Acht Stunden Vorlesungen an einem Tag, das ist eigentlich verrückt. Aber in Yale gilt ein solches Pensum derzeit als normal. Denn hier beginnt das Semester mit einer shopping period: Man setzt sich erst einmal in alle Kurse, die interessant klingen, und entscheidet sich dann für eine Auswahl.
Zuerst in Behavioral and Institutional Economics bei Robert Shiller. Im hellgrauen Sommeranzug steht Shiller vor rund fünfzig Studenten und genießt das für Yale-Verhältnisse riesige Auditorium. Shiller hat die Hände vor der Gürtelschnalle gefaltet, um die Augen liegen Lachfältchen. Trotz schütterem Haar strahlt Shiller die Neugierde und Begeisterungsfähigkeit eines kleinen Jungen aus. Der Makroökonom ist ein science star. Sein neuestes Buch „The Subprime Solution“ stellte die Washington Post am Sonntag auf ihrer ersten Wirtschaftsseite vor.
Shiller versteht die Volkswirtschaftslehre als ein Teilgebiet der Gesellschaftswissenschaft, nicht als angewandte Mathematik. Mahnend liest er aus Thomas von Aquins „Treatise on the Angels“ vor und kommentiert: „Sehr akademisch, aber irgendwie neben der Spur.“ Wissenschaft dürfe nicht um ihrer selbst willen betrieben werden.
Anschließend Ökonometrie bei Don Andrews. Sigmafelder und abzählbare Unendlichkeit in der ersten Sitzung. Oha.
Am Nachmittag in zwei Seminaren. Miguel Rodriguez führt in seinen Kurs über Handelstheorie ein. Als er an die Theorie komparativer Vorteile erinnert, spricht er immer lauter, gestikuliert wild. Am Ende stehen ihm Tränen in den Augen: „Das gehört zum Wichtigsten, was je gedacht wurde.“
Zuletzt bei Eduardo Engel, dessen Aufsätze ich schon aus Tübingen kenne. Es geht um die ökonomischen Probleme Lateinamerikas. In der ersten Stunde plaudert Engel aus dem Nähkästchen des Politikberaters. Zum Beispiel über den einzigen Beamten, der sich in El Salvador um Verbraucherschutz kümmert. Sein Arbeitszimmer liegt im fünften Stock eines Bürogebäudes ohne Aufzug, die letzte Tür am Gang. Als Engel ihn besuchte, hörte der Verbraucherschützer gar nicht mehr auf zu reden: Er freute sich über den ersten Besucher seit über zehn Jahren.
Trotz allem Einführungstralala war heute schon zu spüren: Das Argumentationstempo in den Kursen ist ungeheuer hoch, die Leselisten sind erschreckend lang. Das wird noch spannend.
Machen wir langsam wieder unseren Job…
vor 9 Jahren
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