Mittwoch, 8. Oktober 2008

Gegenpropaganda

Yale ist wunderschön. Für Touristen. 

All die ehrwürdigen Gebäude! Die wunderschönen Vortragssäle! Die vielen US-Präsidenten, die hier studiert haben!

Yale kann schrecklich sein. Für Studenten.

Yale ist furchtbar, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und liest und rechnet und nichts will funktionieren. Wenn man sich fragt, wie man jemals das Abitur, geschweige denn den Studienplatz an der Elite-Uni bekommen hat. Und dann verlässt man nachts die Juristen-Bibliothek und läuft über den Cross Campus. Amerikanische Geschmacklosigkeit. Oxford in der Disney-Variante. Gebäude, die eine falsche Tradition vortäuschen. Hinter den erleuchteten Fenstern der Sterling Library reihen sich Millionen Bücher, die alle rufen: Du hast keine Ahnung von mir – solltest du aber haben. 

Man läuft zum Yale-Bus und weiß schon vorher, dass der Fahrer ein Schwarzer sein wird. Wie eigentlich alle Uni-Angestellten mit hässlichen Jobs und schlechten Arbeitszeiten. Wenn der Bus vor der Wohnung im Studentenviertel East Rock hält, beeilt man sich, zur Tür zu kommen, weil der Uni-Polizei-Chef erst am Mittag eine Rundmail über das neueste Verbrechen an einem Studenten verschickt hat. Und dann kommt man in die Wohnung und setzt sich noch einmal an den Schreibtisch – mit Jacke und Schal, weil ein Mitbewohner im vergangenen Jahr die Heizöl-Rechnung nicht bezahlt hat, die Temperaturen in Neuengland aber auch in diesem Oktober wieder in den Keller fallen. So ist Yale.

Zum Glück nur manchmal. Heute Abend geht es eigentlich ganz gut. Schon um kurz nach Mitternacht aus der Bibliothek gekommen. Und die erste Vorlesung am Mittwochmorgen beim Finanzkrisen-Papst Bob Shiller. Besser kann es ja eigentlich nicht kommen.

Update: Ein Propaganda-Stück aus dem Archiv gibt es hier und eine Außenperspektive (in der fairen Meinungsmitte) dort.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Nichts Neues in der Debatte

Nach den ersten 30 Minuten Fernseh-Debatte zwischen Obama und McCain wieder in die Bibliothek. Nichts Neues mehr nach den ersten beiden Diskussionen der Präsidentschaftskandidaten und ihrer Vizes. Obama und McCain wiederholen zumeist ihre altbekannten Aussagen – manchmal wortwörtlich. Aber der Umgangston ist schärfer geworden.

McCain kommt das Format einer Bürgerversammlung gelegen. Gleichwohl schlägt sich Obama in den ersten 30 Minuten souverän. Jede Attacke McCains kann Obama sofort parieren.

McCains Bewegungen vor dem Publikum wirken angestrengt. Bei einer Frage zu seinen Prioritäten muss er sich beim Moderator erkundigen: Um welche Politikfelder ging es noch einmal? McCain wirkt heute vor allem alt.

Ein Fall für Psychologen

Eine zufällige Zwischenbilanz der Finanzkrise in Amerika: Die Aktienkurse brechen Tag für Tag weiter ein. Die Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr. Autoverkäufe, Häuserpreise, Einzelhandesabsatz – alles sackt ab. In den USA gibt es nicht eine einzige Investmentbank mehr. Die Zentralbank muss den letzten Ramsch als Sicherheit für Kredite akzeptieren.

Inzwischen ist die ganze Welt in den Sog der abstürzenden US-Volkswirtschaft geraten. Der russische Aktienmarkt am Montag mit fast 20 Prozent Verlust. Unfassbar.

Am meisten sorgt mich aber, dass nichts gegen diese Krise zu helfen scheint. Das milliardenschwere US-Rettungspaket von vergangener Woche? Wirkungslos verpufft. Die Ankündigung einer Leitzinssenkung? Der Dow Jones reagierte mit einem Minus von 500 Punkten. 

