In den Rängen des Vortragssaals, einer Orgie aus Blattgold und hohen Fenstern, sitzen rund 2000 Yalies. Fast jeder fünfte Student ist also gekommen, um den ehemaligen britischen Premierminister in Neuengland sprechen zu hören. Das Thema freilich sorgt Spott in den Rängen: „Religion und Globalisierung“. Geht es noch ungenauer?
Auf dem Podium stehen vier Stühle mit eingraviertem Yale-Wappen. Wahlspruch: „Licht und Wahrheit“. Am linken Rand sitzt Uni-Präsident Levin, neben ihm ein Geschichtsprofessor, dann eine Studentin als Dekoration – ganze zwei Fragen darf sie stellen. Dabei zählt die Kommilitonin zu den overachievers: Sie studiert zwei Fächer parallel, leitet eine Zeitschrift zur Globalisierung und hat eine A-cappella-Gruppe gegründet. Durch einen Tisch von den Fragestellern getrennt, sitzt Blair allein am rechten Rand des Podiums.
Die ersten 30 Minuten sind unbequem für den Stargast: Irak-Krieg, Nordirland-Konflikt, Klimawandel – alle heiklen Themen kommen zur Sprache. Blair wirbt für seine Positionen – in der received pronunciation der englischen Privatschulen, mit ausgreifenden Gesten und wacher Selbstironie. Doch seine Körpersprache verrät die Anspannung: Immer wieder rutscht Blair auf die Stuhlkante vor, den Rücken hält er durchgedrückt. Dabei hat er eigentlich Glück: Die Fragesteller haken niemals nach. So kann sich Blair in Floskeln und Allgemeinplätze retten. Ein Meister des Abschweifens.
An den Seiten des Vortragssaals stehen amerikanische Polizisten – und Beamte von Scotland Yard. Blair wird immer noch wie ein Regierungschef beschützt. Und er redet auch so. Als es um die Kopenhagener Klimakonferenz im kommenden Jahr geht, sagt Blair: „Wir müssen ...“ Als würde er noch selbst am Verhandlungstisch sitzen. Oder war das ein pluralis majestatis?
Nach 30 Minuten kann sich Blair entspannen. Die Fragen werden sanfter, laden zur Selbstbeweihräucherung ein. „Herr Blair, was war das Erfolgsrezept von New Labor?“ Und so weiter. Blair schlägt zum ersten Mal die Beine übereinander, lehnt sich tief in seinen Stuhl zurück, legt einen Arm hinter die Lehne. Sein Lächeln reicht jetzt vom einen Ohr zum anderen.
Die letzte Frage: Ob er als junger Mann eigentlich die Beatles oder die Rolling Stones besser gefunden habe. Blair blickt betreten zu Boden. „Ich habe immer gesagt, dass ich Rolling-Stones-Fan bin. Wenn ich das nicht gesagt hätte, wären die Frauen einfach ... (Lachen im Saal) Aber in Wahrheit – ich muss das leider zugeben – sind die Beatles einfach die Besten."
Der Hauptdarsteller hat sein Engagement verloren. Aber das Talent ist noch da.
Update: Über Blairs Auftritt berichten neben den Yale Daily News auch Guardian und International Herald Tribune. Am Vorabend war Blair in der Daily Show zu Gast:
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