Sonntag, 31. August 2008

Gustav

Keine drei Wochen sind vergangen, seit ich in New Orleans war, an der St. Charles Avenue einen Cocktail getrunken habe, am InterContinental Hotel vorbeigelaufen bin, im Café du Monde auf dem Jackson-Platz gesessen habe. Und jetzt?
Die St. Charles Avenue, eine Verkehrsader durch das Wohnviertel Garden District, war am Samstagabend verlassen. Soldaten patrouillierten die Straße und trafen auf nur wenige Besucher des Southern-Decadence-Festivals, das gewöhnlich Tausende Schwule und Lesben anzieht. Auch der Jackson-Platz, an normalen Tagen voller Pferdekutschen und Straßenkünstler, war am Samstagabend verlassen, von einigen Wahrsagern und Obdachlosen abgesehen. Private Sicherheitskräfte mit Splitterwesten und Maschinenpistolen beschützten das InterContinental Hotel, das sich darauf vorbereitete, alle Gäste zu evakuieren und am Sonntagmorgen die Tore zu schließen.
Washington Post vom 31. August, Seite 1

Freitag, 29. August 2008

Streiflichter

Diese NYT-Persiflage einer Politikerrede ist sehr gut und sehr boshaft. Diese New-Yorker-Persiflage ist noch besser und noch boshafter.

Invasion

Die Erstsemester kommen und New Haven steht Kopf. Rund 1300 freshmen beziehen heute ihre colleges, die sich alle in der Altstadt ballen. Das Ergebnis: Stau auf allen Straßen im Zentrum, Gedrängel auf dem Bürgersteig, Gewusel auf dem Campus. Alles rennet, rettet, flüchtet. Die graduate students haben sich zumeist in die Bibliotheken geflüchtet. (Ich sitze gerade in der Sterling Memorial Library, doch selbst durch die Lesesäle ziehen lärmende Banden von freshmen und ihren Eltern.)

Erstaunlich, wie stolz und selbstbewusst die Erstsemester in New Haven auftreten, noch ehe sie ihre erste Vorlesung besucht haben. Ein Foto aus den Yale Daily News:



Eigentlich freut man sich so doch über ein gutes Zeugnis – und nicht, ehe die Arbeit überhaupt begonnen hat.

Nichtsoeilmeldung

Eben auf Spiegel Online (habe meine Startseite noch nicht umgestellt):
+++ EILMELDUNG +++
McCain ernennt Alaskas Gouverneurin Palin zur Vizekandidatin
Das ist doch mal eine Überraschung. Schnell bei der New York Times nachschauen:
McCain Chooses Palin as Running Mate
28 minutes ago
Wie lange ist eine Meldung im Internet-Zeitalter eigentlich noch eine Eilmeldung?

Donnerstag, 28. August 2008

Welcome to Yale

Immatrikulationsfeier an der Graduiertenschule. Eine große Vorstellung. Viele Kommilitonen aus den USA haben ihre gesamte Familie mitgebracht. Der Tag beginnt um 8.30 Uhr mit einem gemeinsamen Frühstück im courtyard, der verblüffend an den Innenhof von Hogwarts erinnert, wie man ihn aus den Harry-Potter-Filmen kennt. Das Frühstück ist für amerikanische Verhältnisse opulent. Es gibt sogar Obst und guten Kaffee. Man isst freilich – wie auch in amerikanischen Hotels – von Plastiktellern. Um 9.15 Uhr wird das Buffet abgeräumt; eine Mitarbeiterin der Uni-Verwaltung stellt Studenten und Gäste in einer langen Reihe auf. Auszug in Richtung Sprague Hall – vorbei an der Juristenbibliothek, in der sich einst Bill und Hillary Clinton kennengelernt haben.

In der Sprague Hall die eigentliche Immatrikulationsfeier. Rund 400 neue graduate students aus mehr als 50 Ländern stehen auf, als das Professorenkollegium in wehenden Talaren in den Saal einzieht. Fast wie in der Kirche. Uni-Präsident Richard Levin und der Chef der Graduiertenschule, Jon Butler, halten die Festreden. Zwei amerikanische Professoren wie aus dem Bilderbuch: Renommiert in ihrer Disziplin, jovial im Umgangston, ohne Scheu vor pathetischen Reden.

Diaschau: Immatrikulationsfeier

Um 10.30 setzt sich der Festzug wieder in Bewegung – diesmal zur Amtsvilla von Richard Levin. Auf dem Weg zum Uni-Präsidenten sperren Polizisten die Straße ab. Im Garten der Präsidenten-Villa begrüßen Levin und Butler jeden neuen Studenten mit Handschlag. Eintrag in das Matrikelbuch. Nach einem kurzen Imbiss im penibel gepflegten Garten zurück in die Graduiertenschule. Picknick im Hogwarts-Hof. Anschließend Einführung in die Uni-Strukturen. Noch komplizierter als in Tübingen. Knochtrockene Referate. Wenigstens ist der Raum schön mit Holz getäfelt.

