Montag, 29. September 2008

Schwarzer Montag?

13.48 Uhr: Jetzt haben wir den Salat. Wachovia am Ende, Hypo Real Estate und Fortis in Problemen. Wir gedenken noch immer der SachsenLB, WaMu, Lehman, Fannie, Freddie etc. Und in diesem Moment scheint das Repräsentantenhaus den dringend nötigen Rettungsplan scheitern zu lassen. Dow Jones minus 600 Punkte. Fängt so eine Weltwirtschaftskrise an? Gegenfrage: Wenn nicht so, wie dann?

14.28 Uhr: Wie konnte dieses Fiasko bloß passieren? Aus der Rede eines Hinterbänklers, des Republikaners Paul Ryan, vor der Abstimmung:
Wir fürchten in diesem Moment alle um unsere Wiederwahl. Die meisten von uns sagen: Ich möchte, dass dieses Gesetz durchkommt, aber dafür stimmen sollen bitte die anderen – nicht ich. Wir sind mitten in diesem Moment, und wenn es uns nicht gelingt, die richtige Entscheidung zu treffen, dann helfe uns Gott.
18.39 Uhr: Der Dow Jones hat inzwischen mit dem größten Punkteverlust seiner Geschichte geschlossen. In der Überschrift dieses Blog-Eintrags bitte das Fragezeichen streichen.

19.11 Uhr: Einige Schlagzeilen vom Tag. 
  • „Rettungspaket scheitert, Aktienkurse stürzen“ (New York Times) – Zwei Substantive, zwei Verben. Knackiger geht es nicht. Und das Original („Bailout Fails; Stocks Plunge“) braucht noch nicht einmal halb so viele Silben wie die deutsche Übersetzung.
  • „Stillstand in Washington“ (FAZ) – Langweilig bis irreführend. Wenn der Dow Jones um fast sieben Prozent abstürzt – ist das Stillstand? Zugegeben, die Wall Street liegt in New York, nicht in Washington. Aber für eine Schlagzeile ist das schon sehr um die Ecke gedacht.
  • „Parlament an Börse: Geh sterben“ (Marketwatch) – Die Essenz eines verrückten Tages in fünf Wörtern.

Sonntag, 28. September 2008

Cross Campus

Den ganzen Tag in der Jura-Bibliothek. Das aktuelle Aufgabenblatt für Political Competition hat drei Seiten, mein Lösungsversuch 22 – ohne all die Blätter, die im Papierkorb gelandet sind. Und das in der dritten Vorlesungswoche. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in Tübingen meistens noch nicht einmal alle Lehrbücher gekauft. (Aber nicht weitersagen.) Was tut man sich hier bloß an?

Endlich raus aus der Bibliothek. Ein warmer Spätsommerabend. Über den Cross Campus wehen die Stimmen eines Chores, der im Berkeley College probt. An der Westseite des Platzes leuchtet es hell aus den Spitzbogenfenstern der Sterling Memorial Library. Über den Old Campus. Dann der Gedanke: Wenigstens hast du jetzt zu jeder Aufgabe eine Lösung. Und irgendetwas davon wird schon stimmen. Überhaupt: Was gibt es Schöneres, als hier lernen zu dürfen?

Um einen Studienplatz in der Ivy League zu ergattern, schicken lebenslaufoptimierende Eltern ihre Kinder inzwischen zu den Little Giants in die Rundum-Betreuung und anschließend auf ein Internat in die Schweiz. Ich war im Evangelischen Kindergarten am Lieden und habe mein Abitur am Gymnasium des Vogelsbergkreises gemacht. Jetzt laufe ich jeden Tag über den Yale-Campus. Manchmal muss ich mich immer noch kneifen. Danke, Akademisches Austauschamt!

Samstag, 27. September 2008

Die Finanzkrise in Bildern

Wie geht es den amerikanischen Banken zur Zeit?
„Jetzt müssen wir uns nur noch zurücklehnen und darauf warten, dass uns die Zentralbank raushaut.“

Wie viel wissen Politiker und Wirtschaftswissenschaftler bislang über die Krise?
„Niemand weiß irgendetwas. – Was für eine Erleichterung. – Gottseidank. – Ich dachte schon, dass es nur mir so geht.“

Aus dem aktuellen New Yorker.

