Montag, 13. Oktober 2008

Nachtgedanken

Diese Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes. Die Leute gehen täglich ihren Geschäften nach, aber das Fundament gerät ins Wanken. Mit jedem Tag der Finanzkrise wächst das Gefühl, dass etwas zu Ende geht.

Vorüber scheint die great moderation, die in den vergangenen 20 Jahren die Weltwirtschaft stabilisierte. Die wichtigsten Größen – Volkseinkommen, Arbeitslosigkeit und Inflation – schienen sich einzupendeln. Fast jeder Staat, der sich an Demokratie und Marktwirtschaft hielt, war erfolgreich. So einfach wird Wirtschaftspolitik auf absehbare Zeit nicht mehr sein.

Wuchert die Aggression gegen die Finanzmärkte aus zur Wut auf die Globalisierung? Bislang konnte es sich die Mehrheit in den Industrieländern einfach machen, „Globalisierung als Schimpfwort benutzen und gleichzeitig von ihren süßen Früchten naschen“ (Harvard-Ökonom Dani Rodrik). Nun wächst die Angst vor einem unkontrollierbaren Weltmarkt, dem selbst die Regierungen machtlos gegenüberstehen. Es wäre nicht der erste Bruch mit der Globalisierung. In seinem Buch „Die Konsequenzen des Krieges“ beschrieb John Maynard Keynes 1919 die wirtschaftliche Freiheit vor dem Ersten Weltkrieg:
Der Bewohner Londons konnte, während er im Bett seinen Morgentee trank, über das Telefon die verschiedensten Produkte aus der ganzen Welt in beliebiger Menge bestellen und ihre baldige Lieferung erwarten. Er konnte zur gleichen Zeit und auf gleichem Wege seinen Wohlstand mehren mit Investitionen in Rohstoffe und neue Unternehmen in jeder Gegend der Welt.
Bis das alles wieder möglich war, sollten noch Jahrzehnte vergehen.

Und heute stehen die USA im Auge des Sturms. Eine Nichtmehrsosupermacht, deren Infrastrukur ebenso verlottert wie ihr Ansehen in der Welt. Zerrissen zwischen progressiver Küste und konservativem Herzland, zwischen Superreichen und Bettelarmen, zwischen Weißen und Schwarzen. Ein Land, das sich in der Mitte teilt, wenn man seinen Bürgern die beiden Gretchenfragen stellt: Nun sag, wie hast du’s mit der Abtreibungsfrage? Nun sag, wie hast du es mit dem Waffenbesitz? Ein Land, das Generationen Freiheit und Wohlstand versprochen hat. Die Freiheit ist schon bedrängt, nun gerät auch noch der der Wohlstand in Gefahr.

Aber wahrscheinlich ist das alles viel zu pessimistisch. Hoffentlich.

1 Kommentar:

Wolfgang hat gesagt…

Du hast die dritte Gretchenfrage vergessen: Wie hälst dus mit der Schwulenehe? ;)

Die Amis hatten eben schon immer ein Gespür für die entscheidenden Fragen...