Kein einziges ökonomisches Instrument scheint mehr zu greifen, weil im Markt jegliches Vertrauen fehlt. Diese Krise ist kein Fall für Volkswirte mehr. Sie ist ein Fall für Psychologen.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Amerika schaut auf Deutschland

Die Finanzkrise muss nur schlimm genug werden, dann schafft es sogar Deutschland einmal ganz nach oben bei den wichtigsten US-Medien:



Theater für Fortgeschrittene

Am Wochenende im Universitätstheater. Dem aktuellen Stück „Passion Play“ hat sogar der New Yorker, Amerikas letzte Kulturinstanz, eine Besprechung gewidmet. 


New Yorker vom 29. September

„Passion Play“ ist ein Theaterstück über drei Theaterstücke – Passionsspiele, die im mittelalterlichen England, im Oberammergau unter Hitler und in den USA der Reagan-Zeit aufgeführt werden. Es geht um von Religion und Staat, Homo- und Heterosexualität, Schauspiel und Wirklichkeit, Krieg und Frieden. Noch etwas vergessen? „Passion Play“ ist hoffnunglos überladen mit Themen, Motiven und Anspielungen, aber immer wieder brilliant.

Und kein Kindertheater. Ein Schild am Eingang warnt: „Die Aufführung enthält Zigarettenrauch, derbe Sprache, Sexualität und Gewalt.“ In Amerika kommt nicht einmal mehr die Kultur ohne Produkthinweis aus.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Fremdschämen

Das andere Amerika kommt auf einer 2 mal 3 Meter großen Leinwand nach Yale. Aber es kommt nicht gut an. Das andere Amerika ist an diesem Abend Sarah Palin.

Die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner gibt in der Diskussion mit Joe Biden ihre Paraderolle als hockey mom mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Der Staat? Eher Problem als Lösung. Die Finanzkrise? Ergebnis von Gier und Korruption. Schuld an den Problemen der US-Politik? Die Ostküsten-Elite.

Wenig Begeisterung bei der Ostküsten-Elite, die im Raum 118 der Graduiertenschule die Debatte verfolgt.

Palin erlaubt sich an diesem Abend keinen Patzer, den der Durchschnittszuschauer bemerken würde. Das Trainingslager auf John McCains Ranch scheint sich auszuzahlen. Einzig bei einer Frage zur Rolle des Vizepraesidenten kommt Palin ins Schlingern. Ob der Vizepraesident zur Exekutive oder zur Legislative gehöre? Palin flüchtet sich ins Vage. Sie hat offensichtlich die Frage nicht verstanden. Zeit zum Fremdschämen als Zuschauer.

Ganz anders Joe Biden, der in seiner Freizeit eine Vorlesung über Verfassungsrecht hält. Die Idee des Vizepräsidenten als Teil der Legistlative – wie vom bisherigen Amtsinhaber Dick Cheney befürwortet – nennt Biden bizarr. Nachdem er in den ersten Minuten das Fernsehstudio mit einem Plenarsaal verwechselt hat, findet Biden immer besser in seine Rolle. Vor allem in der Außenpolitik sticht der langjährige Senator seine Konkurrentin aus. Dabei kann Biden von seinem Haus in Wilmington aus nicht einmal Russland sehen.

Palin ist frech, will der Moderatorin immer wieder die Kontrolle über die Themen der Diskussion abnehmen. Dazu lächelt sie 90 Minuten ununterbrochen, als sei sie Hauptdarstellerin in einer Dauerwerbesendung. Gelächter bei den Zuschauern in der Graduiertenschule über ihre Umgangssprache. Betcha, darn right, heckuva. Solche Ausdrücke versucht man in Amerika schon den Kindern abzugewöhnen. Als Zuschauer fragt man sich: Ist das noch die Originaldebatte oder schon die Persiflage in der Daily Show?

