Dienstag, 30. Dezember 2008

Interessante Kombinationen

  • Die Independence Hall in Philadelphia sehen, in der die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde, und am nächsten Tag das vergilbte Originaldokument im Nationalarchiv in Washington zu entziffern versuchen.
  • In Philadelphia nachmittags die Liberty Bell, das Symbol der freiheitlichen USA, besichtigen und abends in „Milk“ gehen, einen neuen Kinofilm über den ersten erfolgreichen, aber schließlich ermordeten schwulen Politiker Amerikas.
  • In Washington vormittags die Weltkriegs-Bomber im Air and Space Museum sehen und nachmittags in der National Galery of Art auf Anselm Kiefers Skulptur „Angel of History“ stoßen. 

Samstag, 27. Dezember 2008

Eine unmögliche Zeitschrift

Diese Zeitschrift macht alles falsch. Sie bringt furchtbar lange Texte über entlegene Themen, gern über die Innenpolitik afrikanischer Kleinstaaten. Es gibt überhaupt keine Fotos. In den Textwüsten verstecken sich stattdessen Karikaturen, die mit den Artikel nichts zu tun haben. Das Magazin beginnt nicht mit einer atemberaubenden Bildstrecke, sondern mit klein gedruckten Kulturterminen. 

Und doch ist der New Yorker die beste Zeitschrift der Welt. Man muss sich nur die aktuelle Weihnachtsausgabe ansehen. Ein großartiges Cover mit dem Gemäde „Minimal Christmas“ von Bob Staake im Stil Piet Mondrians. 



Im Innenteil ein bissiger Politik-Kommentar von Hendrik Hertzberg, einfallsreiche Feuilletons wie Lauren Collins Notizen zur Einkaufstauschenmode in der Wirtschaftskrise, großartige Kurzgeschichten wie „Another Manhattan“ von Donald Antrim. 

Was will man mehr?

Freitag, 26. Dezember 2008

Museumstour durch New York

Reizüberflutung und Bildungsüberforderung – das Metropolitan Museum of Art in New York ist der amerikanische Louvre. Eine riesige Sammlung fantastischer Kunst, aber leider unübersehbar, von chinesischen Vasen über einen ägyptischen Tempel und deutsche Gemälde des Mittelalters bis zu Werken Andy Warhols. Wer soll das alles einordnen können? Wahrscheinlich kann es niemand, aber das ist auch nicht nötig. Es genügt schon, vor Pieter Brueghels Ernte-Bild oder Arnold Böcklins „Toteninsel“ im Original zu sehen und einfach nur zu staunen.

Dem Met gegenüber steht an der Fifth Avenue die Neue Galerie, eine Sammlung deutscher und österreichischer Kunst aus der Zeit um 1900. So nah sich die Museen geographisch sind, so stark unterscheiden sie sich inhaltlich. Das Met wirkt riesig und überladen, bei der kleinen Neuen Galerie scheint alles aus einem Guss zu sein. Das Gebäude, die Möbel, das Grafikdesign – alles passt perfekt zusammen. Im Moment kommt noch eine düstere, aber faszinierende Sonderausstellung über Alfred Kubin hinzu.

Das Museum of Modern Art gilt offensichtlich als touristisches Muss in New York. Durch die fünf Stockwerke drängen sich jedenfalls riesige Menschenmassen – im schlimmsten Fall kaugummiblasenerzeugend, einhändig videofilmend und handykamerknipsend. Vielleicht sollten sich die Kunstwerke an Bertolt Brecht halten, das Museum auflösen und neue Besucher wählen. Bis dahin muss man eben den Standplatz gegen die strömenden Massen verteidigen – etwa vor Matisses „Tanz“ und den „Campbell’s Soup Cans“ von Andy Warhol. Großartig auch Vincent van Goghs „Nachtcafé“, dem ich hinterher reisen musste – als Leihgabe der Yale University Art Gallery hängt das Gemäde derzeit im Moma.

Letzte Station: das Guggenheim Museum. Ein wunderschöner weißer Bau an der Fifth Avenue, der sich reichstagskuppelmäßig in Spiralen nach oben windet. Aber leider auch ein Gebäude, das sich selbst zu wichtig nimmt und an jeder Stelle ruft: Bewundere mich! Die eigentliche Ausstellung droht dabei unterzugehen. Schade, sind doch gerade die genuin amerikanischen Fotografien von Catherine Opie sehenswert.

