Freitag, 31. Oktober 2008

Von Lachsbrötchen, Mathematik und Kreuzzügen

Fast hätte ich mich an meinem Lachsbrötchen verschluckt. Es war im vergangenen Herbst auf einer Pressekonferenz im piekfeinen Stuttgarter Hotel am Schlossgarten. Häppchenjournalismus der gehobenen Klasse. Ein Manager regte sich über die praxisferne Uni-Ausbildung auf. Ob er ein Beispiel nennen könne, fragte ein Presse-Kollege. Und was fiel dem Manager spontan ein? Das VWL-Studium in Tübingen. Da habe er neulich mal die Mathematik-Klausuren gesehen. So etwas Schwieriges. Wer das bloß können solle. Und wozu das überhaupt gut sein soll. So etwas brauche man später doch nie wieder zu wissen.

Von wegen. Jedenfalls, wenn „später“ das Graduiertenstudium in Yale ist. Beim Lernen für die Statistik-Klausur am Montag wird klar: Man muss das alles wissen. Und noch viel mehr. Tatsächlich wird VWL an den führenden Graduiertenschulen in Amerika als angewandte Mathematik gelehrt – was nicht nur für Begeisterung sorgt. Vor allem im Moment, da all die schönen, komplizierten Modelle so überhaupt nicht in der Lage zu sein scheinen, die größte Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten zu erklären. Eine Generalkritik von Arnold Kling:
Die Ökonomen haben sich in den vergangenen 30 Jahren darauf konzentriert, statistische Pornopgraphie zu produzieren, mit der junge Männer ihre Sucht nach mathematischer Selbstbefriedigung stillen können.

Meine Hauptkritik an den Ökonomen ist, dass ihre Standard-Modelle so schlecht erklären, was gerade passiert. Die Modelle aus den Lehrbüchern sind quasi nutzlos.

Makroökonomik, wie sie an den Graduiertenschulen gelehrt wird, ist noch schlimmer. Sind endlich die Kurse abgeschafft worden, in denen angenommen wird, dass rationale Agenten Euler-Gleichungen lösen können? Sind die Professoren gefeuert worden, die solche Kurse unterrichtet haben? Warum nicht?

Das ist zweifellos vollkommen überzogen. Auf der anderen Seite schrieb schon Fontane im Stechlin:

Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, dass Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei vernachlässigt, und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!

3 Kommentare:

aho hat gesagt…

Die Selbstbefriedigungsmetapher gibt es auch in den Geisteswissenschaften - wenn es um den Nutzen von Theorie geht. Erst gestern bin ich bei Alexander Weheliye darüber gestolpert, der das Konsumieren und Produzieren von Theorie als "onanistically relishing abstract otherworldy thought" bezeichnet. Er meint das allerdings ironisch.

aho hat gesagt…

...und ist in Wirklichkeit total scharf auf "abstract otherworldy thought".

Anonym hat gesagt…

Ein kurzer Blick in das Skript von Herrn Neus verrät:

- mathematische Modelle notwendig zur Explikation und Präzisierung von Annahmen

-> dummes Argument:
"realitätsferne Annahmen"

Aber nur wer Herrn Neus kennt weiß, wie viel Überwindung es ihn gekostet haben muss das Wort dumm in sein Skript aufzunehmen