haben, dass man beim Blick auf diese Dokumente nicht begeistert ist von Amerika.
  • Abends auf der National Mall in Washington am Reflecting Pool entlang gelaufen, immer weiter auf das Lincoln Memorial zu. Erst nach diesem Erlebnis weiß man, wie großartig das New-Yorker-Cover nach dem Wahlerfolg des Lincoln-Fans Obama eigentlich war.

Flop:
  • Der Brickskeller in Washington, angeblich die Kneipe mit der größten Bierauswahl der Welt. Eigener Versuch mit niederschmetterndem Ergebnis: Jever ist nicht vorrätig, Paulaner steht auch nur zum Schein auf der Karte. Immerhin kann man ein Pilsner Urquell bekommen. Aber das schmeckt nur noch goal*.
  • Der Winter ist im Nordosten der USA kalt. Richtig kalt. Und in den Hochhausschluchten von New York elend kalt.

* (oberhessisches Adjektiv, bezeichnet den faden Geschmack eines Bieres, das während der Lagerung mehrmals warm und kalt geworden ist)

Samstag, 27. Dezember 2008

Eine unmögliche Zeitschrift

Diese Zeitschrift macht alles falsch. Sie bringt furchtbar lange Texte über entlegene Themen, gern über die Innenpolitik afrikanischer Kleinstaaten. Es gibt überhaupt keine Fotos. In den Textwüsten verstecken sich stattdessen Karikaturen, die mit den Artikel nichts zu tun haben. Das Magazin beginnt nicht mit einer atemberaubenden Bildstrecke, sondern mit klein gedruckten Kulturterminen. 

Und doch ist der New Yorker die beste Zeitschrift der Welt. Man muss sich nur die aktuelle Weihnachtsausgabe ansehen. Ein großartiges Cover mit dem Gemäde „Minimal Christmas“ von Bob Staake im Stil Piet Mondrians. 



Im Innenteil ein bissiger Politik-Kommentar von Hendrik Hertzberg, einfallsreiche Feuilletons wie Lauren Collins Notizen zur Einkaufstauschenmode in der Wirtschaftskrise, großartige Kurzgeschichten wie „Another Manhattan“ von Donald Antrim. 

Was will man mehr?

Freitag, 26. Dezember 2008

Museumstour durch New York

Reizüberflutung und Bildungsüberforderung – das Metropolitan Museum of Art in New York ist der amerikanische Louvre. Eine riesige Sammlung fantastischer Kunst, aber leider unübersehbar, von chinesischen Vasen über einen ägyptischen Tempel und deutsche Gemälde des Mittelalters bis zu Werken Andy Warhols. Wer soll das alles einordnen können? Wahrscheinlich kann es niemand, aber das ist auch nicht nötig. Es genügt schon, vor Pieter Brueghels Ernte-Bild oder Arnold Böcklins „Toteninsel“ im Original zu sehen und einfach nur zu staunen.

Dem Met gegenüber steht an der Fifth Avenue die Neue Galerie, eine Sammlung deutscher und österreichischer Kunst aus der Zeit um 1900. So nah sich die Museen geographisch sind, so stark unterscheiden sie sich inhaltlich. Das Met wirkt riesig und überladen, bei der kleinen Neuen Galerie scheint alles aus einem Guss zu sein. Das Gebäude, die Möbel, das Grafikdesign – alles passt perfekt zusammen. Im Moment kommt noch eine düstere, aber faszinierende Sonderausstellung über Alfred Kubin hinzu.

Das Museum of Modern Art gilt offensichtlich als touristisches Muss in New York. Durch die fünf Stockwerke drängen sich jedenfalls riesige Menschenmassen – im schlimmsten Fall kaugummiblasenerzeugend, einhändig videofilmend und handykamerknipsend. Vielleicht sollten sich die Kunstwerke an Bertolt Brecht halten, das Museum auflösen und neue Besucher wählen. Bis dahin muss man eben den Standplatz gegen die strömenden Massen verteidigen – etwa vor Matisses „Tanz“ und den „Campbell’s Soup Cans“ von Andy Warhol. Großartig auch Vincent van Goghs „Nachtcafé“, dem ich hinterher reisen musste – als Leihgabe der Yale University Art Gallery hängt das Gemäde derzeit im Moma.

Letzte Station: das Guggenheim Museum. Ein wunderschöner weißer Bau an der Fifth Avenue, der sich reichstagskuppelmäßig in Spiralen nach oben windet. Aber leider auch ein Gebäude, das sich selbst zu wichtig nimmt und an jeder Stelle ruft: Bewundere mich! Die eigentliche Ausstellung droht dabei unterzugehen. Schade, sind doch gerade die genuin amerikanischen Fotografien von Catherine Opie sehenswert.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Zwei Schläfer



In der Skulpturenhalle des Metropolitan Museum of Art in New York.
Ein Foto aus der Handykamera-Serie.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Tschüss, Yale

Das war’s. Das letzte Aufgabenblatt ist eingereicht, die letzte Klausur geschrieben, der Schlüssel für die Fakultät zurückgegeben. Tschüss, Yale.

Das Semester endete im Schneegestöber. Seit Freitag versinkt New Haven im Winter. Der erste Schnee war noch großartig, inzwischen ist er eher hinderlich auf dem Weg zur Union Station.

Denn statt New Haven steht jetzt New York auf dem Programm. Das Wochenend-Programm war großartig, vom Essen in Koreatown bis zum Besuch in der Neuen Galerie, die unmittelbar am Central Park eine fantastische Sammlung deutscher Kunst aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt. Was man in New York alles findet. 

