Mittwoch, 5. November 2008

Liveblogging

Dienstag, 4. November 2008

Wahlnacht in Yale

00:18 Uhr. Es ist Morgen in Amerika.

00:17 Uhr. Ein große Rede. Eine bewegende Rede. Gettysburg Address und We shall overcome. Eher Messe als Wahlkampfveranstaltung „Yes we can“, ruft der Liturg. „Yes, we can“, antwortet die Gemeinde.

00:01 Uhr. „Der Wandel ist angekommen.“ Ruhiger und bescheidener kann man nicht triumphieren.

23:59 Uhr. Der neue Präsident kommt auf die Bühne, schließt kurz die Augen. Sekunden des Innehaltens mitten in der Öffentlichkeit – nach fast zwei Jahren Wahlkampf.

23:55 Uhr. In der Juristenfakultät wird Sekt aufgemacht.



Man beachte die Original-Yale-Plastikbecher mit Uni-Wappen.

23:44 Uhr. Zeit für noch größere Buchstaben.



„OBAMA. Rassenschranken fallen – Wähler stimmen in Ruf nach Wandel ein.“

23:26 Uhr. „Demokratie ist ein System, in dem Parteien Wahlen verlieren.“ (Demokratie-Definition des Politikwissenschaftlers Adam Przeworski von der New York University)

23:18 Uhr. McCain gesteht seine Niederlage ein: „Wir sind am Ende eines langen Weges angekommen. Die Amerikaner haben klar gesprochen.“ Als McCain von seinem Anruf bei Obama spricht, in dem er kurz zuvor seine Niederlage anerkannt hatte, buht das Publikum. McCain muss seine Anhänger mäßigen. Kurz darauf zum zweiten Mal. Die Niederlage einzugestehen – das macht die Demokratie aus. McCain hat die nötige Größe.

23:16 Uhr. Zeit für große Buchstaben.



Aufmacher der New York Times: „OBAMA. Rassenschranken fallen bei starker Wahlbeteiligung.“

23:10 Uhr. Neuer Ort: Hörsaal 127 der Juristen-Fakultät. Etwa 50 Zuschauer im Halbrund unter Ölgemälden.



23:03 Uhr. Gerade in die Juristen-Fakultät gekommen. Im Treppenhaus hört man einen kollektiven Schrei. CNN hat Obama als neuen Präsidenten ausgerufen.

22:45 Uhr. Party-Ende im Macmillan-Center. Die Tische werden abgeräumt. Sanfter Rausschmiss. Aber der Sack ist ja zu.

22:33 Uhr. An der Wettbörse Intrade wird McCains Siegchance inzwischen auf nur noch 1,2 Prozent eingeschätzt. Noch ein Staat für Obama und McCain ist ein Pennystock.

22:29 Uhr. Die Spannung, die man noch am späten Nachmittag auf dem Campus spüren konnte, löst sich in Wohlgefallen auf. Ein Professor löst Kreuzworträtsel. Bei den fanatischen Obama-Anhängern wird inzwischen mehr geknutscht als geklatscht. Im Nebenraum läuft ein Comedy-Kanal, auf dem bereits McCains Niederlage verwurstet wird.

22:21 Uhr. Trommelwirbel auf CNN. Neue Prognose: Texas geht an McCain. Hund beißt Mann.

22:19 Uhr. Zwei interessante Nebenaspekte:
  • Obama liegt bei der Zahl der Wahlmänner zwar weit vorn, bei den tatsächlich abgegebenen Stimmen führt er aber nur hauchdünn mit 50 zu 49 Prozent vor McCain. Das mag unfair aussehen, aber nachdem das verrückte US-Wahlsystem in 2000 und 2004 die Republikaner bevorzugt hat, sind diesmal eben die Demokraten an der Reihe.
  • Der Kongress scheint klar demokratisch zu werden. Die New York Times sieht die Demokraten im Senat mit 53 zu 33 Sitzen vorn, im Repräsentantenhaus mit 136 zu 84.
22:07 Uhr. Fernsehen allein ist langweilig. Parallel werden die Hochrechnungen im Internet gecheckt.