Lesebefehl

Journalismus ist Literatur in Eile. 
Matthew Arnold
Zwei großartige Texte aus dem Kurzzeit-Archiv, einer sehr altmodisch und einer sehr modern:

Tina Feihelmann schreibt in der Wochenzeitung Freitag über Otto Kuhl und den Berliner Bahnhof Ostkreuz. 
Einmal, als der Kaiser durch Berlin fuhr und eine begeisterte Menge jubelnd ihre Hüte in die Luft warf, schleuderte Otto Kuhl seinen alten, verschlissenen von sich, um, einen neuen, viel schöneren wieder aufzufangen. So zumindest erzählte er es. „Dit System zwingt dir dazu“, setzte er sich sogleich ins Recht. (...)
Kuhl war weit über 90 Jahre alt und hatte sämtliche seiner Verwandten und Bekannten überlebt. (...) Um hin und wieder unter Menschen zu kommen, hatte Kuhl es sich zur Gewohnheit gemacht, an sonnigen Tagen zum nahe gelegenen S-Bahnhof Ostkreuz zu wandern und sich dort auf eine Bank zu setzen. Anfangs verstand ich nicht, weshalb er gerade das Ostkreuz so liebte, denn es war alles andere als ein schöner, beschaulicher Ort. Es war ein staubgrauer, zugiger Bahnhof, von Tauben und Menschen bevölkert, die scheinbar sinnlos in der Gegend herum liefen. Überhaupt sah der S-Bahnhof Ostkreuz so aus, als sei er ohne Sinn und Verstand gebaut. Ein Gleis, das auf hohen Stelzen im schiefen Winkel quer über die Anlage führte, war nur von einer Seite zu erreichen, weil es auf der anderen einfach keinen Bahnsteig gab. Und die Züge Richtung Zoo fuhren mal an diesem, mal an einem anderen Bahnsteig, so dass man immer am falschen Bahnsteig stand und seine Bahn davon fahren sah. [Kompletter Text]
Zeitsprung. Die FAZ lässt Internetnutzer die virtuelle Identität von Lisa Rank porträtieren.
Irgendwann haben wir gemailt, und ich hab’, wie man das so macht, die ganzen Seiten nach ihr abgesucht, Myspace, Facebook, Xing, Flickr, Twitter. Da war sie überall, und ich bin da auch. Ich hab’ auf diesen Seiten ja die Chance, als verschiedene Personen wahrgenommen zu werden. Ich kann auf jeder etwas anderes von mir zeigen, ohne dass ich offenbaren muss, wer ich bin.
Ich glaube, dass auf die Art eine Identität entsteht, die keinen Kern mehr hat, sondern sich aus verschiedenen Seiten zusammensetzt, die ich verändern kann, wenn etwas sich bei mir verändert. (...) Ich bin oft im Netz. Eigentlich bin ich nie draußen. Das ist wie Atmen, und wenn ich mich auf diesen Plattformen anmelde und sehe, wer alles online ist, dann habe ich ein Gefühl, als schließe ich mich an den Bewusstseinsstrom dieser ganzen Leute an. [Kompletter Text]

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Zwei Schläfer



In der Skulpturenhalle des Metropolitan Museum of Art in New York.
Ein Foto aus der Handykamera-Serie.

Kreative Zerstörung

Ein Bankrott als gute Nachricht: Das elitäre Restaurant Mory’s schließt die Pforten. Damit ist eine der letzten Bastionen des good-old-boys-Yale geschliffen. Auch wenn gerade so viel auf den Kapitalismus geschimpft wird – die Insolvenz als kreative Zerstörung ist schon eine feine Sache.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Von hinten durch die Brust ins Auge

Die aktuelle Wintermode im US-Journalismus: der Schleppeinstieg. Nachrichtliche Texte beginnen nicht mehr medias in res, sondern mit der Vorgeschichte oder Andeutungen. Heute auf der Titelseite der New York Times folgende Einstiegssätze:
Während die Zahl der Entlassungen ein historisches Hoch erreicht, haben manche Unternehmer eine Alternative dazu gefunden, ihre Arbeitnehmer zu entlassen. (Aber welche bloß?)

Bis vor kurzem gab es wenige bessere Möglichkeiten, eine Lobbyisten-Karriere zu beginnen, als eine Kündigung im Büro von Ted Stevens, dem Senator aus Alaska. (Und heute?)

Seit Bernard L. Madoff vor elf Tagen in Zusammenhang mit einem 50 Milliarden Dollar schweren Schneeballsystem festgenommen wurde, hat sich die Fairfield Greenwich Group als ahnungsloses Opfer des Betrugs dargestellt. (War das etwa gelogen?)

Am Rand einer Straße in Matabeleland stopfen sich barfüßige Kinder ihre Taschen mit Getreidekörnern voll, die von einem Lastwagen gefallen sind, als seien die braunen Körnchen – in normalen Zeiten nur als Tierfutter genutzt – wahres Gold. (Und was bedeutet das für ganz Zimbabwe?)

