Im 17. Stock verschwand das Geld. Die New York Times beschreibt, wie Bernard Madoff jahrelang in einem New Yorker Hochhaus mit weniger als zwei Dutzend Mitarbeitern ein milliardenschweres Schneeballsystem am Laufen hielt. Die Idee selbst ist wahrscheinlich der älteste Finanztrick der Menschheit: Sammle neues Geld ein, das du an deine alten Gläubiger ausschüttest, und schaffe die ursprünglichen Einlagen zur Seite. Das Spiel kann man immer weiter treiben – bis es irgendwann zusammenbricht. Zum Beispiel, weil eine Finanzkrise daherkommt und viele Anleger aus Furcht ihr Geld abziehen wollen. Und weil man gerade in Krisen nicht genug neues Geld einsammeln kann, um die alten Anleger auszuzahlen, fällt das Kartenhaus in sich zusammen. Eine schöne Beschreibung solcher Schneeballsysteme liefert Bob Shiller im vierten Kapitel seines Buchs über Finanzkrisen.
Jetzt, da die Krise in vollem Lauf ist, wollen es ganz viele schon immer gewusst haben. Wie aber kann man die angeblichen von den echten Propheten unterscheiden? Michael Lewis wählt im Portfolio-Magazin eine kluge Strategie: Er sucht nach Marktbeobachtern, die nicht nur geredet, sondern auch mit ihrem eigenen Geld auf einen Absturz des Immobilienmarkts und der Hypothekenbanken spekuliert haben. Diese Propheten müssen die echten sein. Fündig wird Lewis unter anderem bei Steve Eisman, der durch die Finanzkrise reich wurde. Schon in den neunziger Jahren bezeichnete Eisman als Analyst erstmals eine Hypothekenbank als Insolvenzfall. Daraufhin wehrten sich die Banker: Ihr Institut sei gegen alle Entwicklungen abgesichert. Im nächsten Gutachten schrieb Eisman, die Bank sei tatsächlich perfekt gegen Änderungen immunisiert: Sie werde in jedem vorstellbaren Marktumfeld Geld verlieren. Einige Monate später ging die Bank in die Insolvenz.
40 Milliarden Dollar Schulden – und trotzdem hat jahrelang niemand bemerkt, wie es um XYZ stand. Dabei machte die Firma alle Zahlen öffentlich. Nur hat sie niemand gelesen. Oder verstanden. Und wer ist daran schuld?
So fragte das Wirtschaftsmagazin brand eins schon im Sommer 2007 (in einem übersetzten Artikel aus dem New Yorker). Die These: Skandale werden heute nicht mehr durch Journalisten aufgedeckt, die geheime Dokumente in der Tiefgarage zugesteckt bekommen. Sondern durch Analysten, die all die tausend öffentlich verfügbaren Informationen zu einem großen Bild zusammenlegen, das außer den Betrügern noch niemand gesehen hat. Ironischerweise ist der brand-eins-Artikel selbst die beste Bestätigung dieser Thesen. Denn die Firma XYZ im Vorspann war nicht etwa ein windiger Immobilienfinanzierer des Jahres 2007, sondern der betrügerische Energiekonzern Enron, Insolvenzjahrgang 2001. Das neue große Bild, das Bild der Immobilienkrise, hatte auch brand eins im Sommer 2007 noch nicht zusammengesetzt.
2 Kommentare:
Ja ja das "Looting", aber die Leute fallen immer wieder aufs Neue drauf rein...
Das ist wohl wirklich ein zeitloses Phänomen. Die letzten beiden Sätze aus dem Artikel von Lewis:
„Something for nothing. It never loses its charm.“
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