22:02 Uhr. Iowa geht an Obama. Bei den Hardcore-Demokraten hinten rechts im Raum bricht Jubel aus. 


„Give peace a chance“ wird angestimmt.

21:50 Uhr. Noch zehn Minuten, bis die Wahllokale in Iowa, Oregon und Nevada schließen. Wenn Obama diese drei Staaten wie erwartet gewinnt, ist er kurz vor dem Ziel. Wie sollte McCain dann überhaupt noch gewinnen? Er müsste schon Kalifornien holen. Und dann kommt der Osterhase.

21:48 Uhr. Pizza schmeckt gut. New Mexico an Obama. Applaus.

21:38 Uhr. Ein Blick auf die Wahlmännerzahlen zeigt, wie wichtig der Sieg in Ohio für Obama war. In allen battleground states zusammen ging es um 47 Stimmen. Mit Pennsylvania und Ohio hat Obama schon 27 davon geholt.

21:35 Uhr. CNN schlägt Ohio Obama zu. Ein wichtiger Sieg. Hinten rechts im Saal geht inzwischen wirklich eine Party.

21:28 Uhr. Im Macmillan-Center wird die Stimmung immer gelöster. Das neue Bier ist eingetroffen und Obama liegt in den Hochrechnungen klar vorn. 174 zu 69 laut CNN. Selbst die erzrepublikanischen Fox New sehen Obama mit 183 zu 81 vorn. Fast schon langweilig. Links neben mir schlägt eine Kommilitonin ein Buch über die Armutsbekämpfung in Indien auf.

21:22 Uhr. Der Wahlabend hat einen Durchhänger. Ergebnisse auf Staatenebene, aber nichts wirklich Neues im Rennen Obama/McCain. Mal schauen, was die Prognosen um 22 Uhr bringen.

21:07 Uhr. Der Direktor des Macmillan-Center, der Demokratietheoretiker Ian Shapiro, greift sich das Mikrofon: „Es kommt gleich mehr Pizza und mehr Bier.“ Große Begeisterung im Publikum.

21:05 Uhr. Yale-Professor David Mayhew lenkt den Blick auf den Kongress. Noch stehe die demokratische Mehrheit nicht. Aber die Chancen seien gut. Sein Kollege Alan Gerber zum Rennen um die Präsidentschaft: „Die Kommentatoren im Fernsehen sagen, dass es hart wird für McCain. Das halte ich für ein Understatement. Schaut zu, wie Obama gewinnt!“

21:01 Uhr. CNN schlägt Michigan und Minnesota Obama zu. Fast 30 Stimmen mehr für den Demokraten. Der Jubel in Yale wird etwas stärker.

20:57 Uhr. Ein merkwürdiger Wahlabend. Nichts Genaues weiß man nicht, andauernd Werbepausen im Fernsehen. Und das letzte Wahllokal in Alaska schließt sowieso erst in vier Stunden. Alles komisch. Da freut man sich schon auf den nächsten Herbst, die anständige Bundestagswahl-Prognose um 18.00 Uhr auf ARD/ZDF.

20:44 Uhr. Laut CNN jetzt doch Pennsylvania an Obama. Im Macmillan-Center bekommt das niemand so richtig mit. Yalies diskutieren pausenlos. Sogar heute Abend. Gebannt auf die Leinwand gestarrt wird jedenfalls nicht. Erstaunliche Gelassenheit.

20:42 Uhr. CNN hält Florida, North Carolina, Ohio, Pennsylvania und Virginia für „too close to call“. Das Rennen ist noch zu eng, um eine Prognose abzugeben. So gesehen ist alles weiter offen.

20:38 Uhr. Freude über jede Stimme.



20:35 Uhr. Wechsel zu NBC, die mutiger als CNN Prognosen abgeben. Laut NBC sieht es gut aus: Obama 103, McCain 34 Wahlmänner. Inzwischen die ersten Obama-Sprechchöre. Hinten rechts im Macmillan-Center sitzen die hartgesottenen Fans.