Zweiter Blick auf die Debatte

Wie großartig Online-Journalismus sein kann, zeigt heute (einmal mehr) die New York Times. Auf einer Sonderseite zur Debatte kann man einzelne Stellen noch einmal als Video ansehen, die Abschrift der Diskussion lesen, die Antworten der Kandidaten nach Stichwörtern durchsuchen und den Faktencheck der Redaktion zu einzelnen Fragen anklicken. Und das alles ist untereinander verknüpft. So etwas kann kein anderes Medium. 

Auf den zweiten Blick kann man wunderbar sehen, wie meisterhaft McCain die Klaviatur des Populismus spielt:
  • Zu überflüssigen Staatsausgaben: „Wir haben 3 Millionen Dollar ausgegeben, um die DNA der Bären in Montana zu untersuchen.“ Leider lässt sich der Sinn von Grundlagenforschung nicht mit der gleichen Schlichtheit erklären, mit der McCain seine Stammtischparole anbringt.
  • Wenn es um Millionen und Milliarden geht, fehlt beinahe allen Zuschauern die Dimension. Also kann McCain die jährlichen 16,5 Milliarden Dollar (11,4 Milliarden Euro) für die Lieblingsprojekte einzelner Senatoren als ungeheuere Verschwendung darstellen. Bei 300 Millionen Amerikanern bedeutet diese Summe aber gerade einmal 55 Dollar (38 Euro) pro Kopf. Keine Zahl, mit der sich Wähler mobilisieren lassen.
  • Die USA haben McCain zufolge den weltweit zweithöchsten Steuersatz für Unternehmen. Also würden sich Unternehmen lieber im Ausland ansiedeln, folgert der Republikaner. Diese Argumentation steht auf zwei tönernen Füßen: Zum einen ist der Vergleich von Steuersätzen sinnlos, wenn man die Steuerbasis nicht benennt: 35 Prozent wovon? Tatsächlich ist die Steuerbasis in den USA dank vieler Schlupflöcher vergleichsweise schmal. Zum anderen ist der Steuersatz für Unternehmen nur eines unter vielen Argumenten bei der Standortwahl. Besitzt ein Land eine gute Infrastruktur und ein funktionierendes Finanzsystem, kann es problemlos höhere Steuersätze verlangen. Aber über ein funktionierendes Finanzsystem wollen wir in den USA derzeit lieber nicht sprechen.

Obama gewinnt

Präsidentenduell auf einer Leinwand in der Graduiertenschule. Über 100 Studenten – darunter viele Deutsche – sitzen dicht gedrängt, um die erste große Diskussion zwischen Obama und McCain zu sehen. Die Präferenzen sind klar: Obama bekommt weitgehend Zustimmung, McCain höhnische Zwischenrufe.



Die ersten Minuten sind schrecklich. Obama wirkt hölzern, McCain redet gerade heraus. Dann endlich gewinnt Obama an Souveränität. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, die Wirtschaftslage für sich zu nutzen (eigentlich ein sicherer Punkt für die Opposition), kann er ausgerechnet auf McCains Stammgebiet, der Außenpolitik, gegenhalten. Und nicht nur das. Ganz selbstverständlich ergreift Obama nach Jim Lehrers Fragen zuerst das Wort, widerlegt sachlich die Unterstellungen McCains.



Aber warum lacht Obama immer wieder über McCains Anworten? Warum gibt er vor jeder Wortmeldung merkwürdige Kehllaute von sich? Warum erlaubt er sich dreimal, viermal Ironie? Das kommt bei Amerikanern einfach nicht an. Dafür eine großartige vorletzte Antwort: Mit glaubwürdigem Pathos steuert Obama das shining beacon on the hill an – die USA als strahlender Leuchtturm in der Höhe. Das kommt bei Amerikanern an.

Hoffentlich.

Aus der Yale-Perspektive ein klarer Sieg für Obama. Die entgegengesetze Einschätzung kommt aus Washington.

Update: Auch aus New York kommt wenig Lob für Obama.

Zu viel


Freitagabend, acht Uhr in der Juristen-Bibliothek.