Montag, 10. November 2008

Glockengeläut in der Shopping Mall

Über das Wochenende bei Freunden in Washington.
  • Busfahrt in die Hauptstadt. Das Ticket bestellt man im Internet, die Bestätigung erhält man als SMS auf das Handy gesendet. Beim Einsteigen steht der Busfahrer vor der Tür. Die Fahrgäste laufen an ihm vorbei und halten ihm, einer nach dem anderen, das Handy vor die Augen.
  • Ein Zaun um das Kapitol, daran ein Schild mit der Erklärung: Es wird für die Amtseinführung von Obama am 20. Januar gebaut. Die Bühne ist schon fast fertig.
  • Für den Kurs in Behavioral Economics einen Text über die wirtschaftlichen Probleme der Schwarzen gelesen. Das Kapitel beginnt mit einem Zitat von Martin Luther King: „Wenn wir die Friedensglocken klingen lassen in jedem Dorf und in jedem Weiler, in jedem Staat und jeder Stadt, dann eilen wir dem Tag entgegen, an dem Schwarze und Weiße sich die Hände reichen und mit den Worten eines alten Gospels singen: Endlich frei!“ Am nächsten Tag in einer shopping mall. Glockengeläut. Vor dem Eingang zum Konsumtempel sitzt ein Schwarzer im Rollstuhl und versucht, Süßigkeiten aus schmutzigen Körben zu verkaufen. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, läutet er eine Glocke.
  • In der U-Bahn kommen deutsche Au-pair-Mädchen in den Waggon. Man hört Fetzen der Unterhaltung: „Scheiße ... warum muss ich ... jedes Mal ... immer der gleiche Mist.“ 
  • Busfahrt nach New York. Mein Nachbar schiebt eine DVD in seinen Laptop. Schwenk über die Skyline von Manhattan. Ich schaue aus dem Fenster, drehe den Kopf zur Seite: Schwenk über die Skyline von Manhattan.
  • Der Freudenschrei einer Freundin aus dem Schwarzwald, zum Praktikum in Washington. Ihr Heimatverein hat das Fußballspiel gegen den SV Musbach mit 2:1 gewonnen. Das Internet reißt jede Distanz ein. Man kann in den USA studieren und arbeiten, ohne zu Hause den Anschluss zu verpassen. Zwei Leben parallel. In den Nachrichten interessieren mich an erster Stelle Barack Obama und das Schicksal der USA, an zweiter Stelle Thorsten Schäfer-Gümbel und der Flughafen Kassel-Calden.

Montag, 20. Oktober 2008

New York, New York



Nach fast zwei Monaten in New Haven endlich mal wieder raus. Am Samstag in New York, nicht einmal zwei Stunden Zugfahrt entfernt. Ein echter Kulturschock: Um kurz vor sieben Uhr abends noch auf dem Times Square in New York, um kurz nach neun zurück in der Bibliothek in New Haven.

PS. Hier gibt es die Fotos in einem eigenen Fenster zu sehen.

Freitag, 26. September 2008

Ablenkung von der Krise

Das Feuilleton ist für die Zeitungen ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger (...) Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung.
Joseph Roth
Einer der besten Artikel zur Finanzkrise steht heute in der New York Times, aber nicht im Wirtschaftsteil. Susan Dominus berichtet einmal nicht über Kreditlinien und Zwangsversteigerungen, sondern schildert in ihrer Reportage einen Sonderverkauf des Luxushändlers Hermès nahe der Wall Street:
Es ist nicht so, dass die Frauen in der Schlange den Geruch von Finanzdesaster nicht wahrnehmen, der in der Luft liegt. Ganz im Gegenteil. Mehr als eine Frau kam zur Hermès-Filiale, um der Krise zu entfliehen. „Ich brauche einfach eine Pause“, sagte eine Bankerin. (...)

Die Käuferin wollte weder ihren Namen noch ihren Arbeitgeber preisgeben. Denn eigentlich hätte sie an ihrem Schreibtisch sitzen müssen – unter diesen Umständen. „Sagen wir einfach, dass es meine Bank noch gibt. Das schränkt die Auswahl ja auf etwa vier Unternehmen ein.“ (...)

„Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, ist so ein Sonderverkauf erst recht ein Grund, sich etwas Schönes zu kaufen“, sagte eine junge Frau im dunklen Hosenanzug. Wie die Bankerin vor ihr in der Schlange wollte sie ihren Namen nicht nennen, weil sie eigentlich im Büro sein sollte – in ihrem Fall, um einen Bericht an die Finanzaufsicht vorzubereiten.

Sie klemmte das Wall Street Journal unter ihren Arm. „Kauf dir was Schönes, und du siehst gut aus. Wenn du gut aussiehst, fühlst du dich gut. Falls dein Job unsicher ist und du den vollen Preis bezahlen musst, ist die Lust am Einkaufen weg.“

Nach dem 11. September gab es viele Gewissheiten, die im Rückblick absurd erscheinen – dass die Zeit der Ironie vorüber sei oder dass Shoppen die Wirtschaft stärke und deshalb eine patriotische Tat sei. Merkwürdig, dass genau dieses Argument – einkaufen, um Amerika zu stärken – am Donnerstagnachmittag in der Schlange vor Hermès nicht genannt wurde, obwohl fast alle anderen Argumente fielen. (...)