20:22 Uhr. Im Macmillan-Center kommentieren die beiden Yale-Politikwissenschaftler Alan Gerber und David Mayhew den Wahlabend. Gerber berichtet, dass an der Politwettbörse Intrade die Wahrscheinlichkeit eines McCain-Siegs inzwischen auf weniger als 5 Prozent eingeschätzt wird. Gestern waren es noch rund 10 Prozent. Hauptgrund: Florida, der Zitterstaat par excellence, scheint an Obama zu gehen. Zum ersten Mal so etwas wie Jubel im Macmillan-Center.

20:18 Uhr. Die amerikanische Schicksalsnacht. Und CNN bringt – Werbung. Da kennen die amerikanischen Fernsehsender keine Gnade.

20:14 Uhr. Die Ergebnisse tröpfeln nach und nach ein. Sicherheit gibt es noch lange nicht. Auf der Leinwand im Macmillan-Center läuft CNN, auf den Laptops der Yalies färben sich die Landkarten der anderen Sender ein. MSNBC erklärt Obama zum Sieger in Pennsylvania. Das wäre doch was.

20:02. Uhr. Prognose um acht. Viele blaue Staaten auf der Leinwand. Der Applaus bleibt aber noch verhalten. Im wichtigen Virginia scheint McCain vorn zu liegen.

19:56 Uhr.
Die Wahlparty im Macmillan-Center beginnt. 


Die Politikwissenschaftler der Uni laden ein. Pizza, Bier und CNN.


Zum Wählen bitte hinten anstellen



Lange Schlangen vor dem Wahllokal im Zentrum von New Haven. Vor allem Yalies geben hier ihre Stimme ab und müssen – wie Wähler in großen Teilen der USA – Geduld beweisen.

Auf dem Campus spürt man, dass der 4. November ein besonderer Tag ist. Viele T-Shirts und Buttons mit Obama-Aufdruck. Wer schon gewählt hat, zeigt das mit einem Sticker. Selbst Professoren tragen stolz den runden Aufkleber.

Get out the vote

Selbstversuch als Freiwilliger für Obama. Es ist ganz einfach: Man schaut in der Wahlkampfzentrale im Zentrum von New Haven vorbei, trägt sich als Freiwilliger ein und bekommt eine Namensliste zum Abtelefonieren. Freiminuten für den change.


Get out the vote heißt die Strategie: Die Wähler in den umkämpften Staaten daran erinnern, zur Wahl zu gehen. Am Montagnachmittag habe ich in Ohio angerufen, am Dienstagmorgen in Florida – zwei entscheidende swing states. In der eigenen Umgebung muss man keinen Wahlkampf machen: Connecticut ist eine sichere Bastion für die Demokraten.

Die Telefonate sind genau durchgeplant: Man bekommt ein Drehbuch mit vorbereiteten Formulierungen. Bislang mit etwa zehn Amerikanern und 90 amerikanischen Anrufbeantwortern gesprochen. 

Der erste Anlauf hat etwas Überwindung gekostet; der Hanns-Joachim Friedrichs im Hinterkopf hat sich ganz schön beschwert. Aber schließlich bin ich gerade aus der Berichterstattung raus. Da darf man sich auch mal gemein machen mit einer guten Sache.


Auf jedem Tisch, an jeder Wand ein Obama-Zitat der vergangenen Tage:
Wie können es uns nicht erlauben, das Tempo zu drosseln, uns zurückzulehnen oder nachzulassen für einen Tag, eine Minute oder eine Sekunde. Nicht jetzt. Nicht, wenn so viel auf dem Spiel steht.
Ohne Pathos geht es hier einfach nicht.

Eine Bitte für heute

Jetzt wählt ihn doch einfach.