Schon ehe die Jobmesse beginnt, schlängelt sich die Reihe der Wartenden bis auf den Parkplatz, eine schweigsame Parade von Leben, die eine Entlassung aus der Bahn geworfen hat. (Und was passiert auf der Jobmesse?)
Wir sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. Bislang hat der Leser jedenfalls nicht Handfestes erfahren. So funktioniert der Schleppeinstieg nicht. Was im Einzelfall ein gutes Stilmittel sein mag, wird in der Häufung zur Masche. 

In guter deutscher Manier wäre es vielleicht Zeit, einen Verein zu gründen. Rettet den klassischen Leadsatz e.V. Mitgliedsanträge bitte per E-Mail an mich.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Tschüss, Yale

Das war’s. Das letzte Aufgabenblatt ist eingereicht, die letzte Klausur geschrieben, der Schlüssel für die Fakultät zurückgegeben. Tschüss, Yale.

Das Semester endete im Schneegestöber. Seit Freitag versinkt New Haven im Winter. Der erste Schnee war noch großartig, inzwischen ist er eher hinderlich auf dem Weg zur Union Station.

Denn statt New Haven steht jetzt New York auf dem Programm. Das Wochenend-Programm war großartig, vom Essen in Koreatown bis zum Besuch in der Neuen Galerie, die unmittelbar am Central Park eine fantastische Sammlung deutscher Kunst aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt. Was man in New York alles findet. 

Montag, 15. Dezember 2008

Nichts ist spannender als die Wirtschaft

Drei lesenswerte Artikel aus der Wirtschaftsunterwelt.

Im 17. Stock verschwand das Geld. Die New York Times beschreibt, wie Bernard Madoff jahrelang in einem New Yorker Hochhaus mit weniger als zwei Dutzend Mitarbeitern ein milliardenschweres Schneeballsystem am Laufen hielt. Die Idee selbst ist wahrscheinlich der älteste Finanztrick der Menschheit: Sammle neues Geld ein, das du an deine alten Gläubiger ausschüttest, und schaffe die ursprünglichen Einlagen zur Seite. Das Spiel kann man immer weiter treiben – bis es irgendwann zusammenbricht. Zum Beispiel, weil eine Finanzkrise daherkommt und viele Anleger aus Furcht ihr Geld abziehen wollen. Und weil man gerade in Krisen nicht genug neues Geld einsammeln kann, um die alten Anleger auszuzahlen, fällt das Kartenhaus in sich zusammen. Eine schöne Beschreibung solcher Schneeballsysteme liefert Bob Shiller im vierten Kapitel seines Buchs über Finanzkrisen.

Jetzt, da die Krise in vollem Lauf ist, wollen es ganz viele schon immer gewusst haben. Wie aber kann man die angeblichen von den echten Propheten unterscheiden? Michael Lewis wählt im Portfolio-Magazin eine kluge Strategie: Er sucht nach Marktbeobachtern, die nicht nur geredet, sondern auch mit ihrem eigenen Geld auf einen Absturz des Immobilienmarkts und der Hypothekenbanken spekuliert haben. Diese Propheten müssen die echten sein. Fündig wird Lewis unter anderem bei Steve Eisman, der durch die Finanzkrise reich wurde. Schon in den neunziger Jahren bezeichnete Eisman als Analyst erstmals eine Hypothekenbank als Insolvenzfall. Daraufhin wehrten sich die Banker: Ihr Institut sei gegen alle Entwicklungen abgesichert. Im nächsten Gutachten schrieb Eisman, die Bank sei tatsächlich perfekt gegen Änderungen immunisiert: Sie werde in jedem vorstellbaren Marktumfeld Geld verlieren. Einige Monate später ging die Bank in die Insolvenz.
40 Milliarden Dollar Schulden – und trotzdem hat jahrelang niemand bemerkt, wie es um XYZ stand. Dabei machte die Firma alle Zahlen öffentlich. Nur hat sie niemand gelesen. Oder verstanden. Und wer ist daran schuld?
So fragte das Wirtschaftsmagazin brand eins schon im Sommer 2007 (in einem übersetzten Artikel aus dem New Yorker). Die These: Skandale werden heute nicht mehr durch Journalisten aufgedeckt, die geheime Dokumente in der Tiefgarage zugesteckt bekommen. Sondern durch Analysten, die all die tausend öffentlich verfügbaren Informationen zu einem großen Bild zusammenlegen, das außer den Betrügern noch niemand gesehen hat. Ironischerweise ist der brand-eins-Artikel selbst die beste Bestätigung dieser Thesen. Denn die Firma XYZ im Vorspann war nicht etwa ein windiger Immobilienfinanzierer des Jahres 2007, sondern der betrügerische Energiekonzern Enron, Insolvenzjahrgang 2001. Das neue große Bild, das Bild der Immobilienkrise, hatte auch brand eins im Sommer 2007 noch nicht zusammengesetzt.