Freitag, 26. Dezember 2008

Lesebefehl

Journalismus ist Literatur in Eile. 
Matthew Arnold
Zwei großartige Texte aus dem Kurzzeit-Archiv, einer sehr altmodisch und einer sehr modern:

Tina Feihelmann schreibt in der Wochenzeitung Freitag über Otto Kuhl und den Berliner Bahnhof Ostkreuz. 
Einmal, als der Kaiser durch Berlin fuhr und eine begeisterte Menge jubelnd ihre Hüte in die Luft warf, schleuderte Otto Kuhl seinen alten, verschlissenen von sich, um, einen neuen, viel schöneren wieder aufzufangen. So zumindest erzählte er es. „Dit System zwingt dir dazu“, setzte er sich sogleich ins Recht. (...)
Kuhl war weit über 90 Jahre alt und hatte sämtliche seiner Verwandten und Bekannten überlebt. (...) Um hin und wieder unter Menschen zu kommen, hatte Kuhl es sich zur Gewohnheit gemacht, an sonnigen Tagen zum nahe gelegenen S-Bahnhof Ostkreuz zu wandern und sich dort auf eine Bank zu setzen. Anfangs verstand ich nicht, weshalb er gerade das Ostkreuz so liebte, denn es war alles andere als ein schöner, beschaulicher Ort. Es war ein staubgrauer, zugiger Bahnhof, von Tauben und Menschen bevölkert, die scheinbar sinnlos in der Gegend herum liefen. Überhaupt sah der S-Bahnhof Ostkreuz so aus, als sei er ohne Sinn und Verstand gebaut. Ein Gleis, das auf hohen Stelzen im schiefen Winkel quer über die Anlage führte, war nur von einer Seite zu erreichen, weil es auf der anderen einfach keinen Bahnsteig gab. Und die Züge Richtung Zoo fuhren mal an diesem, mal an einem anderen Bahnsteig, so dass man immer am falschen Bahnsteig stand und seine Bahn davon fahren sah. [Kompletter Text]
Zeitsprung. Die FAZ lässt Internetnutzer die virtuelle Identität von Lisa Rank porträtieren.
Irgendwann haben wir gemailt, und ich hab’, wie man das so macht, die ganzen Seiten nach ihr abgesucht, Myspace, Facebook, Xing, Flickr, Twitter. Da war sie überall, und ich bin da auch. Ich hab’ auf diesen Seiten ja die Chance, als verschiedene Personen wahrgenommen zu werden. Ich kann auf jeder etwas anderes von mir zeigen, ohne dass ich offenbaren muss, wer ich bin.
Ich glaube, dass auf die Art eine Identität entsteht, die keinen Kern mehr hat, sondern sich aus verschiedenen Seiten zusammensetzt, die ich verändern kann, wenn etwas sich bei mir verändert. (...) Ich bin oft im Netz. Eigentlich bin ich nie draußen. Das ist wie Atmen, und wenn ich mich auf diesen Plattformen anmelde und sehe, wer alles online ist, dann habe ich ein Gefühl, als schließe ich mich an den Bewusstseinsstrom dieser ganzen Leute an. [Kompletter Text]

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