Foto: Damon Winter/New York Times

Montag, 3. November 2008

Realitätsschock

Die vergangenen zehn Tage kaum etwas anderes als Sigma-Felder und Verteilungsfunktionen gesehen, der Zwischenklausur in Statistik sei dank. An Nachrichten ist während dieser Zeit etwa folgendes bei mir hängen geblieben:
  • Volkswagen wird das teuerste Unternehmen der Welt.
  • Die USA verletzen mal eben so die territoriale Integrität Syriens.
  • Hoffenheim steht an der Spitze der Bundesliga.
  • Die Zuversicht der amerikanischen Konsumenten sinkt auf das niedrigste jemals gemessene Niveau.
  • Erstmals spricht ein deutscher Verteidigungsminister von gefallenen Bundeswehrsoldaten.
Kann es sein, dass die Welt irgendwie gerade etwas aus der Ordnung gerät? Nur mal so dahingefragt.

Heute dann der echte Realitätsschock: Zu Hause in Hessen geht es drunter und drüber. Nach der Statistik-Klausur erst einmal die gesamte dpa-Berichterstattung aus Wiesbaden gelesen. Spannender als jeder Thriller. Was ist bloß aus der hessischen SPD geworden? Das war doch mal die stolze Partei des großen Georg August Zinn. Und jetzt? 
Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat.
Friedrich Dürrenmatt

Lernen wie in Oxford

Auch nach mehr als zwei Monaten in Yale staunt man immer noch über die Kommilitonen. Zum Beispiel über eine Inderin, mit der ich mich vor der Zwischenklausur in Behavioral Economics zum Lernen getroffen habe. 

Auf der Literaturliste standen genau 25 Einträge mit Sternchen, also Bücher und Aufsätze, die man auf jeden Fall gelesen haben muss. „Komm, wir machen das immer abwechselnd“, schlug meine Kommilitonin vor. „Einer hat 2 Minuten Zeit, um das Paper zusammenzufassen, danach stellt der andere 3 Minuten lang böse Fragen zum Modell. So haben wir das in Oxford auch immer gemacht.“ 

Früher in Oxford. Das hört man öfter. Oder die Kommilitonen kommen aus Cambridge oder von der Ecole Normale Supérieure.

Tübingen olé!

Großartig auch ein schwarzer Kommilitone, der (wenn man ihn mal in der Kneipe trifft) jeden zweiten Satz mit fuck beendet. Muskelbepackt und mit tief ins Gesicht gezogener Mütze – ein rechtschaffener weißer Mittelstandsamerikaner wollte ihm im Dunkeln nicht auf der Straße begegnen. (Zu diesem Thema übrigens eine dringende Leseempfehlung.) 

Um Mitternacht trifft man den Kommilitonen aber meistens nicht in der Kneipe oder auf der Straße, sondern in der Bibliothek. Er arbeitet für das Seminar von Tony Blair, in dem er einen Platz ergattert hat. Dort sitzt die Elite der Elite: 25 Yalies, ausgewählt aus etlichen hundert Bewerbern.

Praktische Intelligenz (oder ihr Fehlen)

Ein paar Szenen aus dem Uni-Alltag:
  • Zwei Yalies haben gerade ihre letzte Zwischenklausur geschrieben. Nach all dem Statistik-Lernen wollen sie etwas ganz anderes als Zahlen sehen und laufen zur Kunstgalerie. Einmal quer den Campus. Leider ist Montag. Und montags haben auch in Amerika die Museen geschlossen.
  • Im prächtigen Speisesaal der Graduertenschule, Architektur wie aus einem Harry-Potter-Film. Ein Yalie stellt sich liebevoll seinen Salatteller zusammen, holt sich Suppe, in die er Croutons und Pistazienkerne streut. Er sitzt sich an einen Tisch und steht sofort wieder auf. Mit Besteck lässt es sich besser essen als ohne.
  • Ein Yalie will auf keinen Fall zu spät zur Klausur um 8.30 Uhr kommen. Ausnahmsweise also mit dem Bus fahren. Grüne Linie, kein Problem. Am Abend zuvor sucht er den Fahrplan heraus, morgens wartet er pünktlich an der Haltestelle. Nach vier Stationen wundert sich der Yalie, warum sein Bus in Richtung Uni-Klinik fährt und nicht zum Campus. Dann sieht er an der Bustür ein oranges Schild mit der Aufschrift: „Orange Line.“ An der grünen Linie klebt wohl ein grünes Schild. Hätte man im Kindergarten mal besser aufgepasst!
  • Eine Yale-Studentin aus Deutschland wollte ihren Geburtstag am vergangenen Mittwoch schon zur deutschen Mitternacht feiern. Also öffnete sie am amerikanischen Dienstag um 18 Uhr eine Flasche Sekt. Leider war es da in Deutschland erst 23 Uhr. Deutschland hatte nämlich schon auf Winterzeit umgestellt. Amerika noch nicht.
Man weiß ja nicht genau, wie hier die Studenten ausgewählt werden. Aber so viel ist sicher: Nach praktischer Intelligenz geht es jedenfalls nicht.