Freitag, 26. September 2008

Ablenkung von der Krise

Das Feuilleton ist für die Zeitungen ebenso wichtig wie die Politik und für den Leser noch wichtiger (...) Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung.
Joseph Roth
Einer der besten Artikel zur Finanzkrise steht heute in der New York Times, aber nicht im Wirtschaftsteil. Susan Dominus berichtet einmal nicht über Kreditlinien und Zwangsversteigerungen, sondern schildert in ihrer Reportage einen Sonderverkauf des Luxushändlers Hermès nahe der Wall Street:
Es ist nicht so, dass die Frauen in der Schlange den Geruch von Finanzdesaster nicht wahrnehmen, der in der Luft liegt. Ganz im Gegenteil. Mehr als eine Frau kam zur Hermès-Filiale, um der Krise zu entfliehen. „Ich brauche einfach eine Pause“, sagte eine Bankerin. (...)

Die Käuferin wollte weder ihren Namen noch ihren Arbeitgeber preisgeben. Denn eigentlich hätte sie an ihrem Schreibtisch sitzen müssen – unter diesen Umständen. „Sagen wir einfach, dass es meine Bank noch gibt. Das schränkt die Auswahl ja auf etwa vier Unternehmen ein.“ (...)

„Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, ist so ein Sonderverkauf erst recht ein Grund, sich etwas Schönes zu kaufen“, sagte eine junge Frau im dunklen Hosenanzug. Wie die Bankerin vor ihr in der Schlange wollte sie ihren Namen nicht nennen, weil sie eigentlich im Büro sein sollte – in ihrem Fall, um einen Bericht an die Finanzaufsicht vorzubereiten.

Sie klemmte das Wall Street Journal unter ihren Arm. „Kauf dir was Schönes, und du siehst gut aus. Wenn du gut aussiehst, fühlst du dich gut. Falls dein Job unsicher ist und du den vollen Preis bezahlen musst, ist die Lust am Einkaufen weg.“

Nach dem 11. September gab es viele Gewissheiten, die im Rückblick absurd erscheinen – dass die Zeit der Ironie vorüber sei oder dass Shoppen die Wirtschaft stärke und deshalb eine patriotische Tat sei. Merkwürdig, dass genau dieses Argument – einkaufen, um Amerika zu stärken – am Donnerstagnachmittag in der Schlange vor Hermès nicht genannt wurde, obwohl fast alle anderen Argumente fielen. (...)

Künstlerisch wertvoll

Am Donnerstagabend zum Empfang für graduate students im Yale Center for British Art. Ein moderner, kubischer Bau. Großartige Architektur, großartige Gemälde. 

Der Empfang ist sehr künstlerisch. Viel guter Weißwein, aber dazu nur Gurkenscheibchen mit Fleischpastetchen und Tomatenwürfelchen. Anschließend eine spannende Führung hinter die Kulissen, nämlich durch die Werkstatt der Restaurateure.



Ein Museum, das man auf jeden Fall noch einmal in Ruhe besuchen muss.

Mittwoch, 24. September 2008

Master’s Tea

Mittwochnachmittage sind toll. Um 12 Uhr endet mein letzter Pflichtkurs der Woche. Nach längeren Qualen sind die aktuellen Übungsblätter erledigt; der nächste Abgabetermin liegt noch fünf Tage entfernt.

Also die richtige Zeit, um in der Politik-Fakultät einen Vortrag über humanitäre Interventionen der UN zu hören. (Selbstverständlich mit kostenlosem Mittagessen. Heute auf der Speisekarte: Hähnchen und Couscous.) Anschließend im Uni-Schwimmbad.

Um 16 Uhr in das Saybrook College, eines der 12 Wohnheime für undergraduate students. Als Ersatzeltern dienen dort die Master – Professoren, die das Wohnheim leiten und selbst im College leben. Regelmäßig werden Künstler, Wissenschaftler und Autoren zum Master’s Tea eingeladen.

Die Wohnung des Masters von Saybrook ist – zurückhaltend gesagt – repräsentativ. Alte Möbel, Porzellanfiguren, Stahlstiche an der Wand, ein Kamin. Den Tee trinkt man nicht aus den üblichen Wegwerf-Bechern, sondern aus Tassen mit Goldrand. 



Heute beim Master’s Tea zu Gast: der Harry-Potter-Experte John Granger. Eine Stunde lang spricht Granger über Motive, die Joanne Rowlings Romane mit der Bibel, Shakespeare und Dostojewski verbinden.

Mittwochnachmittage sind toll.