Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet.Zwei Sätze, die gegeneinander laufen. Zwei Sätze, vollgepfropft mit acht Personalpronomen, ehe die Auflösung folgt: Er ist Goethe (der Vornamenlose, wie er später immer wieder heißen wird), sie ist Ulrike von Levetzow. So beginnt Martin Walsers Roman „Ein liebender Mann“ über den 73-Jährigen und die 19-Jährige.
Ein echter Walser-Einstieg. Zu typisch, wenn man ihn neben den Beginn der Autobiographie „Ein springender Brunnen“ legt:
Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.So wird der geniale Einfall zur Masche. Aber das ist Krittelei. Wichtiger ist die Sprache, die den „Liebenden Mann“ trägt. Walsers Sprache, die sich anfühlt, als sei der Autor mit der Wurzelbürste über seinen Text gegangen. Eine eckige, aber niemals grobe Sprache. Ein Ton, der Goethes Liebe zu Ulrike von Levetzow in ihrer ganzen Tragik und Komik erzählt –manchmal in nur einem Satz:
Er stand vor ihr, wäre gern auf die Knie gesunken, wusste aber, dass das Aufstehen misslingen konnte.Am stärksten ist der Brief, den Walser Goethe an Ulrike von Levetzow schreiben lässt, nachdem der Urlaub in Marienbad vorüber ist. Eins vorweg: Walser hat (in Tübingen) über Kafka promoviert. Also: Goethe ist zurück in Weimar, zurück bei seiner eifersüchtigen Schwiegertochter Ottilie, die sich selbst krank und in ihrem Bett gefangen hält, um Goethe ein schlechtes Gewissen aufzuzwingen ob seiner Liebe zur 19-Jährigen. Goethe schreibt an Ulrike:
Es hilft, dass ich nicht weiß, ob ich, was ich Ihnen schreibe, gleich werde schicken können. Auch weil ich fürchte, Ottilie hat unsere Postmenschen herumgebracht, bezaubert, bestochen oder bedroht, so dass nichts von mir Weimar verlässt, was ihr nicht vorher gezeigt wird. Einen Brief von mir an Sie würde sie sofort konfiszieren. (...) Ich könnte Stadelmann beauftragen, den Brief in Kranichfeld oder Blankenhain oder Bettelstedt aufzugeben. Falls Ottilie nicht überhaupt schon alle Postbeamten im weiteren Umkreis herumgebracht hat. Verfolgt darf ich mich fühlen, auch wenn die Post noch nicht gegen mich eingenommen ist. Verfolgt von einer aus tausend Quartieren stammenden Oberaufsicht. Jede Art von Sitte, Moral, Gewohnheit, Anstand und Ordentlichkeit hat sich zu einer einzigen Oberaufsicht zusammengefunden, um mir auf jede Art zu sagen, ich sei unmöglich.Franz von Goethe sitzt an seinem Schreibtisch am Frauenplan in Prag, ein Stockwerk unter dem Zimmer von Ottilie Samsa, und schreibt die Synthese aus Werther und Prozess an Dora Levetzow. Man liest es mit Staunen.
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