Dienstag, 23. Dezember 2008

Von hinten durch die Brust ins Auge

Die aktuelle Wintermode im US-Journalismus: der Schleppeinstieg. Nachrichtliche Texte beginnen nicht mehr medias in res, sondern mit der Vorgeschichte oder Andeutungen. Heute auf der Titelseite der New York Times folgende Einstiegssätze:
Während die Zahl der Entlassungen ein historisches Hoch erreicht, haben manche Unternehmer eine Alternative dazu gefunden, ihre Arbeitnehmer zu entlassen. (Aber welche bloß?)

Bis vor kurzem gab es wenige bessere Möglichkeiten, eine Lobbyisten-Karriere zu beginnen, als eine Kündigung im Büro von Ted Stevens, dem Senator aus Alaska. (Und heute?)

Seit Bernard L. Madoff vor elf Tagen in Zusammenhang mit einem 50 Milliarden Dollar schweren Schneeballsystem festgenommen wurde, hat sich die Fairfield Greenwich Group als ahnungsloses Opfer des Betrugs dargestellt. (War das etwa gelogen?)

Am Rand einer Straße in Matabeleland stopfen sich barfüßige Kinder ihre Taschen mit Getreidekörnern voll, die von einem Lastwagen gefallen sind, als seien die braunen Körnchen – in normalen Zeiten nur als Tierfutter genutzt – wahres Gold. (Und was bedeutet das für ganz Zimbabwe?)

Schon ehe die Jobmesse beginnt, schlängelt sich die Reihe der Wartenden bis auf den Parkplatz, eine schweigsame Parade von Leben, die eine Entlassung aus der Bahn geworfen hat. (Und was passiert auf der Jobmesse?)
Wir sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. Bislang hat der Leser jedenfalls nicht Handfestes erfahren. So funktioniert der Schleppeinstieg nicht. Was im Einzelfall ein gutes Stilmittel sein mag, wird in der Häufung zur Masche. 

In guter deutscher Manier wäre es vielleicht Zeit, einen Verein zu gründen. Rettet den klassischen Leadsatz e.V. Mitgliedsanträge bitte per E-Mail an mich.

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