PS. Es bleibt dem geneigten Leser überlassen, die einzelnen Beispiele nach autobiographischen Bezügen des Verfassers zu untersuchen.

Samstag, 1. November 2008

Walsers Sprachwurzelbürste

Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet.
Zwei Sätze, die gegeneinander laufen. Zwei Sätze, vollgepfropft mit acht Personalpronomen, ehe die Auflösung folgt: Er ist Goethe (der Vornamenlose, wie er später immer wieder heißen wird), sie ist Ulrike von Levetzow. So beginnt Martin Walsers Roman „Ein liebender Mann“ über den 73-Jährigen und die 19-Jährige.

Ein echter Walser-Einstieg. Zu typisch, wenn man ihn neben den Beginn der Autobiographie „Ein springender Brunnen“ legt:
Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird. Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte.
So wird der geniale Einfall zur Masche. Aber das ist Krittelei. Wichtiger ist die Sprache, die den „Liebenden Mann“ trägt. Walsers Sprache, die sich anfühlt, als sei der Autor mit der Wurzelbürste über seinen Text gegangen. Eine eckige, aber niemals grobe Sprache. Ein Ton, der Goethes Liebe zu Ulrike von Levetzow in ihrer ganzen Tragik und Komik erzählt –manchmal in nur einem Satz:
Er stand vor ihr, wäre gern auf die Knie gesunken, wusste aber, dass das Aufstehen misslingen konnte.
Am stärksten ist der Brief, den Walser Goethe an Ulrike von Levetzow schreiben lässt, nachdem der Urlaub in Marienbad vorüber ist. Eins vorweg: Walser hat (in Tübingen) über Kafka promoviert. Also: Goethe ist zurück in Weimar, zurück bei seiner eifersüchtigen Schwiegertochter Ottilie, die sich selbst krank und in ihrem Bett gefangen hält, um Goethe ein schlechtes Gewissen aufzuzwingen ob seiner Liebe zur 19-Jährigen. Goethe schreibt an Ulrike:
Es hilft, dass ich nicht weiß, ob ich, was ich Ihnen schreibe, gleich werde schicken können. Auch weil ich fürchte, Ottilie hat unsere Postmenschen herumgebracht, bezaubert, bestochen oder bedroht, so dass nichts von mir Weimar verlässt, was ihr nicht vorher gezeigt wird. Einen Brief von mir an Sie würde sie sofort konfiszieren. (...) Ich könnte Stadelmann beauftragen, den Brief in Kranichfeld oder Blankenhain oder Bettelstedt aufzugeben. Falls Ottilie nicht überhaupt schon alle Postbeamten im weiteren Umkreis herumgebracht hat. Verfolgt darf ich mich fühlen, auch wenn die Post noch nicht gegen mich eingenommen ist. Verfolgt von einer aus tausend Quartieren stammenden Oberaufsicht. Jede Art von Sitte, Moral, Gewohnheit, Anstand und Ordentlichkeit hat sich zu einer einzigen Oberaufsicht zusammengefunden, um mir auf jede Art zu sagen, ich sei unmöglich.
Franz von Goethe sitzt an seinem Schreibtisch am Frauenplan in Prag, ein Stockwerk unter dem Zimmer von Ottilie Samsa, und schreibt die Synthese aus Werther und Prozess an Dora Levetzow. Man liest es mit Staunen.