Nachmittags eine Informationsmesse im Innenhof: Studentengruppen stellen sich vor. Es gibt einen Uni-Bauernhof, mindestens zehn Chöre, eine Initiative für sicheres Autofahren, einen Verband der chinesischen Studenten, einen Shabbat-Kreis für Graduierte. Am Abend noch eine Theateraufführung im Stadtpark. Gleich starten die Busse.

Mittwoch, 27. August 2008

Amerikas erster Spion

Eine nette Geschichte aus der Stadtführung. Auf dem Old Campus erinnert eine Statue an Amerikas ersten Spion, den Yale-Absolventen Nathan Hale. Im Sommer 1776 sollte Hale im Auftrag George Washingtons die Stellungen der Engländer auskundschaften. Voller Stolz erzählte Hale in der nächstgelegenen Kneipe von seinem Spezialauftrag. Unglücklicherweise war sein Sitznachbar ein englischer Zivilpolizist. Hale wurde auf der Stelle festgenommen und wenig später hingerichtet. Trotz seiner vollkommenen Erfolglosigkeit als Spion wurde der Yale-Absolvent ein amerikanisches Idol – wegen seiner letzten Worte: „Ich bereue allein, dass ich nur ein einziges Leben für mein Land geben kann.“

Mehr als 100 Jahre später interessierte sich die CIA für die Statue des ersten US-Spions auf dem Old Campus. Der Yale-Präsident wollte das Denkmal jedoch nicht verkaufen; auch einen Abguss erlaubte er nicht. Aus Furcht vor einer geheimen Kopie ließ er jeden Abend die Tore des Old Campus verschließen. Die CIA verschaffte sich dennoch Zutritt und weihte wenige Monate später vor ihrem Hauptsitz eine Hale-Statue ein – einen genauen Abguss des Yale-Exemplars.

Dienstag, 26. August 2008

Lux et Veritas

Seit Freitag an der Yale University in New Haven, Connecticut. Der erste Eindruck erschlagend. Ein riesiger Campus, alte Bäume, mächtige Neogotik, akademische Ehrfurcht. Das Uni-Motto: Lux et Veritas – Licht und Wahrheit. In den ersten Tagen läuft man als neuer Student wie ein Tourist durch die Gemäuer und fragt sich: Hierzu soll ich jetzt wirklich gehören?

Das Fremdeln nimmt von Tag zu Tag ab. Wahrscheinlich, weil ich inzwischen formal ein echter Yalie geworden bin – mit Studentenausweis und E-Mail-Adresse. Mehr noch, weil man schnell Anschluss findet. Jeden Tag stehen mindestens drei Einführungsangebote wie Bibliotheksführung oder Uni-Gottesdienst auf der Agenda.

Die erste Nacht an der Elite-Universität habe ich auf dem Fußboden geschlafen. Aus den vollmundigen Versprechungen der Austauschbetreuer, sich um eine vorübergehende Bleibe zu kümmern, wurde nämlich nichts. Merke: „Ich kümmere mich darum“ ist in Amerika mitunter nur eine Erklärung guten Willens.

Für die erste Nacht kam ich in einer Spontan-WG mit zwei weiteren Exil-Tübingern unter; am Wochenende konnte ich schon meine Wohnung im Studentenviertel East Rock beziehen. Craigslist sei gelobt! Seit Samstag habe ich nun eine Matratze, seit einem Ikea-Ausflug am Sonntag („Ladenschlussgesetz“ ist ein deutsches Wort) sogar eine Bettdecke. Es geht voran.

Freitag, 22. August 2008

L’instant décisif

100. Geburtstag des großen Henri Cartier-Bresson. Eine Auswahl seiner Fotografien – auch aus den USA – findet sich auf der Homepage der Fotoagentur Magnum.

Donnerstag, 21. August 2008

We the People

In Philadelphia, Ende des 18. Jahrhunderts größte Stadt und Hauptstadt der USA. Geblieben ist aus dieser Zeit ein Stadtzentrum, das auf winziger Fläche eine überwältigende Geschichte bietet. In zehn Minuten passiert man zu Fuß die Freiheitsglocke (von Amerikanern mit beinahe religiöser Inbrunst verehrt), die ehemaligen Gebäude des Verfassungsgerichts und des Kongresses, den zeitweiligen Sitz des US-Präsidenten und die Liberty Hall mit einem Denkmal George Washingtons.



In diesem Backsteinhaus wurden die Unabhängigkeitserklärung (zuvor in Monticello entworfen) und die Verfassung der USA verabschiedet. Der Plenarsaal ist mit einigen Originalstücken und viel Tand rekonstruiert.



Aber so sehr der fahrlässige Umgang des National Park Service mit historischen Stätten auch ärgert – erhebend ist es schon, in dem Saal zu stehen, in dem die US-Verfassung verabschiedet wurde.
We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.
Gar nicht historisch, sondern ganz modern angelegt ist das Projekt Philadelphia Wireless: Die gesamte Stadt soll kostenlos über ein riesiges Funknetzwerk Internetzugang erhalten. Bei meinem Test kamen freilich Erinnerungen hoch – ein solches Schneckentempo kannte ich noch von alten 33.6er-Modems. Es fehlte nur das lustige Fauchen und Krachen beim Einwählen.