Freitag, 21. November 2008

Playboy, Peter Pan und Martin Niemöller

Busfahrt nach Boston. Beim Warten vor der Abfahrt komme ich mit einem Amerikaner ins Gespräch, der in den achtziger Jahren als GI in Schwäbisch Gmünd stationiert war. Er spricht noch hervorragend Deutsch und erzählt mir, dass er einmal im Monat nach New York fährt, um in einer deutschen Kneipe Dinkelacker vom Fass zu trinken. Dann zieht er den Playboy aus seinem Rucksack und zeigt mir stolz die deutschen Sprechblasen, die er den Fotomodellen an den Mund geschrieben hat. Begegnungen in Amerika.

Im Peter-Pan-Prekariats-Bus nach Norden. Unter den Reisenden ein halbes Dutzend Yalies, die schon frühzeitig zum Footballspiel gegen Harvard fahren. Wie durch Zauberhand sitzen die Studenten alle im gleichen Teil des Busses. Fast alle tragen die inoffizielle Yale-Ausgehuniform: beige Hose, Polohemd, Pulli. Was machen Yalies während der Fahrt? Auf dem Blackberry oder dem iPhone herumtippen, New York Times lesen, über die besten Streiche gegen Harvard reden,  vor allem aber Literatur für ihre Kurse lesen. Ringsum sitzen die anderen Reisenden: Trainingsanzug statt Ausgehuniform, die krawallige New York Post statt der seriösen New York Times. Sofort fährt um die Yalies herum eine unsichtbare Mauer hoch.

Am Morgen noch auf Spiegel Online gelesen, dass ein Reiseblogger das Rathaus von Boston zum hässlichsten Gebäude der Welt gewählt hat. Nachmittags an dem Betonklotz vorbeigelaufen. Die Meinung kann man schon teilen. Dafür hinter dem Rathaus ein Gedenkstein mit einem Zitat von Martin Niemöller, der prägenden Gestalt meiner hessischen Landeskirche:
Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.

Als sie mich holten,
gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

das ist ja toll, ein Niemöller-Zitat (in Deutsch?) in Boston! Ich freu mich immer wieder über deine Fundstücke vom Wegesrand.
Danke!
mvz

pfink hat gesagt…

Das Niemöller-Zitat steht in englischer Übersetzung auf dem New England Holocaust Memorial in Boston. Wie mir jetzt erst aufgefallen ist, findet sich auf dem Gedenkstein in Boston ein Absatz, den die Originalfassung (in der Wiedergabe der Martin-Niemöller-Stiftung) nicht enthält:

Then they came for the Catholics, and I didn’t speak up because I was a Protestant.