Wenn der Boden unter den Füßen verschwindet

Unter allen schlechten Optionen, die derzeit auf dem Tisch liegen, ist der Rettungsplan – von Finanzminister Henry Paulson als kurzer Entwurf eingebracht und inzwischen auf 451 Seiten angeschwollen – noch die beste Variante. Vorausgesetzt, das Repräsentantenhaus lässt das Gesetz morgen im zweiten Anlauf passieren – was bleibt dann von dieser Woche hängen? 
  • Das Bild eines Präsidenten, der das Parlament Tag für Tag anfleht, doch bitteschön endlich die USA zu retten. Der mächigste Mann der Welt, hilflos.
  • Der CNN-Splitscreen während der gescheiterten Abstimmung im Repräsentantenhaus am Montag: Auf der linken Bildschirmseite zählen die Nein-Stimmen der Abgeordneten nach oben, auf der rechten Seite fällt der Dow Jones im Sekundentakt in die Tiefe. Und man weiß nicht, wann der Sturz enden wird. Als Zuschauer das Gefühl, dass gerade der Boden unter den Füßen verschwindet. Ähnliches hat New-York-Times-Kolumnist Thomas Friedman empfunden:
Ich habe während meines Lebens nur wenige Male um mein Land gefürchtet: 1962 während der Kuba-Krise; 1963, als John F. Kennedy ermordet wurde; am 11. September 2001; und am Montag, als die Republikaner im Repräsentantenhaus das Rettungspaket abgeschmettert haben.
  • Das Gespräch mit einem Mitbewohner, der mich im WG-Flur fragte, welche Bank heute untergegangen sei. „Ein paar, unter anderem Wachovia“, sagte ich. Die Antwort: „Oh Mann, da habe ich mein ganzes Geld.“

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Schmuus

„Moomendemal – verstehen Sie die Hessen?“, fragt Welt Online heute und bewirbt den Artikel sogar im Kopf der Homepage. Da freut sich natürlich der Hesse im Exil an der amerikanischen Ostküste (übrigens eine echte Tradition) – aber leider nicht lange. Welt Online kleistert nämlich aus zwei privaten Webseiten eine Wörterliste zusammen und arrangiert das Ganze mit einem vollkommen kompetenz- und humorfreien Begleittext. Das war’s auch schon. Kostprobe:
Als Besucher könnte man fast glauben, die Hessen betrieben mit ihrer Mundart einen Hochleistungssport – und zwar in der Disziplin Mundfäule.
Sehr lustig. Und vor allem: Den Vorwurf der Mundfaulheit hätte man sich ja noch gefallen lassen. Aber Mundfäule ist nun wirklich etwas anderes.

Wer tatsächlich den hessischen Dialekt (und Charakter) kennenlernen will, dem sei ein Beitrag aus der Hessenschau vom 26. Juli empfohlen. Vordergründig ein Stück über rollende Bankfilialen im Vogelsberg, tatsächlich aber ein wunderbares Sittengemälde des Hessen an sich.

PS. Schmuus, der: (hessisch) sinnloses Gerede.

Spam

Inzwischen ist die Finanzkrise selbst im E-Mail-Postfach angekommen, Abteilung Abseitiges. Zwischen Angeboten für Viagra-Lieferungen und Casino-Besuche sind die ersten Mails zur Finanzkrise im Spam-Filter hängengeblieben. Sowohl ein gewisser Tommie Estes als auch ein Josiah Pitts lassen mir freundlicherweise „Antworten auf die Rezession“ zukommen. Kämpferischer ist die Mail eines gewissen Ray Rocha mit dem Betreff „Boykottiere die Rezession“. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Vor allem, wenn das Rettungspaket auch im zweiten Anlauf scheitert. Dann hilft nur noch die Mail von Ima Azalee: „Schmerzmittel? Wie haben alles zu günstigen Preisen.“