Freitag, 26. September 2008

Ablenkung von der Krise

Das Feuilleton ist für die Zeitungen ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger (...) Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung.
Joseph Roth
Einer der besten Artikel zur Finanzkrise steht heute in der New York Times, aber nicht im Wirtschaftsteil. Susan Dominus berichtet einmal nicht über Kreditlinien und Zwangsversteigerungen, sondern schildert in ihrer Reportage einen Sonderverkauf des Luxushändlers Hermès nahe der Wall Street:
Es ist nicht so, dass die Frauen in der Schlange den Geruch von Finanzdesaster nicht wahrnehmen, der in der Luft liegt. Ganz im Gegenteil. Mehr als eine Frau kam zur Hermès-Filiale, um der Krise zu entfliehen. „Ich brauche einfach eine Pause“, sagte eine Bankerin. (...)

Die Käuferin wollte weder ihren Namen noch ihren Arbeitgeber preisgeben. Denn eigentlich hätte sie an ihrem Schreibtisch sitzen müssen – unter diesen Umständen. „Sagen wir einfach, dass es meine Bank noch gibt. Das schränkt die Auswahl ja auf etwa vier Unternehmen ein.“ (...)

„Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, ist so ein Sonderverkauf erst recht ein Grund, sich etwas Schönes zu kaufen“, sagte eine junge Frau im dunklen Hosenanzug. Wie die Bankerin vor ihr in der Schlange wollte sie ihren Namen nicht nennen, weil sie eigentlich im Büro sein sollte – in ihrem Fall, um einen Bericht an die Finanzaufsicht vorzubereiten.

Sie klemmte das Wall Street Journal unter ihren Arm. „Kauf dir was Schönes, und du siehst gut aus. Wenn du gut aussiehst, fühlst du dich gut. Falls dein Job unsicher ist und du den vollen Preis bezahlen musst, ist die Lust am Einkaufen weg.“

Nach dem 11. September gab es viele Gewissheiten, die im Rückblick absurd erscheinen – dass die Zeit der Ironie vorüber sei oder dass Shoppen die Wirtschaft stärke und deshalb eine patriotische Tat sei. Merkwürdig, dass genau dieses Argument – einkaufen, um Amerika zu stärken – am Donnerstagnachmittag in der Schlange vor Hermès nicht genannt wurde, obwohl fast alle anderen Argumente fielen. (...)

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